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Die vier Grundregeln der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg

Wenn mindestens zwei Menschen zusammenkommen, dann kommt es auch schnell zu Konflikten und Streits. Eine Universallösung dafür gibt es nicht. Doch der Psychologe und Konfliktmediator Marshall Rosenberg zeigt mit seiner Methode der Gewaltfreien Kommunikation einen Weg, besser zu kommunizieren und Konflikte zu entschärfen.

Egal, ob kleine Streits oder große Konflikte, vieles läuft nach demselben Muster ab: Schuldzuweisungen, Beschimpfungen, entnervendes Gekreisch oder ebenso lähmendes Schweigen.

In Konflikten unterscheiden sich nicht nur die Geschlechter – während die Frau sprichwörtlich mit dem Teller wirft oder einen Weinkrampf bekommt und der Mann losbrüllt oder sich in die Kneipe beziehungsweise hinter die Zeitung flüchtet 😉 -, Konfliktfähigkeit wird auch niemandem in die Wiege gelegt.

Nun gibt es verschiedene Methoden, mit Konflikten umzugehen. Viele Menschen versuchen zum Beispiel, sie zu meiden und ihnen aus dem Weg zu gehen. Doch dabei verliert man nicht nur ein Stück von sich selbst, man löst auch die dahinter steckenden Probleme oder „sich auf Konfrontationskurs befindlichen Verhaltensweisen“ nicht.

Es war schon immer meine Meinung, dass Konflikte grundsätzlich positiv sind und positive Energien freisetzen können. Deshalb habe ich zu diesem Thema bereits diese beiden Artikel geschrieben: „5 Tipps gegen die Angst vor Konflikten“ und „9 Tipps, wie Sie kreativ Konflikte lösen“

Vor gut anderthalb Jahren fiel mir dann bei einem Bücherverkauf zum guten Zweck das Buch von Marshall B. Rosenberg über die gewaltfreie Kommunikation in die Hände.

Und da es mein Repertoire gut erweitert, stelle ich Ihnen hier Rosenbergs Methode vor, mit  der Sie nicht nur gewaltfrei kommunizieren, sondern, genau, auch Konflikte lösen. 😉

Schritt 1: Beobachten Sie den Konflikt

Beschränken Sie sich zunächst einmal darauf, nur zu beobachten. Ich weiß, das ist schwer, wenn man aus dem Häuschen ist und hochgehen will. Doch das wäre grundverkehrt. Bleiben Sie ruhig und konzentrieren Sie sich darauf, sich selbst, den anderen und den Konflikt (oder Streit, ich unterscheide hier nicht) wahrzunehmen.

Was sehen Sie, hören Sie, was kommt bei Ihnen wie an? Was, glauben Sie, ist gerade passiert? Vermeiden Sie sämtliche Pauschalurteile, Abwertungen und Beschimpfungen. Es geht nur um die Tatsachen, das Verhalten, die gesprochenen Worte.

(Natürlich ist eine „Zwangspause“ auch grundsätzlich eine gute Idee, um den Streit-Impuls zu unterbrechen und sein Mütchen zu kühlen. Sie schlagen also sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe.)

Schritt 2: Nehmen Sie Ihre Gefühle wahr

Noch etwas, was sich so harmlos anhört und doch sehr schwer sein kann: Hören Sie in sich hinein. Mit welchen Gefühlen reagieren Sie auf das, was gerade passiert ist? Welche Gefühle hat das Verhalten des anderen in Ihnen ausgelöst?

Haben Sie vielleicht Angst? Sind Sie wütend oder frustriert? Waren Sie angespannt oder haben sich Sorgen gemacht und entladen sich diese Sorgen jetzt in vorwurfsvollem Streit? (Klassische Situation aller Ehefrauen, deren Männer nicht Bescheid sagen, wenn es wieder länger dauert, bis sie sich endlich zuhause einfinden.) Fühlen Sie sich schuldig und reagieren deshalb aggressiv gegenüber dem anderen, der Ihnen – Ihrer Meinung nach – diese Schuldgefühle „eingebrockt“ hat?

Für gewöhnlich sind wir Meister darin, uns selbst zu täuschen. Und zudem sind wir durch unser Gehirn darauf programmiert, die Schuld zunächst einmal dem anderen in die Schuhe zu schieben. Es ist also erheblich leichter, etwas zu sagen wie „der hat mich provoziert“, als vielleicht den Frust über die eigene Hilflosigkeit zu erkennen.

Rosenberg unterscheidet hier übrigens auch nach Primärgefühlen (unsere „wahren Gefühle“, das, was der Bauch meldet) und sekundären oder Pseudo-Gefühlen (in denen Urteile über uns oder den anderen stecken).

Schritt 3: Erkennen Sie Ihre Bedürfnisse

Wissen Sie, warum Sie Ihren Partner angeblafft haben, als der mal wieder zu spät nach Hause kam?

