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Inhalt, Sprache und Stil sind nicht alles. Wer schreibt, sollte eine wichtige Instanz nicht aus den Augen verlieren: Den Leser. Das kann bedeuten, eine bestimmte Zielgruppe zu berücksichtigen, aber es geht weit darüber hinaus. Für den Leser zu schreiben, heißt, fürs menschliche Gehirn, für menschliche Eigenschaften und Marotten zu schreiben. So geht’s.

Manche sagen, Schreiben sei eine Bringschuld. Immer mehr Texte können und wollen heute gelesen werden. Sie buhlen um die Aufmerksamkeit des Lesers. Wer schreibt, kann nicht mehr davon ausgehen, dass man ihn schon lesen wird. Wer schreibt und gelesen werden will, sollte sich überlegen, was er tun kann, damit sein Text in der Fülle der Informationen besteht.

Inhalt und Nutzen sind wichtig. Eine gefällige Sprache macht es leichter. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik künden von Kompetenz. Auch ein bisschen Werbung kann nicht schaden. Doch es gibt noch eine Instanz: Den Leser. Versuchen Sie, für unsere Gehirne, Eigenschaften und Marotten zu schreiben. Umso besser stehen die Sterne für Ihre Texte.

I. Grenzen des menschlichen Gehirns

Für das Kurzzeitgedächtnis schreiben

Unser Kurzzeitgedächtnis soll für ein Zeitfenster von nur zwei bis drei Sekunden ausgelegt sein. Bei allem, was über diese Dauer hinausgeht, bekommen wir Probleme. Das bedeutet: Halten Sie zusammen, was zusammengehört, Verben, Sätze, Informationen. Seien Sie vorsichtig mit der sogenannten Verbklammer: Diese erlaubt, die Bestandteile und Zeitformen eines Verbs beliebig weit auseinander zu reißen. Doch mehr als einen Einschub von etwa 12 Silben vertragen wir nicht so gut. (Beispiele: „Reißen Sie nie … auseinander“, „er hatte … auseinander gerissen“.) Seien Sie vorsichtig mit Ihren Sätzen. Achten Sie darauf, dass man jeden Teilsatz gut verstehen kann, und hüten Sie sich vor zu langen Einschüben. (Beispiel: „Hüten Sie sich, weil unser Gedächtnis blablabla …, vor zu langen Einschüben …“) Und handeln Sie Informationen kompakt ab: Schreiben Sie zunächst etwas zu A, dann zu B, und so fort.

Für Gedankenführung schreiben

Wir können keine Gedanken lesen – schriftlich schon gar nicht – und wir brauchen eine folgerichtige Gedankenführung. Haben wir A verstanden, können wir B verdauen. Für Sie bedeutet das: Servieren Sie Ihren Lesern eine lineare, aufeinander aufbauende Abfolge von Argumenten. Natürlich können Sie auch gezielt mit Brüchen, Sprüngen, Andeutungen und Überraschungen arbeiten. Doch all das bedeutet einen erhöhten Arbeitsaufwand fürs Gehirn, es kann Missverständnisse verursachen oder dazu führen, dass der Leser gar nichts mehr versteht. In vielen Fällen ist es hilfreich, der Reihe nach zu schreiben und den roten Faden zu halten. Fragen Sie sich immer, ob Ihr Leser Ihnen wohl bis zum gerade Erwähnten folgen kann. Erst dann geht’s weiter zum nächsten Punkt. Auch optische Gestaltungsmittel können helfen. (Mehr dazu in meinem Artikel „Tipps für ein gutes Layout: Das Auge liest mit“.)

