Bleiben Sie auf dem Laufenden:
Newsletter lesen »
Feed lesen »




Gehirngerecht schreiben

Nicht nur Schreiben kann Schwerstarbeit sein, Lesen ist es auch. Worte zu verstehen, Gedanken zu folgen, an Texten dranzubleiben – das Gehirn Ihres Lesers muss hier hart arbeiten. Machen Sie ihm das Leben ein bisschen leichter. Lernen Sie, gehirngerecht zu schreiben. Jede Minute, die ein Leser deshalb länger konzentriert und mühelos Ihren Texten folgen kann, ist auch eine Minute länger, die Sie gelesen werden.

Tipp 1: Sagen Sie Ihrem Leser, was ihn erwartet.

Unser Gehirn kann eine fleißige Hausfrau (oder auch ein Hausmann ;-)) sein. Es hat ein Faible dafür, alles ordentlich zu verstauen. Da gibt es zum Beispiel eine Abteilung mit Informationen zu x, und gesammelte und miteinander verknüpfte Assoziationen zu y.

Machen Sie sich diese Tatsache zunutze und fallen Sie bei Ihrem Leser nicht mit der Tür ins Haus. Überraschen Sie ihn nicht damit, dass Sie gerade noch über Enten gesprochen haben, dann plötzlich zum Hausbau wechseln oder aus heiterem Himmel in die Geheimnisse der Quantenphysik einsteigen.

Das Gehirn Ihres Lesers muss jedesmal die Abteilung wechseln, um einschlägige (Fach-) Begriffe wiederzufinden oder neue Informationen zu verstauen. Das kostet Zeit und Energie.

Es wird ihm leichter fallen, Ihnen zu folgen, wenn Sie ihm sagen, was es erwartet. Geben Sie Ihrem Leser einen Überblick, stimmen Sie ihn auf das Thema ein, und lassen Sie erst dann konkretere Details folgen.

Tipp 2: Sprechen Sie die Sprache Ihres Lesers.

Unsere Sprache ist zwar reich an Worten, ihre Zahl geht in die Hunderttausende. Allerdings kennt ein „gebildeter“ Mensch davon im Durchschnitt gerade mal etwa 60.000. Und aktiv im Gebrauch hat er oder sie sogar nur noch etwa 5.000. Die anderen 55.000 schlummern als sogenannter passiver Wortschatz vor sich hin.

(Die Zahlen können je nach Quelle abweichen.)

Je fremder Ihre Worte aber Ihrem Leser sind, je weniger er sie selbst aktiv gebraucht, desto mehr muss er sich anstrengen, um Ihre Texte zu verstehen. Diese Arbeit können Sie ihm abnehmen, wenn Sie die Sprache Ihres Lesers sprechen und vertraute Worte nutzen.

Mehr noch: Viele Worte formen auch ein mentales Bild. Wir erkennen sie „auf einen Blick“, ohne erst mühsam buchstabieren zu müssen. Sie zu lesen geht erheblich schneller, weil wir sozusagen von Bild zu Bild springen können. Deshalb sind alltägliche Begriffe wie Baum oder Haus, die im Gehirn Ihres Lesers ein vertrautes Bild formen, ungewohnten Kunstprodukten wie Materialbeschaffungsmaßnahme deutlich überlegen.

Tipp 3: Werden Sie konkret.

Aber so vertraut die Bilder von Begriffen wie Baum oder Haus auch sein mögen, konkret sind sie (noch) nicht. Oder können Sie „Baum“ sehen, in allen Einzelheiten, Farben und Formen? Also ich nicht. Bei mir ist es zum Beispiel der klassische Laubbaum (vorzugsweise Eiche) oder bei „Haus“ auch das Einfamilienhaus. Bei Ihnen kann die Sache schon ganz anders aussehen. Tannen, Weiden, Wolkenkratzer oder eine Reihenhaus-Siedlung – vieles ist möglich.

