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Altersdepressivität

Manche Lebensphase ist von einer derartigen Gestalt, dass sie zu einer heftigen Lebenskrise führen kann. Die Pubertät gehört dazu, sehr oft auch die berühmte Krise der Lebensmitte. Eine weitere solche Phase ist das Älterwerden und das Alter. Die Charakteristika und Beschwernisse dieser Phase können zu Melancholie und depressiven Verstimmungen führen, manchmal erwächst daraus sogar eine klinische Depression.

Älterwerden als krisenhafter Einschnitt im Leben

Das Älterwerden hat manch schöne Seite. In der Regel hat man die „Rush-hour des Lebens“ mit ihrem Getriebensein und typischen Rennen um Beruf, Karriere, Partnersuche, Familiengründung und Hausbau hinter sich. Die ersten Krisen wurden vielleicht erfolgreich gemeistert, das gibt Selbstvertrauen und Gelassenheit. Ein besseres Wissen um die eigenen Bedürfnisse, eine bessere Menschenkenntnis und mehr Lebenserfahrung schenken mehr Lebensqualität. Viele Menschen werden altersweise und altersmild. Vor allem Männer erlauben sich jetzt oft eine Weichheit und Gefühlsausdruck wie Jahrzehnte vorher nicht. Die Kinder, so vorhanden, sind groß; Frauen werden unabhängiger und können eigenen Interessen nachgehen.

Aber das Älterwerden ist auch ein klassischer krisenhafter Einschnitt im Leben wie die Pubertät oder die Krise der Lebensmitte. Viele ältere Menschen haben Momente von Melancholie, andere Phasen depressiver Verstimmungen. Wieder andere versinken in einer klinischen Depression, aus der sie allein oft nicht mehr herauskommen. Die Tatsache, dass Jüngere ihre Befindlichkeiten oft nicht nachvollziehen können, macht es auch nicht einfacher.

Ich versuche, mich mit diesem Artikel an ein Thema heranzutasten, von dem ich bis jetzt nicht direkt betroffen bin. Was mich damit verbindet, sind etliche eigene Krisenerfahrungen sowie mancher ältere Mensch in meinem sozialen Umfeld, der mit einer solchen Altersdepressivität ringt oder gerungen hat. Auch bei manchen Teilnehmern konnte ich Spuren davon erkennen.

Wie üblich kann dieser Artikel nur Impulse geben, keine erschöpfenden Antworten liefern oder gar Behandlung sein. Ich möchte mit ihm auf etwas aufmerksam machen, was mir selbst in den letzten Jahren aufgefallen ist, was ich gelernt habe. Wenn er eine Saite in Ihnen zum Klingen bringen sollte, ist es keine Schande, sich Hilfe zu holen. Von Coaching und systemischer Beratung bis zu Therapie und medizinisch-psychologischem Fachpersonal gibt es genug Angebote. Manchmal hilft auch eine spirituell-geistliche Lebenshilfe.

Wie kommt es zu einer sogenannten Altersdepressivität?

Wie gesagt, das Älterwerden stellt grundsätzlich einen krisenhaften Einschnitt im Leben dar. Manche Menschen haben darunter mehr zu leiden, andere weniger. Doch die Veränderungen und Faktoren, die damit einhergehen, hinterlassen ihre Spuren bei allen Menschen. Und bei etlichen können sie eben zu Depressivitäten unterschiedlicher Art führen.

Diese Faktoren sind zum Beispiel:

Körperlich: Der Körper wird schwächer. Wehwehchen sind meist schon länger da. Körperliche Schmerzen, Beeinträchtigungen und schwere Krankheiten häufen sich jetzt. Vieles wie die Zufuhr mancher Nährstoffe braucht Unterstützung von außen, reguliert sich nicht mehr in ausreichendem Maße selbst. Man hat das Gefühl, dass alles irgendwie nachlässt und zerfasert. Gesundheit ist nicht mehr selbstverständlich, wird manchmal zu einem kostbaren Gut.

Geistig: Auch geistige Beeinträchtigungen bei Gedächtnis, Konzentration, kognitiven Fähigkeiten häufen sich. Demenzerkrankungen nehmen zu. Alterssenilität ist vielfach vorhanden.

Struktur: Bei vielen älteren Menschen fallen langjährige Gewohnheiten, Strukturen und Aufgaben weg. Die Berufstätigkeit wurde zwar oft geschmäht, gab aber auch Stabilität und Halt, die Familie forderte, zentrierte aber auch – beides fehlt nun. Viele ältere Menschen haben nicht gelernt, sich zu beschäftigen, sie haben keine Hobbys. Den klassischen alten Menschen, der allein vorm Fernseher sitzt, gibt es immer noch – trotz der vielen Angebote, die man mittlerweile für diese Altersgruppe macht.

