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Der kleine Unterschied: So steigen Sie gekonnt in einen Text ein

von Heike Thormann

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Was tun, wenn Themen sich ähneln oder fader Einheitsbrei den Leser davon abhält, sich weiter als bis zur Überschrift vorzuwagen? Ein Tipp: Gehen Sie auf die Suche nach dem kleinen Unterschied. Verpassen Sie Ihrem Text seinen besonderen Dreh, an dem der Leser hängen bleibt.

Egal, ob die jüngste dpa-Meldung oder der Werbetext für den x-ten Hersteller von Cornflakes: Viele Themen ähneln sich schon fast zwangsläufig wie ein Ei dem anderen. Achten Sie mal darauf, wenn Sie die Zeitung aufschlagen, oder noch besser, lesen Sie gleich querbeet: Die Story vom jüngsten Raubüberfall wird sich in den diversen Medien oft nur wenig unterscheiden.

Dabei sind es gerade die Unterschiede, die Ihren Text für einen Leser interessant machen. Wenn Sie es schaffen, schon beim Ansatz des Themas oder spätestens beim Einstieg Ihrem Text seinen ganz besonderen Dreh zu verpassen, wird Ihr Leser neugierig werden und am Text dranbleiben.

Sich mit charakteristischen Einzelheiten von anderen Texten unterscheiden

Wo also ist es, das charakteristische Detail, die Besonderheit, der „Haken“, an dem der Leser hängen bleibt?

Gehen Sie auf die Suche.

Sind die Eier in Ihrem Werbetext auch von „glücklichen Hühnern“ gelegt worden? Mag sein, aber besonders ist das nicht, behaupten tun das viele. ;-)

Sind die Eier aber von Hühnern gelegt worden, die Bauer Karl und seine Familie auf dem heimischen Hof nach strengen Auflagen großgezogen haben, klingt das nach einer Story – und macht neugierig.

Gab es in der Nacht zum Dienstag einen Autounfall auf der Landstraße, bei dem zwei Menschen verletzt wurden? Das ist schmerzhaft für die Beteiligten, aber so vermutlich in den meisten Meldungen zu lesen.

Gab es hingegen in der Nacht zum Dienstag einen Autounfall, bei dem zwei frischgebackene Abiturienten auf dem Weg zum Abi-Ball verletzt wurden, weckt das Betroffenheit – und hilft dem Leser, sich mit Text und Beteiligten zu identifizieren.

Schreiben heißt Sehen. Gute Autoren, Journalisten, Texter werden die Augen nach diesem I-Tüpfelchen offen halten.

Den Leser mit dem Besonderen in den Text ziehen

Das besondere Detail hilft Ihnen aber nicht nur, sich von anderen Texten zu unterscheiden. Es zieht einen Leser oft auch erst in Ihren Text hinein. Denn während man im Alltagsgebrauch noch vom Allgemeinen zum Besonderen kommen kann, ist das bei Ihrem Text deutlich weniger angebracht.

Spätestens wenn Sie einen Artikel über die jetzige Finanzkrise mit einem Überblick über mögliche Wirtschaftssysteme beginnen, haben Sie verloren. So interessiert Ihr Leser aus aktuellem Anlass auch sein mag – nach den ersten Zeilen wird er innerlich abschalten und dem bald Taten folgen lassen.

Beginnen Sie dagegen mit einer Anekdote, einem Schnappschuss aus dem Leben der Beteiligten, einer persönlichen Aussage, einem farbigen Bild oder Ähnlichem, wird der Leser Ihnen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit folgen.

Greifen Sie für Ihren Einstieg, wann immer Sie können, zum Besonderen und Fassbaren. Selbst abstrakte (Wirtschafts-) Themen haben konkrete und fassbare Folgen. Und die sind es, die Ihre Leser berühren. Sie sind wieder der Haken, der die Aufmerksamkeit der Leser ködert.

Mit der Negativliste das Besondere sehen

Und wenn Ihnen nichts Besonderes einfallen sollte? Wenn Sie selbst die aufmerksame Suche nach dem Tüpfelchen auf dem I nicht weiterbringt?

Dann nutzen Sie die Methode der Negativliste, um doch noch das nicht ganz so Übliche aus Ihrem Thema herauszukitzeln. Fragen Sie sich, was Sie alles zu einem Thema nicht wissen, und nehmen Sie diese Fragen dann als Anlass, gezielt nach dem fehlenden Wissen – und damit dem besonderen Detail – zu forschen.

Ein einfaches Beispiel: Bleiben wir bei den glücklichen Hühnern und ihren Eiern, über die Sie etwas Besonderes schreiben wollen.

Dann könnten Sie sich zum Beispiel fragen:

  • Woher stammen die Hühner?
  • Wie sind sie untergebracht und leben sie?
  • Warum sind sie „glücklich“? Was trägt zu ihrem „Glück“ bei?
  • Inwiefern unterscheiden sie sich von „unglücklichen Hühnern“?
  • Warum ist es wichtig, dass die Eier von „glücklichen Hühnern“ stammen?
  • Welche Botschaft will man dem Leser damit übermitteln?
  • Welchen Nutzen, welches Bild soll er sehen?

Und so weiter, und so fort.

(Antwort: Die Hühner „mit Familienanschluss“, die traditionellen Werte des Halters, die artgerechte Haltung der Hühner (die wie aussieht?), die gesunde Ernährung (immer das beste Futter), die optimale medizinische Versorgung, und und.)

Wenn wieder einmal alles klar zu sein scheint (es gab halt einen Autounfall), Ihnen diese Antwort aber nicht reicht, um Ihrem Text seine besondere Note zu geben, graben Sie mit der Negativliste ein bisschen tiefer.

Wer weiß, vielleicht finden Sie ihn ja doch noch – den Haken, an dem Ihr Leser hängen bleibt. :-)

© 2008 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 24.12.08

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