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Kolumne: Die Mitte des Lebens

Bei Frauen stehen die Wechseljahre im Blickpunkt, bei Männern sind es die „Auswüchse“ der Midlife-Crisis. Doch bei der „Mitte des Lebens“, der „Krise der Lebensmitte“ geht es um mehr, viel mehr. Es geht um Abschied und Neubeginn, um Neuorientierung und Selbstfindung, um Lebensfreude und Lebensfülle und um die Fähigkeit, aufrechten Blicks zum Horizont sehen zu können. Ein paar Gedanken dazu.

Eine janusköpfige Zeit

Die Mitte des Lebens ist eine seltsame Zeit, eine janusköpfige Zeit.

„Früher räumte ich die Kissen weg, wenn eine Freundin sie nicht leiden konnte. Heute „räume“ ich die Freundin weg.“ (Sinngemäßes Zitat einer Bekannten)

„Ich fing melancholisch und voll Wehmut an – und höre mit einem deutlichen Gefühl von Aufbruch und Neuem auf.“ (Sinngemäßes Zitat aus Christine Westermanns Buch „Da geht noch was: Mit 65 in die Kurve“, das man meines Erachtens auch ganz gut auf die Lebensmitte übertragen kann. Partnerlink zu amazon, kleine Umsatzbeteiligung für mich.)

Was ist da los?

Ein tiefer Einschnitt mit Abschied von vielem

Die mittleren Jahre im Leben eines Menschen sind in vielerlei Hinsicht ein Einschnitt.

  • Kinderlose Frauen fühlen noch einmal deutlich die biologische Uhr, bevor sie mit den Wechseljahren Bekanntschaft schließen. Ihnen und ihrem Körper ist klar: Jetzt oder nie, sonst ist das Thema Kinder gegessen.
  • Männer in der Lebensmitte fühlen ein Nachlassen ihrer Kräfte, die Zeit der wilden Partys ist vorbei. Manche bäumen sich noch einmal auf, legen sich eine jüngere Partnerin oder eine Geliebte zu, fahren Harley oder Porsche, oder wollen es beruflich noch einmal so richtig wissen. Andere werden melancholisch und trauern vergangenen Zeiten nach.
  • Frauen in der Lebensmitte wittern dagegen oft Morgenluft. Die Kinder sind groß, ihr Rücken ist frei, mit dem Partner hat man sich längst auseinandergelebt – die Zahl der von Frauen angestoßenen Scheidungen ist in diesen Jahren so groß wie zu keinem anderen Zeitpunkt. Andere Frauen wiederum fallen mit dem Auszug der Kinder in ein tiefes Loch.
  • Erste Verluste, Krankheiten, Todesfälle stellen sich ein. Die Eltern werden älter und vielleicht pflegebedürftig.

Der Mensch realisiert: Die Zeiten des ewigen Aufwärts sind vorbei. Altern und Tod sind keine theoretische Betrachtung, sondern Realität. Forschungen haben gezeigt, dass das Lebensgefühl der Menschen zu keiner Zeit so tief sinkt wie jetzt. Die „Krise der Lebensmitte“ ist da.

Ich habe über dieses Thema auch mit drei Freundinnen gesprochen, die alle im selben Alter sind wie ich, Anfang 40. Natürlich nimmt jede diese Zeit anders wahr, passend zu ihren Lebensumständen, ihren Einstellungen und ihrem Charakter. Und doch kann man Muster erkennen.

  • Freundin A war schon immer relativ stark an ihrem Äußeren interessiert. Konsequenterweise macht sie sich jetzt vor allem Gedanken darüber, wie sie die „Verfallserscheinungen“ des Körpers kompensieren kann. Also etwa: Welche Anti-Aging-Crèmes gibt es? Was kann man gegen die nachlassende Sehschärfe tun, ohne eine Brille tragen zu müssen? Wie peppt man seine Haarfarbe auf? 😉
  • Freundin B neigt schon mal zum negativen Denken. Sie denkt im Moment viel über Endlichkeit, zunehmende Wehwehchen, Krankheiten, Altern und Tod nach.
  • Freundin C scheint mit ihrem Leben im Moment ein wenig unzufrieden zu sein. In ihr kitzelt und lockt es: Das war doch wohl noch nicht alles? Da geht doch noch mehr?
  • Tja, und ich neige zur Nostalgie. Ich lebe gern, hänge mein Herz an alles und jeden und trauere dann schon mal um das, was nicht mehr ist oder nicht mehr sein wird, das Leben inbegriffen. 😉

Ein Neubeginn mit Besinnung auf sich selbst

Aber Achtung, das war noch nicht alles.

Denn wenn man erst einmal durch diesen Tiefpunkt hindurch ist, steigt das Lebensgefühl der meisten Menschen kontinuierlich wieder an. Fast so, als ob man eine Weile braucht, um mit diesen unangenehmen Tatsachen des Lebens fertigzuwerden, sich dann schüttelt wie ein junger Hund und entschlossen ist, die zweite Hälfte seines Lebens, seine Zukunft umso besser und bewusster zu gestalten. (Achtung: Ich rede vom Normalfall, nicht von chronischen Depressionen, stark vom Leben Gebeutelten oder Ähnlichem mehr.) Das Zitat von Christine Westermann oben gibt es schön wieder.

Und  – es passiert auch etwas Neues. Darauf spielt das Zitat meiner Bekannten an. Denn zu keiner Zeit wird der Mensch „egoistischer“ als jetzt. (Von notorischen Egozentrikern mal abgesehen.) Wobei ich das „egoistisch“ hier durchaus positiv im Sinne von Selbstfürsorge und Selbstliebe verstehen möchte.

In Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter sind wir in hohem Maße von anderen abhängig. Wir passen uns an, um nicht abgelehnt oder im Stich gelassen zu werden. Wir wollen alles richtig machen, hangeln uns von Stufe zu Stufe, von Schule über Ausbildung, Studium, Beruf, die Karriereleiter hinauf. Wir wollen einem Partner gefallen, um gegebenenfalls eine Familie zu gründen. Passend räumte meine Bekannte immer brav die Kissen weg, die ihrer Freundin ein Dorn im Auge waren, um diese nicht zu brüskieren.

Doch in der Lebensmitte ändert sich das oft auffallend. Das ist nicht nur ein Forschungs-Ergebnis. Das haben mir auch immer wieder Teilnehmer aus ihrem Leben erzählt, und das habe ich an mir selbst gespürt.

Ich kann mir vorstellen, dass das durch äußere Umstände begünstigt wird: Die Kinder sind groß, eine Partnerschaft ist vor allem für Frauen nicht mehr so wichtig, beruflich hat man meistens schon einiges erreicht, den Eltern ist man nicht mehr zu Gehorsam verpflichtet. Jetzt ist Raum für das eigene Ich.

Ich könnte mir vorstellen, dass das aber auch eine Folge der inneren Entwicklung ist: Wie gesagt, das Bewusstsein von der Begrenztheit des Lebens wächst. Und damit auch das drängende Bedürfnis, jetzt endlich das zu tun, was wirklich gut für einen ist, was man selbst möchte, was einem wichtig ist – bevor alles vorbei ist. Jetzt lockt und ruft das eigene Leben. Passend zieht meine Bekannte nun – etwas überspitzt formuliert – die geliebten Kissen der Freundin vor, die ihr deshalb nur Stress gemacht hat. 😉

So weit, so gut. Die frohe Botschaft lautet also: Dieser tiefe Einschnitt im Leben ist mehr oder weniger normal. Sobald man den Boden, das Tal des „U“ durchschritten hat, geht es mit dem Lebensgefühl und dem Leben wieder aufwärts. Und mehr noch: Es geht nicht nur aufwärts. Es winkt die Chance auf einen „zweiten Frühling“, auf ein Leben, das in viel höherem Maße zu einem passt als alles, was man vorher gekannt hat.

Fragen, die zum Denken – und Handeln – einladen

Doch ich knacke auch, wie üblich, noch an diversen Fragen. Und einige davon möchte ich Ihnen mitgeben:

  • Warum machen wir uns so sehr von Äußerlichkeiten abhängig, dass manche regelrecht in ein schweres Tief stürzen, wenn diese abhanden zu kommen drohen? (Auch ich töne mir mittlerweile die Haare und will meinem kleinen Bäuchlein mit mehr Sport zu Leibe rücken. ;-))
  • Warum brauchen wir den „Weckruf“ der verrinnenden Jahre, um uns zu fragen, wie wir die verbleibenden Jahre füllen, also wie wir selbst wirklich leben wollen? (Ich nehme mich da nicht aus.)
  • Warum ist so vieles in unserer Gesellschaft ein Tabu, von den Wechseljahren bis zum Tod, so dass wir völlig unvorbereitet in diese „großen Fragen“ stolpern und jeder im Grunde auf eigene Faust darum ringt, damit umgehen zu können? Warum klammern wir ganze Bereiche unseres Lebens aus unserem Bewusstsein und bewussten Alltag aus? Warum ist das kein selbstverständlicher Teil unseres Lebens?
  • Und passend dazu: Warum muss immer alles Hochglanz-geeignet sein? Warum dürfen wir keine Tiefs und Täler kennen, müssen wir immer funktionieren, muss immer alles aufwärts gehen, wenn schon das Leben selbst in Wellen verläuft?
  • Warum dürfen wir nicht immer wieder neu anfangen? Warum müssen wir es geschafft haben und solide werden, etwas vorweisen können? Die USA kennen wenigstens eine „Kultur des Scheiterns“, bei der man versucht und wieder aufsteht. Hier bei uns ist das ein Makel.
  • Warum müssen vor allem wir Frauen über 40 werden, bis wir anfangen, uns zu fragen, wer wir sind und was wir wollen? Warum stehen wir bis dahin (oder länger) im Schatten unserer Männer und Kinder?
  • Warum haben wir, vor allem als Männer, es nötig, uns immer und immer wieder zu beweisen? Warum können wir nicht einfach wir selbst sein, schätzen und sehen, wer und was wir sind?
  • Warum also brauchen wir die Krise der Lebensmitte, bis wir anfangen, die Konditionierungen der Gesellschaft abzuschütteln, nach innen zu blicken und wir selbst zu sein?
  • Und als Letztes: Warum müssen wir erst einen Geschmack vom Ende bekommen, um das genießen zu können, was ist – und was vielleicht noch sein wird?

Der Blick hinter den Horizont

Etliche Jahre habe ich die „Mitte des Lebens“ eher als Bergfest gesehen. Und wie jeder weiß, bringt man einem Bergfest ziemlich gemischte Gefühle entgegen. Schließlich geht es danach mit dem Urlaub, oder wo auch immer man das „Bergfest“ feiert, bergab und zuende. Und ja, auch bei der Mitte des Lebens gibt es vieles, was bergab und zuende geht. Das lässt sich nicht leugnen. Der Spielraum wird kleiner. Doch man kann es auch anders sehen: Als Gipfel. Und hinter diesem Gipfel warten am Horizont weitere Gipfel und Gipfel und Gipfel. Mmh? 😉

Kurstipp:

Paket: Lebe dein Leben

Lesetipp:

Artikel: 10 Tipps, wie Sie Lebensübergänge bewältigen

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 03.02.14

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