Das liegt daran, dass abstrakten Oberbegriffen wie den erwähnten Bäumen die Details fehlen, um uns unmissverständlich zu sagen: Jawohl, diese Art von Baum meine ich. Dieses Bild in Deinem Gehirn spreche ich an.

Erst wenn Sie konkreter werden und von Weihnachtsbäumen oder der Trauerweide reden, fängt das Gehirn Ihres Lesers an mitzudenken, werden mehr und mehr Bereiche aktiv: Bilder von geschmückten Tannenbäumen im heimischen Wohnzimmer, schneegekrönte Tannen auf dem Marktplatz der Stadt, der Duft von Gebäck, Weihnachtskrippen unterm Baum, Kirchenglocken im Ohr …

Gebrauchen Sie konkrete Begriffe und aktivieren Sie ein ganzes Feuerwerk von Bildern, Gerüchen, Erinnerungen und Gefühlen in Ihrem Leser. Umso mehr Spaß wird er mit Ihren Texten haben.

Tipp 4: Schreiben Sie nachvollziehbar und verständlich.

Als Autor vergisst man leicht, dass man seinen Lesern gegenüber im Vorteil ist. Sie als Autor wissen, worüber Sie schreiben. Sie kennen Ihren Stoff. Sie wissen, wie die einzelnen Fakten zusammenhängen.

Ein Leser weiß das nicht. Er kann nur Ihren Gedanken Stück für Stück durch den Text folgen. Er wird Hypothesen darüber anstellen, was als nächstes auf ihn wartet. Er wird versuchen, sich Ihre Worte und Sätze zu merken. Und dabei wird er auf Hindernisse stoßen:

  • Logische Brüche oder fehlende Stellen werden ihn zwingen, an den Anfang zurückzukehren, um den Faden wieder aufzunehmen.
  • Zu lange Sätze werden sein Kurzzeit-Gedächtnis überstrapazieren, das für Sätze von idealiter 12 bis 15 Worten ausgelegt ist.
  • Und Satzmonster mit komplizierter Gliederung und über x Ebenen verschachtelten Satzteilen werden seine Konzentration vorzeitig ermüden.

Früher oder später wird er abschalten und Ihrem Text den Gnadenstoß geben.

Lassen Sie es nicht so weit kommen. Schenken Sie Ihrem Leser übersichtliche, relativ kurze, logisch geordnete Sätze und Textstellen. Dann kann er auch konzentriert bei der Sache bleiben.

Tipp 5: Sagen Sie Ja, wenn Sie Ja meinen.

Vielleicht haben Sie dieses Beispiel schon einmal gelesen: „Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten.“ Na, haben Sie sich daran halten und alle rosa Elefanten aus Ihrem Gehirn verbannen können? Worum wollen wir wetten, dass eher das Gegenteil der Fall war?

Der Witz an der Sache ist, dass wir kein „nein“ sehen können. Erwähnen wir eines, nimmt es auch schon in unserem Gehirn Gestalt an. Jeder Versuch, Ihren Leser mit Verneinungen und negativen Aussagen zu beglücken, kann nur danebengehen.

Mehr noch, Verneinungen lassen oft mehrere Deutungen zu, können zu Missverständnissen führen oder den Leser zumindest Zeit zum Überlegen kosten. Und manchmal sind sie sogar gefährlich: Wer bei einem Brand „nicht den Aufzug benutzen soll“, weiß noch lange nicht, wohin er sich wenden kann. Unklarheiten, die zum Verhängnis werden können.

Formulieren Sie positiv und sagen Sie Ja, wenn Sie Ja meinen. Die Bilder, die Sie so erzeugen, sind dann wenigstens die richtigen. 😉

Schreiben Sie nicht gegen, sondern für das Gehirn Ihres Lesers. Jede Minute, die ein Leser deshalb länger konzentriert und mühelos Ihren Texten folgen kann, ist auch eine Minute länger, die Sie gelesen werden.

© 2008 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 15.11.2008

Möchten Sie meinen Beitrag weiterempfehlen? Dann sage ich mal: Danke. :-)