Sinn: Wie ich schon sagte, haben Beruf und Familie gefordert, gaben aber auch Sinn, wurden vielleicht sogar als wichtig und freudebringend empfunden. Einige meiner Teilnehmer fielen schon vor dem Älterwerden in ein Loch, weil sie keine als sinnvoll empfundenen Aufgaben (mehr) hatten. Meist war die materielle Versorgung so gut, dass sie überhaupt keinen Aufgaben nachgehen mussten. Doch für Psyche und Seele war dieser vermeintlich paradiesische Zustand verhängnisvoll. Mindestens ein Mensch aus meinem weiteren sozialen Umfeld ist mit Eintritt in die Rente in eine schwere Depression gefallen. Depressiv kann auch werden, wer keine Ziele mehr hat, die es anzustreben und zu erreichen gilt.

Sozial: Wer älter wird, muss meist erleben, wie auch seine Eltern älter werden und sterben. Oft ist überdies irgendeine Form von Pflege notwendig, die Körper und Geist aller Beteiligten belasten kann. Eigene Kinder sind groß, gehen aus dem Haus, ziehen mit der heute geforderten Mobilität vielleicht weit weg. Das soziale Umfeld nimmt ab, vielleicht stirbt der Partner, liebe Menschen kämpfen mit Krankheiten.

Emotional: Die eigene Sterblichkeit lässt sich immer schwerer gedanklich beiseite schieben. Ängste, Panik und Endzeitstimmung können vorherrschen. Bei christlich geprägten Menschen sind mir Schuldgefühle und die Angst vor Bestrafung aufgefallen. War man gut genug, um in den Himmel zu kommen? Mehr und mehr Verluste sammeln sich an, Dinge, die vorbei sind. Unerfüllte Lebenswünsche drücken nieder. Das große Aufbäumen beginnt.

Mentale Muster: Die menschliche Psyche muss sich damit anfreunden, nicht mehr nach vorn, der Zukunft zugewandt zu blicken. Der Raum, der noch zur Verfügung steht, wird kleiner. Die Möglichkeiten werden geringer. Grenzen nehmen zu. Der Fokus wandert immer öfter in die Vergangenheit, die häufig nostalgisch verklärt wird.

Als Besonderheit habe ich zudem beobachtet, dass vor allem viele Menschen mit Selbstwertproblemen zu Altersdepressivität neigen. Vielleicht, weil sie ihren Wert oft aus Äußerlichkeiten ableiten, die jetzt wegfallen. Oder weil sie grundsätzlich zu einem eher negativen Denken neigen, bestenfalls bewusst positiv gegensteuern – und das fällt zunehmend schwerer.

Welche Formen kann Altersdepressivität annehmen?

Jeder Mensch ist verschieden, entsprechend verschieden können sich auch Depressivitäten äußern.

Möglich und aufgefallen sind mir zum Beispiel:

  • Passiv und antriebslos zu sein
  • Wehmütig und melancholisch zu sein
  • Sich zurückzuziehen und sich zu isolieren
  • Zu meckern, zu nörgeln oder zu schimpfen
  • „Unleidlich“, „schwierig“ und ungerecht zu werden
  • Unbeherrscht, gereizt, aggressiv oder sogar gewalttätig zu werden.

Aber auch ein gewisser Aktionismus ist möglich. Den Mann, der mit einer jungen Geliebten durchbrennt, gibt’s nicht nur als Vierzigjährigen, sondern auch als Siebzigjährigen. :-)

Gemeinsam ist meist eine gewisse Negativität. Alles wird negativer wahrgenommen und empfunden, entsprechend wird reagiert.

Auffallend oft sind sich nähernde runde Geburtstage oder weitere Schwellen wie der anstehende Renteneintritt Auslöser oder Kumulation einer solchen Entwicklung.

Wie kann man Altersdepressivitäten vorbeugen? Was kann man gegen sie tun?

Noch einmal, ich kann keine Antworten, Lösungen oder Behandlungen bieten. Ich möchte nicht „platt“ klingen, auch wenn mancher Tipp plakativ wirkt. Ich kann den Schmerz nicht nehmen, der mit all dem verbunden sein kann. Und jede Hilfe kann nur individuell erfolgen und zugeschnitten sein.

Mein oberstes Anliegen ist es, überhaupt auf dieses Phänomen aufmerksam zu machen. Denn oft bleibt es unerkannt, es wird nicht gegengesteuert und eine ohnehin schwierige Lebensphase kann noch schwieriger werden. Versuchen Sie, auch das Älterwerden bewusst zu gestalten. Vielleicht wird es dadurch etwas leichter.