Sie haben sich Sorgen gemacht, genau. Das waren Ihre Gefühle. Doch was waren die Bedürfnisse und Motive dahinter? Vielleicht wollten Sie angerufen werden, damit Sie wissen, wo Ihr Partner steckt? (Sicherheitsbedürfnis)

Vielleicht waren Sie auch frustriert (Gefühl), weil das hieß, allein zu Abend zu essen? Und eigentlich hatten Sie sich doch auf ein Essen zu zweit gefreut? (Bedürfnis)

Oder vielleicht waren Sie auch in einem inneren Konflikt, Sie haben sich zerrissen gefühlt (Gefühl), weil Sie zwischen den Impulsen schwankten, allein zu essen (und Ihren Hunger zu befriedigen) oder noch mit dem Essen zu warten (und in Gesellschaft zu essen, dem anderen eine Freude zu machen, etwas für den Ehefrieden zu tun)?

Vielleicht war es auch eine Mischung aus all dem?

Welche Bedürfnisse hat der andere also nicht erfüllt?

Sie sehen, wie vertrackt so ein scheinbar harmloser kleiner „Zwischenfall“ sein kann?

Schritt 4: Bitten Sie den anderen um die Erfüllung dieser Bedürfnisse

Nennen Sie dem anderen nun in einer „positiven Handlungssprache“ Ihre Bedürfnisse und bitten Sie ihn darum, diese zu erfüllen.

Sollte er dazu nicht in der Lage sein oder es nicht wollen, versuchen Sie, sich in ihn einzufühlen und herauszufinden / zu verstehen, warum er das nicht kann oder will.

Suchen Sie dann gemeinsam nach einer Lösung.

Kritik an der Gewaltfreien Kommunikation

So weit in Kürze Rosenbergs Modell der gewaltfreien Kommunikation. Und gerade am letzten Punkt zeigt sich schon eine seiner Schwächen:

  • Nicht jeder Mensch ist in der Lage, sich in andere Menschen einzufühlen. Selbst langjährige Partner stellen immer wieder fest, wie wenig sie doch vom anderen wissen.
  • Und nicht jeder Mensch wird Ihnen Ihr Bedürfnis erfüllen wollen oder können. Das ist wohl nur dann der Fall,

a) wenn man es zum Beispiel von oben verordnet bekommt (ganz schlecht)

b) wenn man sich selbst davon einen Vorteil verspricht (der häusliche Segen bleibt gewahrt, wenn der Partner zum Telefon greift)

c) wenn man es um des anderen oder der Beziehung zum anderen willen tut („na ja, wenn sie sich dann keine Sorgen mehr macht …“).

Doch oft genug fühlt Mann sich vielleicht einfach nur gegängelt, wenn er ständig zuhause Rückmeldung geben muss. (Freiheitsberaubung, eigenes Gefühl und Bedürfnis) Oder er sieht seine „Männlichkeit“ bedroht. Oder er kann die Bedeutung nicht nachvollziehen („warum regt sie sich immer so auf“). Oder er verschwitzt es. Oder es ist ein unbewusster Trick, um sich nicht anhören zu müssen, dass er sie schon wieder warten lässt. Und so fort.

Dieses einfache Beispiel hätte ich noch munter weiter in die Tiefe spinnen können. Und, wie gesagt, es war ein einfaches Beispiel.

„Mann“ handelt übrigens selbst dann so, wenn es gegen seine Interessen (den Ehefrieden) verstößt. Das Argument „es ist doch auch zu deinem Vorteil“ zieht also nicht. Entweder ist ihm dieser Vorteil beispielsweise egal, oder er wertet seine anderen Bedürfnisse (Freiheit pp.) höher, oder er weiß / ist davon überzeugt, dass er sie hinterher schon wieder beruhigen wird, und mehr.

Rosenberg vertritt also im Prinzip ein sehr positives Menschenbild, das der Realität, ihren Fallstricken und den Schwächen der Menschen wohl nur selten gerecht wird. Kein Wunder, dass es auch heißt, das für die meisten Menschen die gewaltfreie Kommunikation wohl zu schwer anzuwenden ist. 😉

Dazu nennt die Literatur auch noch diverse andere Kritikpunkte wie etwa die Unfähigkeit vieler Menschen, ihre Gefühle zu erkennen, ganz zu schweigen davon, über sie zu sprechen. (Zum Beispiel auch im beruflichen Bereich zwischen Mitarbeiter und Chef. Welcher Chef gibt schon preis, dass er etwa Angst vor dem anderen hat.)

Dazu kommt, wie ich oben schon erwähnte, die mangelnde Empathie für den anderen. Und noch anderes mehr.

Doch ich finde Rosenbergs GFK (gewaltfreie Kommunikation) in jedem Fall hilfreich, weil sie die Bedeutung von Gefühlen und Bedürfnissen in unserem Miteinander und unserer Kommunikation betont.

Selbst das „harte Business“ ist bekanntlich deutlich stärker emotional geprägt, als viele das zugeben wollen. Und wer weiß, welche seiner Bedürfnisse nicht erfüllt wurden, kann daran arbeiten, hier in Zukunft stärker zu seinem Recht zu kommen. Gemeinsam mit dem anderen natürlich. Eine gute Basis, um Konflikten nach und nach den Boden zu entziehen.

Literaturtipp:

Marshall Rosenberg, Die Sprache des Friedens sprechen – in einer konfliktreichen Welt, Paderborn 2006

© 2011 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 26.09.11

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