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Warum schreibe ich? Die eigene Stimme finden.

Menschen, die etwas schreiben, ohne wirklich etwas zu sagen, gibt es genug. Gern gelesen werden aber Texte, die authentisch, stimmig und echt sind. Texte, die eine „Botschaft“ beinhalten und den Geist ihrer Schöpfer atmen. Texte von Menschen, die ihre eigene Stimme gefunden haben. Nutzen Sie diese Übung und arbeiten Sie an Ihrer Individualität und Originalität. Finden Sie heraus, warum Sie schreiben.

Was bedeutet Ihnen das Schreiben?

Die Schriftstellerin, Dichterin und Dozentin Natalie Goldberg („Schreiben in Cafés“) meint, man solle den Grund seines Schreibens den Psychologen überlassen und einfach schreiben, ohne sich zu rechtfertigen. Der Wunsch zu schreiben genügt. Weiteres Bohren kann diesem nur abträglich sein und uns an zu hohen Ansprüchen und Zweifeln zerschellen lassen.

Natalie Goldberg glaubt aber auch, dass es hilfreich sein kann, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Denn Schreiben durchdringt unser Leben mit vielen Facetten – nicht nur bei denen, die davon infiziert sind. 😉 In diesem Sinne kann es unserem Schreiben gut tun, diese Facetten einmal zu sehen und ihre Bedeutung zu erkennen.

Ich gehe hier noch ein Stück weiter und lasse die Teilnehmer meiner Schreibkurse sich gern ihre Einstellung zum Schreiben bewusst machen.

Ich frage sie, warum sie schreiben wollen, ob sie damit etwas Bestimmtes bezwecken wollen, was ihnen das Schreiben bedeutet, was es ihnen gibt.

Damit möchte ich erreichen, dass meine Teilnehmer

  • mögliche Blockaden ausfindig machen
  • sich unterschwellige Wünsche und Träume bewusst machen
  • Motive und Beweggründe klären, um damit zielgerichteter zu schreiben
  • sehen, was ihnen das Schreiben geben kann, daraus Ansporn und Kraft schöpfen

und anders mehr.

Die eigene Stimme finden

Ihre Antworten sollen ihnen dabei helfen, ihre eigene Stimme zu finden. Sie sollen ihnen dabei helfen, sich selbst auszudrücken, ihr Schreiben wertzuschätzen, Hemmnisse loszulassen und Zuversicht zu gewinnen. Sie sollen ihnen sagen, wer sie sind und warum sie schreiben.

Oder anders formuliert: Sie sollen ihre Individualität und Originalität wecken. Denn Leute, die irgendetwas schreiben, ohne wirklich etwas zu sagen, gibt es genug. Gern gelesen werden aber Texte, die authentisch, stimmig und echt sind. Texte, die eine „Botschaft“ beinhalten und den Geist ihrer Schöpfer atmen. Texte von Menschen, die ihre eigene Stimme gefunden haben.

In diesem Sinne: Nutzen Sie die folgende Übung und finden Sie heraus, warum Sie schreiben.

Wie funktioniert eine ABC-Liste

Sie können dazu zum Beispiel mit einer ABC-Liste nach Vera F. Birkenbihl arbeiten. Nehmen Sie die einzelnen Buchstaben des Alphabets als Ausgangspunkt und lassen Sie von hier aus Ihre Gedanken schweifen.

Notieren Sie, was Ihnen durch den Kopf geht, wenn Sie die Ausgangsfrage „warum schreibe ich“ mit den Buchstaben A, B, C und so weiter zusammenbringen. Vielleicht fallen Ihnen zu A Begriffe wie Anker (sich in der Welt verankern, die Welt wahrnehmen) oder Abgrund ein (wenn angesichts ehrgeiziger Veröffentlichungsziele die nächste Schreibblockade droht ;-)).

Bleiben Sie dabei so spontan und unbefangen wie möglich. Gehen Sie locker und spielerisch an die Sache heran. Wenn Ihnen zu einem Buchstaben gleich mehrere Punkte einfallen, schreiben Sie diese genauso unbekümmert auf, wie Sie andere weglassen.

Setzen Sie sich nicht unter Druck. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Diese Methode soll Ihnen nur dabei helfen, sich Zusammenhänge klarzumachen, Ihren eigenen Einstellungen und Motiven auf die Spur zu kommen.

Lassen Sie also alles raus. Interpretieren, überarbeiten und nachvollziehbarer machen können Sie immer noch. So, wie ich das hier mit einigen meiner Gedankenverbindungen oder Assoziationen getan habe:

Ich schreibe, weil ich …

A – Anker: Ich schreibe, weil es mich mein Thema und meine Umwelt intensiv wahrnehmen lässt. Weil es mich teilhaben, sehen und verankern lässt.