Einige Anregungen könnten sein:

Körperlich: Tun Sie alles, was dem Körper und Ihrer körperlichen Gesundheit gut tut. Das kann Bewegung und Sport sein, körperliche Therapieformen, Wellness, medizinische Behandlungen. Alles, was körperliche Schmerzen mindert, mindert auch den seelischen Druck. Suchen oder schaffen Sie Lebensbedingungen, die Ihnen gut tun. Wie wollen Sie leben? Versuchen Sie zu akzeptieren, dass nicht (mehr) alles geht, und sich am Rest zu erfreuen. Der Philosoph Wilhelm Schmid (Literatur unten) rät auch, die Sinneswahrnehmungen nicht zu kurz kommen zu lassen, sinnlichen Erfahrungen und dem menschlichen Bedürfnis nach Berührung und Nähe Raum zu geben.

Geistig: Fürs Geistige, Verstand und Gedächtnis gilt in vieler Hinsicht das Gleiche. Pflanzliche Mittel können die Stimmung aufhellen, Antidepressiva werden in schwereren Fällen verschrieben. Immer würde ich mir für so etwas fachliche Hilfe holen, vom Apotheker bis zum Arzt und Therapeuten. Auch die geistige Fitness zu trainieren kann nützlich sein und auf andere Gedanken bringen.

Struktur: Gibt es Gewohnheiten, mit denen Sie Ihrem Tag einen gute Struktur geben können? Haben Sie Hobbys, Interessen, die jetzt endlich gelebt oder ausgebaut werden wollen? Was noch könnte Ihre Tage und Ihr Leben füllen? Soziales, politisches, ökologisches Engagement, Ehrenamt, Bürgergruppen, Vereine, Studium im Alter, eigene Enkel oder Nachbarskinder. Sie sind dran.

Sinn: Hobbys, Engagement und andere Menschen können Ihrem Leben den für uns Menschen so oft wichtigen Sinn geben. Was würde von Ihnen noch als sinnvoll empfunden werden? Mindestens eine Kollegin von mir hat zum Beispiel in ihren höheren Sechzigern beschlossen, beruflich noch einmal richtig durchzustarten. Im Lehnstuhl sitzen und stricken könne sie schließlich immer noch. :-) Jetzt ist auch Zeit für die „Liste vor der Kiste“, wie es eine Teilnehmerin nannte. Wovon träumen Sie noch? Was davon geht noch? Erfüllend kann für viele überdies die sogenannte Generativität sein: Welchen Beitrag wollen Sie über das eigene Leben hinaus leisten? Was wollen Sie weitergeben?

Sozial: Wir Menschen sind soziale Tiere und brauchen soziale Bindungen. Soziales Netz, Mitmenschen, Verbundenheiten, Vereine. Rausgehen und unter Menschen gehen, um von Grübeleien und negativen Gedanken wegzukommen. Und vergessen Sie auch unsere tierischen Freunde nicht. Für viele ältere Menschen sind Hund, Katze, Vogel ein echter Lichtblick.

Emotional: Was schenkt Ihnen gute Gefühle? Was lässt Sie sich leichter, freudvoller fühlen? Was tut Ihnen wieder gut, wie wollen Sie – so gut es Ihnen möglich ist – leben? Hier gilt auch das, was ich bei Struktur, Sinn und Sozialem sagte. Auch Religion, Spirituelles und Glaube können gut tun, trösten, Kraft, Sicherheit und Halt geben.

Mentale Muster: Ganz wichtig sind hier auch Ihre Denkmuster. Ich fasse einmal einiges zusammen.

* Seien Sie vorsichtig mit Gedanken wie „dies ist mein letzter Kühlschrank, den ich kaufe“. Damit muss man umgehen können, sonst können solche Gedanken Sie herunterziehen.

* Achten Sie auch auf unbewusste Koppelungen. Ein Beispiel: Die Eltern einer Kollegin waren beide mit Anfang bis Mitte 60 gestorben, beide hatten schweres Rheuma. Als meine Kollegin sich dem 65. Geburtstag näherte, fiel sie in eine schwere Depression und bekam ebenfalls heftiges Rheuma. Sie hatte ihren nahen Tod vor Augen. Als sie 66 wurde und immer noch am Leben war, besserte sich ihre Stimmung merklich, die Rheuma-Symptome verschwanden nach und nach. Mit 67 war sie geheilt. Das ist kein Scherz! Mehr noch, sie war ausgebildete Psychologin. Trotzdem tappte sie in die gleiche Falle wie viele andere auch.

