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Schreiben für die Seele: Tipps für das autobiografische Schreiben

Autobiografisches Schreiben ist mehr, als nur die Öffentlichkeit mit seiner mehr oder weniger ersehnten Lebensgeschichte zu beglücken. 😉 Wer über sein Leben schreibt und dieses schreibend betrachtet, schreibt in erster Linie für sich selbst und für seine Seele. Warum das so ist und wie Sie dazu unter anderem vorgehen können, erfahren Sie hier.

Ich bin vor einigen Jahren mal gefragt worden, ob ich eine Kursreihe zum autobiografischen Schreiben für ältere Menschen entwickeln wolle. Ich habe abgelehnt, doch bei der Anfrage kamen sehr schön einige Motive vor, aus denen Menschen sich mit dem autobiografischen Schreiben beschäftigen.

Manche wollen ihr Leben der Nachwelt hinterlassen, damit an die Öffentlichkeit gehen oder ihre Familie beschenken. Das sind auch die, die oft ein regelrechtes Buch anstreben. Darum soll es in meinem Artikel nicht gehen.

Viele andere wollen aber auch nur ihr Leben Revue passieren lassen, es schreibend begreifen. Sie schreiben eher „szenisch“, verarbeiten einzelne Episoden, schreiben einfach, weil es ihnen gut tut oder weil sie damit bestimmte Dinge aufarbeiten wollen.

Warum autobiografisch schreiben?

Blockaden lösen

Ängste, die wir in unserem Kopf sitzen haben und nicht ausdrücken können, blockieren.

Bei Krankheiten, Schicksalsschlägen, Misserfolgen, Trauerfällen, Verlusten und so weiter hilft es, sich den Schmerz von der Seele zu schreiben. Denn immer noch sind solche Themen in unserer Gesellschaft oft tabu. Entsprechend haben wir nie gelernt, damit umzugehen. Schreiben kann dann ein Ventil sein.

Verarbeiten und verstehen

Schreiben kann helfen, bestimmte Dinge zu verarbeiten und sich selbst besser zu verstehen.

Die Rückschau erlaubt uns, Muster zu sehen und zu verstehen, „Altlasten“ zu bereinigen oder bestimmte Situationen besser zu durchschauen.

Schreiben kann ein Instrument sein, sich selbst, die eigenen Gedanken, Wünsche, Antriebe zu hinterfragen, neue Eigenschaften auszubilden und andere zu verlernen. Über sein eigenes Leben zu schreiben, kann Persönlichkeitsentwicklung pur sein.

Umformen und Sinn geben

Damit kann autobiografisches Schreiben auch helfen, sein aktuelles Leben zu gestalten. Denn unsere Erinnerungen sind keine detailgetreue Wiedergabe der Vergangenheit. Wir selbst und unsere jeweilige Sichtweise entscheiden, woran wir uns erinnern und wie wir uns erinnern. Wir wählen aus und interpretieren.

So ähnlich geht im übrigen auch mein Kurs „Schreiben Sie die Geschichte Ihres Lebens“ vor. Das autobiografische Schreiben ist hier kein reiner Selbstzweck. Der Kurs hat stattdessen eine starke Zukunftsorientierung. Nach dem Motto: Wer sich kennt und weiß, wie er „tickt“, kann seine Zukunft und sein Leben besser gestalten.

Für den Einstieg habe ich ein paar Tipps für Sie gesammelt.

Tipps für das autobiografische Schreiben

Eines vorweg: Da es meistens – und zumal in diesem Artikel – darum geht, autobiografisch zu schreiben, und nicht, seine Autobiografie zu schreiben, ist es relativ egal, ob Sie möglichst schön schreiben. Die Qualität Ihrer Texte ist nur dann interessant, wenn Sie mit dem Gedanken spielen, Ihre Lebensgeschichte als Buch herauszubringen.

Hängen Sie sich also bitte nicht damit auf, an Formulierungen zu feilen. Viel wichtiger sind im Autobiografischen Schreiben diverse Formen, sich zu erinnern.

Es ist zwar, wie gesagt, eine Tatsache, dass wir uns nie daran erinnern, wie etwas „wirklich war“. (Ganz davon abgesehen, dass auch dies im Auge des Betrachters liegt.) Unsere Erinnerungen hängen davon ab, wie wir über etwas denken.

Doch ohne Erinnerungen geht es nicht. 😉 Manche liegen uns sofort auf der Hand. Andere haben wir vielleicht aus Scham oder Schuldgefühl verdrängt. Umso wichtiger ist es, dass wir versuchen, sie herauszukitzeln.

Erinnerungen aktivieren

Foto-Alben sind eine erstklassige Möglichkeit, sich zu erinnern. Dia-Abende, Familien-Videos, Tagebücher, alte Briefe und Dokumente. Alles, was Ihnen hilft, die entsprechenden Anlässe Revue passieren zu lassen. Oder altes Kinderspielzeug, Muscheln vom Strandausflug – versetzen Sie sich in Gedanken in diese Zeit und frischen Sie Ihre Erinnerungen auf.