Für Informationsspeicher schreiben

Wir neigen auch dazu, Informationen in unterschiedlichen Abteilungen, Arealen zu speichern. Wenn Sie aus heiterem Himmel von der Entenzucht zur Quantenphysik übergehen, müssen Ihre Leser nicht nur den abrupten Themenwechsel verdauen. Sie müssen überdies sozusagen die Abteilung wechseln, um einschlägige (Fach-) Begriffe wiederzufinden oder neue Informationen zu verstauen. Auch das bedeutet wieder einen erhöhten Arbeitsaufwand fürs Gehirn. Bieten Sie Ihren Lesern stattdessen einen Rahmen: Kündigen Sie an, was als nächstes kommt. Geben Sie einen Überblick. Stimmen Sie auf das Thema ein. Und lassen Sie erst dann konkrete Details folgen.

II. Potenziale des menschlichen Gehirns

Für visuelle Wahrnehmung schreiben

Wir interpretieren die Reize der äußeren Welt durch unsere Sinnesorgane. Und die meisten Menschen neigen dazu, vor allem stark visuell zu denken und wahrzunehmen. Wir denken in Bildern und machen uns ein Bild von etwas. Sie können diese menschliche Eigenschaft fürs Schreiben nutzen. Sprechen Sie die Sinne Ihrer Leser an. Liefern Sie Stoff fürs menschliche Vorstellungsvermögen. Erzeugen Sie mentale Abbilder. Das geht mit einer konkreten, bildhaften Sprache. „Bäume“ liefern noch kein Bild. Beim „Weihnachtsbaum“ dagegen feuert das Gehirn vieler Leser ganze Bündel von Assoziationen und Bildern ab: Geschmückte Tannenbäume im heimischen Wohnzimmer. Weihnachtskrippen unterm Baum. Schneegekrönte Tannen auf dem Marktplatz. Der Duft von Gebäck. Kirchenglocken im Ohr. Ihr Leser ist jetzt hellwach und begeistert dabei. Nutzen Sie es für Ihre Texte.

Für mentale Abbilder schreiben

Wie gesagt, wir neigen dazu, uns mentale Bilder von etwas zu machen. Auch viele alltägliche, vertraute Worte speichern wir als Bild. Wir erkennen sie „auf einen Blick“, ohne uns näher mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Sie zu lesen fällt erheblich leichter, weil wir sozusagen von Bild zu Bild springen. Alltägliche Begriffe wie Baum oder Haus sind deshalb besser als ungewohnte Kunstprodukte wie Materialbeschaffungsmaßnahme. Schreiben Sie, wann immer Sie können, nicht nur bildhaft, sondern auch einfach und vertraut. Wo das nicht gehen sollte, helfen einfache, bildhafte Erläuterungen und Beschreibungen.

III. Weitere menschliche Eigenschaften

Für begrenzte Aufmerksamkeitsspanne schreiben

Wir Menschen haben nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne. Was uns nicht mehr oder weniger schnell packt, geht verloren. Vermeiden Sie in Ihren Texten deshalb alles Langatmige. Kommen Sie auf den Punkt und streichen Sie alles Überflüssige. Achten Sie darauf, Ihre Leser nicht unnötig Zeit zu kosten. Auch starke, neugierig machende Einstiege können helfen, die heute immer geringer werdende Aufmerksamkeit Ihrer Leser zu fangen.

Für menschliche Emotionalität schreiben

Natürlich sind wir auch emotionale Wesen. Packen Sie die Leser bei ihren Gefühlen, unterhalten Sie, bedienen Sie den Lust- und Spaßfaktor. :-) Das geht mit Inhalten, aber auch mit einer schönen, „genussvollen“ Sprache. Anschauliche, anregende Zusätze sind ebenfalls prima. Das können sein: Bilder, Beispiele, Geschichten, Fragen, Zitate, Witze und mehr.

Fürs laute Lesen schreiben

Früher wurden Texte oft laut gelesen. Selbst wer allein für sich las, murmelte den Text leise vor sich hin. Und auch, wenn wir heute meist still lesen, haben wir die Notwendigkeit, in Gedanken die Worte zu formulieren, beibehalten. Die wenigsten Texte werden nur mit dem Auge überflogen und „gescannt“; deren Inhalte bleiben meist nicht haften. Schreiben Sie also für das menschliche Ohr. Jeder Text sollte sich gut anhören, gut klingen. Lesen Sie sich Ihren Text selbst laut vor.