B – Begreifen: Ich schreibe, weil ich mit Texten und Reflektionen Menschen besser verstehen kann. Weil ich Mustern folgen und Handlungen interpretieren kann.

D – Denken: Ich schreibe, weil es mir beim Ordnen und Sortieren meiner Gedanken hilft. Weil ich klarer und strukturierter denken, Flüchtiges besser erfassen kann.

E – Erschaffen: Ich schreibe, weil ich so etwas erschaffen kann. Weil ich mich über Prozess und Produkt freuen kann. Weil ich Fähigkeiten unter Beweis stellen kann.

F – Festhalten: Ich schreibe, weil ich damit Gesehenes und Erlebtes festhalten und betrachten kann. Weil ich es in all seinen Farben und Formen wertschätzen kann.

G – Geschenk: Ich schreibe, weil ich damit anderen etwas geben kann. Weil ich mit Texten und Wissen vielleicht weiterhelfen oder eine Freude bereiten kann.

I – Identifikation: Ich schreibe, weil ich mir so meiner selbst bewusst werden kann. Weil ich mit Veröffentlichungen Stellung beziehen oder zu mir stehen kann.

K – Kommunizieren: Ich schreibe, weil ich so meiner Stimme Ausdruck verleihen und Bücken schlagen kann. Weil ich mit jagenden Fingern teilen und mitteilen kann.

L – Lernen: Ich schreibe, weil es mir beim Lernen hilft. Weil ich den Lernstoff besser durchdenken, zusammenfassen, erschließen und behalten kann.

M – Meditativ: Ich schreibe, weil es mich still werden lässt. Weil es mich versammelt, voll konzentriert, im Hier und Jetzt sein lässt.

N – Neugierig: Ich schreibe, weil ich so meiner Neugier folgen kann. Weil ich Wissen trinken und in die Welt ausstreuen kann.

P – Perspektive: Ich schreibe, weil es mich Distanz gewinnen und Blickwinkel verändern lässt. Weil es mich von außen betrachten und wertfreier urteilen lässt.

R – Reichtum: Ich schreibe, weil ich damit den Reichtum von Sprache und Gedanken auskosten kann. Weil ich etwas Neues und Selbstgeschaffenes genießen kann.

S – Sinne: Ich schreibe, weil es mich Worte und Bilder sinn-haft erleben lässt. Weil es mich mit Fingerspitzen berühren und mit den Augen umfahren lässt.

T – Tauchen: Ich schreibe, weil ich damit in andere Welten eintauchen kann. Weil ich Möglichkeiten wie Luftblasen durchs Zimmer tanzen lassen kann.

V – Verarbeiten: Ich schreibe, weil es erleichternd sein kann, meine Gedanken auf Papier zu bannen. Weil ich sie so loslassen oder lösen kann.

W – Wohlbefinden: Ich schreibe, weil es mich Zufriedenheit finden lässt. Weil ein fertiger Text mich wie eine Katze schnurren lässt.

Z – Zukunft: Ich schreibe, weil es mich an mir arbeiten lässt. Weil es mich an Stil und Können genauso wie an Substanz und Gedanken wachsen lässt.

Mut zur eigenen Stimme

Ist das Prinzip klar geworden? Dann dürfen Sie ran.

Sie können Ihre ABC-Listen eher nüchtern führen oder sich zu bunten Bildern inspirieren lassen.

(Nebenbei: In meiner ersten Version wimmelte es von Bildern wie spiegelfeinem Sand, in Stein gehauenem Atem, Rundfenster mittelalterlicher Kathedralen, Staub vergangener Jahre, Licht über blonden Kinderlocken und anderem mehr. Der besseren Lesbarkeit halber habe ich das dann etwas „übersetzt“. Denn meine Assoziationen müssen nicht die Ihren sein. Jeder denkt und schreibt auf eine andere Art.)

Sie können sie nur einmal durchgehen oder mit ihnen jeden Tag aufs Neue spielen.

(Wobei Sie dann vermutlich schnell feststellen werden, dass immer neue Gesichtspunkte hinzukommen oder alte sich überleben. Schreiben ist eine Momentaufnahme Ihres Selbst – und ebenso im Wandel begriffen.)

Aber egal, ob Sie mit Geschichten Augen zum Glänzen bringen, Erinnerungen folgen oder Fakten verstehen wollen …

Halten Sie fest, warum Sie schreiben und finden Sie den Mut zur eigenen Stimme. Denn erst, wer gelernt hat, für sich zu schreiben, kann auch für andere schreiben. Authentisch, stimmig und echt.

Schreiben Sie das, was Ihnen wichtig ist, und so, wie es Ihrer Art entspricht. Entwickeln Sie Ihren ganz persönlichen Stil. Sie werden immer Menschen finden, die Sie dafür schätzen – und lesen.

© 2007 Heike Thormann, Erstveröffentlichung

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