Oder denken Sie ein wenig um die Ecke. Fördern Sie Erinnerungen zutage, die nicht so klar mit etwas verbunden sind.

Sehen Sie zum Beispiel aus dem Fenster. Sehen Sie sich das letzte Blatt am nackten Baum gegenüber an. Fragen Sie sich: Woran erinnert mich das? Was fällt mir dazu ein? Vielleicht taucht blitzartig eine Erinnerung vor Ihrem geistigen Auge auf, wie Sie als Kind singend durch Blätterhaufen stürmen oder heiße Maronen essen. Folgen Sie diesen Bildern.

Oder nutzen Sie das nächste Klassentreffen und wandern Sie durch Ihre alte Schule. Schnuppern Sie an der alten Tafel, streifen Sie mit der Hand über die leeren Bänke. Ganze Schülergenerationen haben vielleicht darauf gesessen. Können Sie Ihr altes Ich sehen? Welche Anekdoten fallen Ihnen dazu ein? Welche Dramen? Welche Freuden?

Etwas aufarbeiten und analysieren

Wollen Sie ein bestimmtes Ereignis aufarbeiten, kann es auch Sinn machen, mit einem Fragen-Katalog zu arbeiten.

Rufen Sie sich die Szene wieder ins Gedächtnis und fragen Sie sich zum Beispiel:

  • Was ist alles passiert? Was habe ich erlebt?
  • Was davon war mein Anteil? Was habe ich getan?
  • Was war gut, was war schlecht? Was habe ich gelernt?
  • Was bedeutet das für mich, mein Leben und meine Zukunft?
  • Welche Konsequenzen will ich daraus ziehen?

Sie können die Fragen natürlich auch beliebig anpassen.

Es aus dem Unterbewusstsein locken

Ich erwähnte es oben schon: Manche Erinnerungen wollen einfach nicht. Wir haben sie zu tief in uns vergraben, sie abgeschüttelt oder vielleicht auch nie bewusst wahrgenommen.

Versuchen Sie dann, sie zu locken. Schreiben Sie zum Beispiel Julia Camerons Morgenseiten oder machen Sie ein kleines Free Writing.

Schreiben Sie automatisch, ohne zu gestalten. Überlegen Sie sich beispielsweise ein Thema und schreiben Sie drauflos. Ohne Punkt und Komma, so unzensiert wie möglich. Es geht nicht darum, „richtige“ Texte zu schreiben. Es geht eher darum, sich sozusagen in „Trance“ zu schreiben und alles an Gedanken herauszulassen, was Sie dazu in sich tragen.

Nach einem Teil fürs Ganze suchen

Oft sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wir können viele einzelne Szenen wiedergeben, doch welches Grundmuster dahinter steht, entgeht uns. Doch es gibt auch Schlagworte, Momente, Bilder, die dieses Grundmuster deutlicher verköpern. Suchen Sie nach ihnen.

Das können zum Beispiel „geflügelte Worte“ sein, die in Ihrer Familie kursieren und unterschwellige Werte und Glaubenssätze beinhalten. Sätze wie etwa: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Oder: „Die da oben machen mit uns sowieso, was sie wollen.“ Bringen Sie so etwas noch mit einzelnen Ereignissen aus Ihrem Leben zusammen und das Muster müsste klar werden.

Oder überlegen Sie einmal, welches Lieblingszitat Sie angeben, wenn Sie danach gefragt werden. Erstens wird es wahrscheinlich im Laufe Ihres Lebens wechseln. Und zweitens sagt es natürlich auch immer etwas über Sie selbst und Ihre aktuelle Sicht auf Ihr Leben aus.

Nach Zuhörern suchen

Wer autobiografisch schreibt, schreibt oft allein. Doch das muss nicht sein. Schnacken Sie per eMail über Ihre letzten Abenteuer bei der Suche nach der neuen Wohnung. Suchen Sie sich jemanden, dem Sie von persönlichen Hochs und Tiefs schreiben können.

Wie gesagt, unsere Kultur umgibt oft ein Tabu, was Ängste, Tod, Niederlagen und so fort angeht. Es fällt uns schwer, darüber zu reden. Schreiben macht es leichter, sich etwas – genau – von der Seele zu schreiben. Und es tut gut, wenn wir Menschen haben, die uns zeigen, dass wir (damit) nicht allein sind.

Neu programmieren

Und noch einmal: Autobiografisches Schreiben ist nicht nur Verarbeitung. Wir formen damit auch unsere Sicht von der Welt. Das bedeutet, wir bestimmen, ob wir uns zum Beispiel über eine schwere Kindheit grämen oder auch die guten Seiten darin sehen. Wir bestimmen, ob wir einen Job für einen Fehlschlag halten oder sehen, was wir daraus mitnehmen. Suchen Sie nach einzelnen schönen Momenten, und nach und nach werden Ihnen immer mehr einfallen. Dadurch wird nicht plötzlich alles rosarot erscheinen, doch es wird ausgewogener werden.

Schreiben Sie es sich von der Seele – und schreiben Sie für die Seele.

Ihr Leben ist die Quelle – und zugleich das Ziel dafür. :-)

© 2011 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 01.02.11

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