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Böse sein: 12 Ideen für mehr Eigen-Sinn im Denken und Handeln

Manche landen im Burnout. Andere sind „nur“ dauergefrustet, weil sie eigenen Bedürfnissen nicht folgen. Wieder andere fügen sich sogar Schaden zu, weil sie die Bedürfnisse anderer für wichtiger halten als die eigenen. Wenn Sie Ihre Interessen durchsetzen, gut für sich selbst sorgen und trotzdem auch dem anderen nutzen wollen, müssen Sie vor allem eines lernen: Böse zu sein. 😉

Werden Sie eigen-sinnig

Die Reha-Kliniken in diesem Land sind voll von Burn-Out-Opfern. Der Arbeitsplatz wird unter dem Diktat des „immer mehr und immer schneller“ zum Spießrutenlauf. Privat pendelt man zwischen schlechtem Gewissen (wenn man seinen eigenen Wünschen folgt) und Ärger auf sich selbst (wenn man das nicht tut) hin und her. Sozialer Druck, Normen und Konventionen zwängen uns in ein enges Korsett. …

Ich könnte noch eine Weile weiter machen, wie wir immer wieder gegen unsere eigenen Interessen handeln und welche Folgen das für uns hat.

Und ja, wir sind oft längst nicht so frei, wie wir gern wären. Und ich will sicher nicht dazu aufrufen, grenzenlos egozentrisch zu handeln, sämtliche Werte über Bord zu werfen oder gar kriminell zu werden. Ich glaube, das ist klar. 😉

Doch viel zu oft folgen wir Sachzwängen, die gar keine sind. Wir übernehmen ungefragt das, was andere oder die Gesellschaft uns vorleben. Oder mehr noch: Wir glauben nur, dass andere etwas von uns erwarten, während diese selbst nie auf eine solche Idee gekommen wären.

Es ist Zeit für ein bisschen mehr Eigensinn. Werden Sie „böse“. 😉

Hinterfragen Sie äußere Vorgaben, aber auch Ihre eigenen Muster. Suchen Sie nach Freiräumen und Möglichkeiten, etwas selbst zu gestalten. Entwickeln Sie Ihre eigenen Werte, statt blind die von anderen zu übernehmen. Konzentrieren Sie sich auf das, was Ihnen wirklich wichtig ist und was Sie glücklich macht.

Oder mit anderen Worten: Passen Sie sich nicht (blind) an die Bedingungen an. Sondern suchen und gestalten Sie sich die, die zu Ihnen passen.

Böse sein: 12 Ideen für mehr Eigen-Sinn im Denken und Handeln

So, lassen Sie mich noch etwas klarstellen, bevor wir anfangen: Natürlich gehört zum „böse“ oder „eigensinnig“ sein auch, Nein sagen zu können oder anderen Grenzen zu setzen. Das sind Grundfähigkeiten, die Sie immer wieder üben sollten.

Doch es ist mehr gemeint, viel mehr. Es geht teilweise wirklich an die Substanz und an Ihre innersten Muster und Verhaltensweisen. Ich kann hier zudem nur einen Ausschnitt, einige Beispiele liefern.

Machen Sie sich selbst auf die Suche und prüfen Sie, wo Sie – unnötig – gegen Ihre eigenen Interessen verstoßen oder sich sogar Schaden zufügen. Nutzen Sie die folgenden Punkte, um das Prinzip zu verstehen.

1. Hinterfragen Sie: Müssen Sie wirklich tun, was Sie gar nicht tun wollen?

Das sollten Sie bei allem, was Sie tun, regelmäßig überprüfen.

Müssen Sie zum Beispiel rund um die Uhr Kurse halten, um Geld zu verdienen? Oder ist das nur ein Muster, das Sie aus der Vergangenheit übernommen haben? Müssen Sie jeden Auftrag annehmen? Oder steckt dahinter nur die Angst, sonst zu kurz zu kommen? Müssen Sie Karriere machen oder wollen Sie damit nur Daddy zeigen, was in Ihnen steckt?

Was wollen Sie wirklich? Das sollte Ihre Ziele bestimmen, und nichts anderes.

