Bleiben Sie auf dem Laufenden:
Newsletter lesen »
Feed lesen »




Ziele finden: Die Fabel vom Zielvogel

Manchmal bringt es ein Märchen besser auf den Punkt: Wissen Sie, wohin Sie wollen?

Es war einmal … So fangen sie an, die Märchen, denen wir als Kinder mit glühenden Wangen gefolgt sind. Nur als Kinder? Viele Märchen sind ganz eindeutig nicht für Kinder geschrieben und viele Erwachsene lesen immer noch gern Märchen. Zumal wenn es nicht nur Märchen sind …

Es war einmal ein Vogel, dem es sterbenslangweilig war. Immer dieselben Klippen mit denselben Nestern. Tagein, tagaus das gleiche Gekreisch von hunderten seiner Art. Sein Leben schien vorherbestimmt zu sein. Er würde seine Tage hier verbringen, brüten, alt werden und sterben.

Da musste es doch noch mehr geben. Ein Versprechen lag in der Luft. Ein Versprechen von Freiheit, eine Ahnung von Glück.

Also machte sich der Vogel auf, sein Glück zu finden.

Ziellos flog er über das Meer, Welle um Welle hinter sich lassend.

Da begegnete ihm eine Meeräsche. „Wohin willst Du, Freund Vogel?“, fragte sie. „Ich bin auf der Suche nach meinem Glück“, antwortete der Vogel. „Also“, sagte die Meeräsche, „ich sag Dir was: Wenn Du mir ein paar von Deinen schönen Federn gibst, verrate ich Dir, wo Du Dein Glück finden kannst. So ein schönes Kleid würde mir sicher gut stehen.“

Das schien dem Vogel ein guter Tausch zu sein. Er rupfte sich ein paar von seinen Schwingen aus und gab sie der Meeräsche. „Flieg nach Norden“, gab ihm die Meeräsche den Tipp, „immer nach Norden. Dort wirst Du Dein Glück finden.“ Sprach’s und verschwand.

Also flog der Vogel nach Norden und jagte über das Land, Schneefelder und glitzerndes Eis hinter sich lassend.

Da begegnete ihm der Nordwind, regenschwer und Kälte atmend, einen Bart von Rauhreif im Gesicht. „Wohin willst Du, Freund Vogel?“, fragte er. „Ich bin auf der Suche, mein Glück zu finden“, antwortete der Vogel. „Da bist Du hier verkehrt“, sagte der Nordwind, „aber ich sag Dir was: Wenn Du mir ein paar von Deinen schönen Federn gibst, verrate ich Dir, wo Du es finden kannst. So ein schönes Kleid würde mir sicher gut stehen.“

Das schien dem Vogel ein guter Tausch zu sein. Er rupfte sich ein paar von seinen gelichteten Schwingen aus und gab sie dem Nordwind. „Flieg nach Süden“, gab ihm der Nordwind den Tipp, „immer nach Süden. Dort wirst Du Dein Glück finden.“ Sprach’s und verschwand.

Also machte der Vogel kehrt und flog nach Süden. Meile um Meile fraß er die Entfernung, Wüsten und brennende Wälder hinter sich lassend.

Da begegnete ihm der Südwind, staubtrocken und Hitze atmend, kleine Flammen zuckten um sein Gesicht. „Wohin willst Du, Freund Vogel?“, fragte er. „Ich bin auf dem Weg, mein Glück zu finden“, antwortete der Vogel. „Nicht schlecht“, sagte der Südwind, „aber knapp vorbei ist auch daneben. Ich sag Dir was: Wenn Du mir ein paar von Deinen schönen Federn gibst, verrate ich Dir, wo Du es finden kannst. So ein schönes Kleid würde mir sicher gut stehen.“

Das schien dem Vogel ein guter Tausch zu sein. Er rupfte sich ein paar von seinen stark geschrumpften Schwingen aus und gab sie dem Südwind. „Flieg nach oben, immer nach oben“, gab ihm der Südwind den Tipp. „Dort wirst Du Dein Glück finden.“ Sprach’s und verschwand.

Also machte der Vogel kehrt und schoß in den Himmel. Schwer atmend und mühsam flog er dahin. Seine Schwingen fehlten ihm, seine Leichtigkeit war verloren.

Da sah er vor sich ein helles Licht. Mit letzter Kraft hielt er darauf zu – und stürzte der Sonne entgegen, nur die Spur einer Erinnerung hinter sich lassend.

Merke: Wenn man nicht weiß, wohin man will, kann man mehr verlieren, als man eigentlich wollte – und an fragwürdigen Orten landen. 😉

Das Motiv zu dieser Fabel ist der Seepferdchengeschichte von Robert F. Mager entnommen.

© 2006 Heike Thormann, Erstveröffentlichung Oktober 2006

Möchten Sie meinen Beitrag weiterempfehlen? Dann sage ich mal: Danke. :-)