* Versuchen Sie, das Gute in Ihrem Lebenslauf zu sehen. Ziehen Sie keine negative Bilanz und machen sich damit fertig, was Sie alles nicht getan oder falsch getan haben. In der Regel werden Sie getan haben, was Sie zu jenem Zeitpunkt tun konnten. Mehr geht einfach nicht. Seien Sie wohlwollend, liebevoll und verzeihend sich selbst gegenüber. Wilhelm Schmid (Literatur unten) nennt es auch, sein Leben so zu beurteilen, dass man es tragen kann.

* Versuchen Sie, Ballast und Belastendes loszulassen, alte Verletzungen, Kränkungen, Schmerzen, Enttäuschungen. Gibt es jemanden oder etwas, der / das Sie bei einem solchen Heilprozess begleiten kann? Versuchen Sie auch, (latente) Selbstwertprobleme zu heilen. Bemessen Sie Ihren Wert nicht nach Äußerlichkeiten, die vielleicht nicht mehr da sind oder im Schwinden begriffen sind. Und Vorsicht vor verklärender Nostalgie, nach der früher alles besser war und nun leider vorbei ist. Dies dürfte oft nicht der Wirklichkeit entsprechen.

* Zu Ballast und Belastungen gehören auch alte abgelebte, nicht (mehr) machbare Träume und Ziele, gehören Lebensmöglichkeiten und -konzepte, die nicht in Erfüllung gingen. Versuchen Sie zu akzeptieren, dass trotz aller modernen Möglichkeiten Ihr Einfluss auf Ihr Leben begrenzt ist. Das macht zufriedener und gelassener.

* Versuchen Sie aber auch zu sehen, was noch sein kann, zu träumen, Pläne zu schmieden und zu handeln. Wagen Sie immer wieder Neuanfänge – ganz kleine oder etwas größere. Wir Menschen sind auch lernwillige, wissbegierige Tiere. Anregungen halten uns jung.

* Versuchen Sie überdies, im berühmten Hier und Jetzt zu leben. Wir Menschen neigen oft dazu, in Vergangenheit und Zukunft zu denken und den Augenblick zu übersehen. Das kann gerade in diesem Lebensabschnitt die Lebensqualität erheblich mindern.

* Versuchen Sie, Dankbarkeit zu empfinden für das, was war, und für das, was ist, statt nur zu bedauern, dass etwas vorbei sein wird oder vorbei ist. Was haben Sie Schönes erfahren und erlebt? Was durften und dürfen Sie genießen?

* Versuchen Sie, ein Interesse am Leben, den Menschen und den nachfolgenden Generationen zu bewahren. Das geht zweifellos bei eigenen Kindern und Enkeln leichter. Doch diese Verbundenheit lässt Sie sich besser aufgehoben fühlen, vielleicht leichter loslassen. Dazu gehört auch die von mir oben erwähnte Generativität.

* Der näherrückende Tod lässt sich nicht ausklammern. Manchmal mag es gelingen, die Gedanken daran beiseite zu schieben. Philosophen und Psychologen empfehlen eher zu versuchen, eine Haltung zu ihm zu finden, einen Weg zu finden, ihn anzunehmen, zu versuchen, sich „in einer Unendlichkeit geborgen zu sehen“ (Schmid, Literatur unten). Egal, wie auch immer diese Unendlichkeit je nach Glauben und Vorstellung aussehen mag. Ob dies gelingen will, ist wohl vom Einzelnen und der Situation abhängig.

Grundsätzlich mag es hilfreich sein

  • zu versuchen, sich auf diesen Lebensabschnitt vorzubereiten
  • auf seine Gedanken und Verhaltensweisen zu achten
  • Depressivitäten zu erkennen, nicht zu verdrängen
  • und gegebenenfalls Hilfe zu suchen und anzunehmen.

Wenn es sich nicht gerade um eine klinische Depression handelt, mag auch ein Tipp von Wilhelm Schmid funktionieren. Danach sollen melancholisch-depressive Verstimmungen gerade dann oft von selbst vorbeigehen, wenn man sie einfach gewähren lässt und sich nicht krampfhaft bemüht, sie zu überwinden. In diesem Sinne: Ihnen alles Gute. :-)

Kurstipps:

Paket aus Selbstlernkursen: Lebe dein Leben
Paket aus Selbstlernkursen: Lebe deinen Traum
Seminar: Schreiben Sie die Geschichte Ihres Lebens. Wer bin ich? Was will ich?
Seminar: Lebe deinen Traum. Träume wahr werden sehen.

Literaturtipps:

Wilhelm Schmid: Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden.
Luise Reddemann: Zeiten des Wandels. Die kreative Kraft der Lebensübergänge.
Christine Westermann: Da geht noch was. Mit 65 in die Kurve. (Partnerlink zu amazon)

© 2017 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 18.07.17