IV. Der Leser als Individuum

Für unterschiedliche Voraussetzungen schreiben

Wir Menschen sind verschieden. Das ist eine Binsenweisheit, die erstens oft nicht beachtet wird und die zweitens einen großen Einfluss auf Ihre Texte haben kann. Welches Vorwissen können Sie bei Ihren Leserinnen und Lesern voraussetzen? Welche Fachbegriffe sollten Sie erklären? Welchen Stil und welches „Niveau“ können und wollen Sie pflegen? Welche Beispiele sind überhaupt sinnvoll, weil Ihre Leser diese aus dem eigenen Alltag kennen und zuordnen können? Ich habe oben auch erwähnt, dass Sie versuchen sollten, möglichst einfach und vertraut zu schreiben. Doch selbst das unterscheidet sich je nach Leser- und Zielgruppe. Es wäre hilfreich, wenn Sie Ihre Leser weder unter- noch überfordern.

Für unterschiedliche Wahrnehmungen schreiben

Wir nehmen überdies unterschiedlich wahr. Je mehr Sie mit Ihren Lesern auf einer Wellenlänge liegen, desto besser werden Sie verstanden. Denn egal, wie sehr Sie auch versuchen, sich gut auszudrücken: Jeder liest und sieht in einem Text etwas anderes. Das liegt an unseren individuellen Wahrnehmungs- und Interpretationsfiltern. Eine hundertprozentige Passung zwischen Ihnen und Ihren Lesern wird es zwar niemals geben. Aber Sie könnten sich zumindest auch über diesen Punkt Gedanken machen. Werden Ihre Leser Sie voraussichtlich verstehen? Werden sie einen Sinn für Ihren Humor oder Ihre Ironie haben? Werden sie Redefiguren wie Unter- oder Übertreibung annehmen und gut finden? Sicher, oft finden Texte und diejenigen Leser zusammen, die diese schon lieben werden. Doch wenn Sie schon im Vorfeld wissen, dass Sie für überwiegend eher nüchterne Steuerberater schreiben, kann Ihre Ironie überflüssig oder sogar fehl am Platz sein, zu Missverständnissen führen.

Für unterschiedliche Bedürfnisse schreiben

Ein letzter, aber sehr wichtiger Punkt: Menschen haben die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Welche Bedürfnisse und Erwartungen haben wohl diejenigen Menschen, die Sie sich als Leser vorstellen oder gewinnen wollen? Werden Ihre Leserinnen und Leser zum Beispiel eher etwas beigebracht bekommen, informiert werden oder Spaß haben wollen? Dürfen Sie ausführlicher werden oder müssen Sie kurz und knapp schreiben? Auch hier gilt: Texte und Leser finden oft von selbst zusammen. Doch wenn Sie mit Ihren Texten bestimmte Ziele verfolgen oder ausgewählte Leser ansteuern, kann die Frage nach dem Nutzen überlebenswichtig sein.

So, von all dem Genannten abgesehen gilt natürlich auch: Geschmäcker sind verschieden und werden es auch bleiben. Tun Sie sich keinen Zwang an, um so zu werden, wie man Sie angeblich haben will. Künstlich auf Erfolg bei bestimmten Lesern getrimmte Texte gehen selten gut. Man wird Sie für das lesen, was Sie zu geben haben und was Sie sind. Solange Sie es anderen nicht unnötig schwer machen. :-) Ihnen viel Erfolg mit Ihren Texten.

Kurstipp:

Selbstlernkurs: Schreiben wie ein Profi. Von der Pike auf schreiben lernen.
Präsenzseminar: Schreiben wie ein Profi. Von der Pike auf schreiben lernen.

Literaturtipp:

Wolf Schneider, Deutsch für junge Profis

© 2017 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 28.04.17