Hinterfragen Sie auch: Erwarten die anderen wirklich x und y von Ihnen? Oder glauben Sie das nur? Beziehungsweise wenn sie es tun, wäre auch ein Kompromiss denkbar, um Ihre eigenen Wünsche und Grenzen zu respektieren?

2. Hüten Sie sich vor zu hohen Ansprüchen an sich selbst

Wenn Sie jeden zweiten oder dritten Tag hunderte Kilometer fahren, um Ihrer kranken Mutter zu helfen, und mal dringend eine Pause brauchen, müssen Sie nicht noch ein weiteres Mal fahren, nur weil zufällig Muttertag ist. Mmh?

Laden Sie sich nicht zu viel auf. Hören Sie auf, perfekt sein zu wollen. Lümmeln Sie auch mal nach Herzenslust herum, seien Sie faul und bequem. Wer den Bogen überspannt, bringt die Sehne zum Reißen – und dann hat der Rest der Welt auch nicht mehr viel von Ihnen. 😉

3. Lösen Sie sich von den Erwartungen anderer

Gut, falls man jetzt doch bestimmte Dinge von Ihnen erwarten sollte, dann hinterfragen Sie diese und riskieren Sie es – je nach Fall – ruhig, andere zu vergrätzen. Sitzen Sie zum Beispiel nicht auf glühenden Kohlen, ob die anderen auch mit Ihren Handlungen einverstanden sind. Und melden Sie sich nicht krank, nur weil Sie nicht nein sagen und absagen wollen.

Machen Sie sich nicht von der Anerkennung anderer abhängig. Die meisten Beziehungen überstehen einen kurzen Anfall von Ärger oder Enttäuschung. Und wo das nicht der Fall ist – nun, da sollte man lieber die Beziehung hinterfragen und gegebenenfalls beenden. Werden Sie nicht nur „böse“, sondern auch noch selbstständig im Denken und Handeln.

4. Vergessen Sie nie: Sie sind nicht Ihres Bruders Hüter

Eine gewisse Selbstlosigkeit und Sorge für den anderen ist gut. Doch schneiden Sie sich bitte nicht vor lauter Samaritertrieb ins eigene Fleisch.

  • Eine Beziehung sollte nicht (nur) für den anderen gut sein, sie sollte *Ihnen* gut tun.
  • Versuchen Sie auch nicht, andere zu schützen, wenn Sie dadurch selbst zu Schaden kommen.
  • Schonen Sie andere Menschen nicht aus falsch verstandener Rücksichtnahme, aus Harmoniedrang oder weil Sie ungute Reaktionen befürchten.
  • Übernehmen Sie nicht die Verantwortung für andere, wenn diese sie selbst tragen können.
  • Und treffen Sie auch keine Entscheidungen für andere, das müssen diese schon selbst tun.

Glauben Sie mir, ich habe das x-mal durch und am eigenen Leib erfahren: Das schafft mehr Probleme, als es sie löst. Ein kluger Spruch lautet „ich bin nicht meines Bruders Hüter“ – und von Ausnahmen mal abgesehen ist dieser Spruch nur zu wahr.

5. Geben Sie sich keinen übertriebenen Schuldgefühlen hin

Pflegen Sie deshalb auch bitte keine übertriebenen Schuldgefühle. Sie sind nicht verantwortlich für das Leben oder das Glück anderer. Diese wissen sich in der Regel oft genug selbst zu helfen – Sie müssen sie nur lassen.

6. Wahren Sie Ihre eigenen Interessen

Handeln Sie bitte nicht nach dem Motto „na ja, wenn ich es ertrage, lasse ich es mal laufen“ oder Ähnliches. Warum, zum Kuckuck, sollten Sie etwas ertragen müssen? 😉

Tun Sie nicht ausschließlich etwas für den anderen, um diesen nicht zu verletzen. Damit verstoßen Sie gegen Ihre eigenen Bedürfnisse. (Und meistens hat der andere auch nicht viel davon, oder Sie nehmen sich die Möglichkeit, andere, für beide befriedigendere Alternativen zu finden.)

Pflegen Sie zum Beispiel keinen Kontakt mit Menschen, mit denen Sie keinen Kontakt haben wollen. Der Schuss geht nach hinten los. Nehmen Sie auch nicht jeden Menschen in Ihr Leben auf, der einen Platz dort haben will. Das ist zwar sehr nett von diesem und ein Kompliment für Sie. Doch der Tag hat nur 24 Stunden und irgendwann sind schlicht alle „Kapazitäten“ erschöpft.

7. Muten Sie dem anderen Ihre eigene Wahrheit zu

Wagen Sie den Widerspruch. Äußern Sie Ihre eigene Meinung. Kämpfen Sie für Ihre Rechte.

Ich weiß, nicht jeder Chef lässt sich etwas sagen und manchmal hilft es nur, zu Betriebsrat und Co. zu greifen. Doch ich war früher „berüchtigt“ dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und meine rechtlichen Möglichkeiten zu nutzen – und trotzdem eine gefragte Arbeitskraft. Unterschätzen Sie da die Chefs nicht.

Gut, es hilft sicher auch, wenn man Sie sonst für Ihr Engagement kennt und Sie an Auftreten und Stil feilen. Man muss sich ja nicht gleich mit den Leuten anlegen. 😉

8. Erkunden Sie Ihre Spielräume und Freiräume

Viele träumen zwar von einer Auszeit, doch sie denken nicht ernsthaft darüber nach. Genauso geht es auch mit vielem anderem. Wir haben mehr Möglichkeiten, als wir glauben. Erproben Sie Ihre (vermeintlichen) Grenzen. Testen Sie, wieviel Spielraum Sie eigentlich hätten. Nehmen Sie sich Ihre kleinen Freiräume. Proben Sie den Aufstand und die kleine „Mini-Revolte“. 😉

Schreiben Sie im Normalfall strukturiert? Dann pflegen Sie das Chaos im Tagebuch. Laufen Sie nicht herum wie geleckt, nur weil Sie zum Bäcker gehen. Tun Sie sich keine Stöckelschuhe an, nur weil das – vermeintlich – alle tun.

Es ist wichtig, was Sie wollen und was *Ihnen* gut tut. Wenn Sie gern gestylt und geschminkt aus dem Haus gehen – nur zu. Wenn Sie auf den „natürlichen Look“ stehen – okay, dann halten Sie es so. (Nebenbei: Das mache ich auch.) Und wenn Ihr Arbeitgeber damit ein Problem haben sollte, sind Sie vielleicht beim falschen Arbeitgeber.

9. Üben Sie es, gegen Normen und Erwartungen zu verstoßen

Wer weiß, vielleicht braucht Ihr (Arbeits-) Team auch nur diesen Anstoß von außen, um selbst mit strengen Konventionen Schluss zu machen. Pflegen Sie den kreativen Ungehorsam. Werden Sie unkonventionell. Nur so bringen Sie die Dinge in Bewegung, und zwar durchaus auch zum Positiven in Bewegung.

10. Vorsicht vor zu hohen Idealen

Hüten Sie sich auch vor zu hohen Idealen. Erst recht, wenn diese an der Lebens-Wirklichkeit vorbeigehen und Ihnen oder anderen Schaden zufügen. Eine Partnerschaft gilt zum Beispiel nicht mehr automatisch lebenslang. Sie steht genauso auf dem Prüfstand wie alles andere auch. Wenn Sie trotzdem daran festhalten, könnte es sein, dass Sie damit mehr Schaden zufügen als verhindern.

11. Erlauben Sie sich Gefühle und äußern Sie Ihre Emotionen

Kinder sind oft noch „von Natur aus (in unserem Sinn) böse“. Das heißt, sie sind noch nicht so durch Regeln, Gebote und Verbote geprägt wie wir. Wenn sie sich ärgern, schreien und toben sie vielleicht fünf Minuten herum – und dann lacht ohne Übergang die Sonne wieder.

Nun macht es nicht viel Sinn, Ihre Interessen, Wünsche und Bedürfnisse mit Schreien und Toben durchsetzen zu wollen. 😉 Doch wer diese immer unter Verschluss hält, kocht früher oder später über oder frisst umgekehrt alles in sich hinein. Beides ist nicht sonderlich gut.

Erlauben Sie sich lieber Ihre Gefühle, erkennen Sie Ihre Bedürfnisse. Und dann lernen Sie, diese anderen angemessen mitzuteilen. Das ist zum Beispiel auch ein wichtiger Baustein bei der gewaltfreien Kommunikation.

12. Erkennen, hinterfragen und ändern Sie eigene Muster

So, und nun kommen wir noch zu einem sehr wichtigen Punkt, der überdies alles oben Gesagte zusammenfasst: Erkennen und hinterfragen Sie Ihre eigenen Muster und Gewohnheiten.

Es ist nämlich gar nicht so einfach, „böse“ zu sein. Jedenfalls nicht, wenn man das eigentlich nötig hätte. Als erstes müssen Sie Ihre Muster erkennen – feststellen, ob Sie sie verändern wollen – und dann verhindern, dass Sie in Automatismen zurückfallen.

Am besten überlagern Sie ein altes Muster durch ein neues. Dann geht es leichter.

Nehmen wir an, Sie ärgern sich, dass Sie aus dem Halbschlaf hochschrecken, ans Telefon rasen und anschließend – benommen – doch nur die Hälfte mitbekommen und einigermaßen fahrig wirken. Sie meinen es gut, natürlich. Doch im Endeffekt hat keiner etwas davon. Ein neues Muster wäre es, dass Sie das Telefon auf „stumm“ schalten, bevor Sie sich hinlegen. Den Rest erledigt der Anrufbeantworter.

Mehr dazu, wie Sie Gewohnheiten ändern, lesen Sie auch in meinem Artikel „Wie Sie in 11 Schritten Ihre Gewohnheiten ändern“.

Achten Sie auch darauf, ob Ihr bisheriges Verhalten, Ihre Ideale, Ihr Drang, Konventionen zu folgen, Ihr Wunsch, „gut“ zu sein, eher auf Erziehungsmuster zurückzuführen sind, oder ob bestimmte Situationen oder Motive der Auslöser dafür waren.

Beispiel: Sie wollen von allen Menschen gemocht werden. Sie wollen alles richtig machen. Sie verbiegen sich, um mit einem bestimmten Menschen zurecht zu kommen. Sie liegen im – bewussten oder unbewussten – Wettstreit mit anderen, wer von Ihnen „besser“ ist. Und mehr.

Dann sind jeweils andere Maßnahmen erforderlich. Oder wie es schon in der Medizin heißt: Erst die Ursache, dann die Therapie.

Achten Sie zudem auf Ihren „Schatten“. Das sind Wesensanteile, die man selbst nicht zu leben wagt, bei denen man aber spürt, dass sie einem fehlen, um „vollständiger“ zu werden. Deshalb fühlen wir uns beispielsweise zu Menschen hingezogen, die diese Muster aufweisen. Besser wäre es allerdings, sie selbst auszubilden und zu leben. Und oft sind das nun mal Verhaltensweisen, die man selbst „böse“ nennen würde.

Halten Sie die Balance, gehen Sie den Mittleren Weg

Bitte lassen Sie mich noch einmal betonen: Dies ist kein Aufruf zu blanker Ego-Zentrik. Sicher wird es auch nicht immer möglich sein, Eigen-Sinn zu entwickeln. (Beides bewusst so geschrieben.)

Doch viel zu oft denken wir gar nicht darüber nach, folgen blind vorgelebten oder erworbenen Mustern, und wundern uns, wenn wir uns damit Schaden zufügen.

Ich rede hier häufig von der goldenen Mitte oder der Balance. Die Buddhisten nennen es den „Mittleren Weg“. Beides meint das Gleiche: Hüten Sie sich vor Extremen. Nur sich selbst zu sehen und den anderen auszublenden, führt ins Unglück. Selbstlos nur an den anderen zu denken aber auch.

Es ist Ihre Aufgabe, achtsam auf die eigenen Belange zu achten, Einfühlungsvermögen zu entwickeln, Ihr Urteilsvermögen zu trainieren und sich in jeder Situation zu fragen: Ist das, was ich jetzt tue, wirklich gut für mich UND für den anderen? Halte ich die Balance?

Und wenn dem nicht so ist und Sie eher Normen, Konventionen, Erwartungen folgen, Sie die Anerkennung anderer suchen, Sie alles richtig machen oder immer gut sein wollen …: Dann lernen Sie, böse zu sein. Verrückterweise ist das in der Tat oft sogar gut für den anderen. 😉

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 21.05.12

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