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Ideenkiller

Die schönste Idee nützt Ihnen nichts, wenn sie ermordet oder erschlagen wird. Lernen Sie den Feind kennen. Damit er Sie nicht aus heiterem Himmel treffen kann.

Ideenkiller

Sie haben eine Idee. Endlich. Tapfer haben Sie sich durch sämtliche Ideenfindungsprozesse geschlagen, haben mit Problemen gerungen, mit Kreativitätstechniken gearbeitet, haben strukturiert, visualisiert und beurteilt. Sie haben also Ihre Idee, Ihre Lösung. Glückwunsch. Nun könnten Sie sich eigentlich zurücklehnen und sich gemütlich an die Umsetzung machen.

Wenn, ja, wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre …

Oder wie heißt es so schön: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt.“

Sprich: Sie können die schönste Idee haben. Sie nützt Ihnen nichts, wenn Sie zulassen, dass sie ermordet, erschlagen oder beseitigt wird. Im Affekt oder ganz bewusst, unter Schock oder nebenbei.

Von Killerphrasen ist hier die Rede. Und von Ideenkillern. Von Mordanschlägen und Attentaten. Von Menschen, die Ideen töten. Und von Menschen, die dabei zusehen, wie Menschen Ideen töten.

Wenn Sie Ihre Idee wohlbehalten an Ihren lieben Mitmenschen vorbeibringen wollen, dann lernen Sie den Feind kennen. Damit er Sie nicht aus heiterem Himmel treffen kann.

Hitliste der Ideenkiller

Und hier kommen sie: Die beliebtesten Ideenkiller, Killerphrasen und Killerfaces.

Wenn Sie aufmerksam zuhören – jetzt, da Sie vorgewarnt sind – werden Sie immer wieder auf sie treffen. In Unternehmen, Behörden oder Schulen. In Familien oder unter Freunden. Ja, sogar ganz privat und intim: In Ihrem eigenen Kopf. :-)

  • Was ist daran denn neu? Das ist doch das gleiche wie …
  • Das ist doch längst bekannt. Herrje, das hatten wir doch schon.
  • Ja, wenn das so einfach wäre. Da könnte ja jeder kommen.
  • Das haben wir aber immer so gemacht. Das haben wir aber noch nie gemacht.
  • Damit kommen wir hier nicht durch. Wo kämen wir denn da hin?
  • Dafür sind wir nicht zuständig. Jetzt lassen Sie uns mal vernünftig bleiben.
  • Das gehört aber nicht zum Thema. Das ist doch Wunschdenken.
  • Also als Fachmann kann ich Ihnen sagen … Seien Sie erst mal einige Jahre hier.
  • Das mag ja theoretisch richtig sein, aber … Keine Zeit, kein Geld, kein Personal.
  • Das können Sie doch nicht beurteilen. Ja, wenn das so einfach wäre, junge Frau.
  • Gehört das denn zu Ihren Aufgaben? Wie lange sind Sie nun schon bei uns?

Und so weiter, und so fort.

Was also sind Ideenkiller? Richtig, es sind Worte / Phrasen, die Menschen benutzen, um Ideen abzuwürgen. Manchmal kommen sie ziemlich grob daher, manchmal eher subtil und getarnt. Mitunter reicht aber auch ein Killerface, um jede Initiative im Keim zu ersticken.

Nicht wahr? Das kennen Sie doch auch. Wenn (sich) Ihr Gegenüber

  • demonstrativ mit etwas anderem beschäftigt (z.B. mit Papieren raschelt, mit der Assistentin redet oder zum Telefon schielt)
  • ungläubig lächelt
  • abschätzig abwinkt
  • gelangweilt aus dem Fenster sieht
  • oder Ähnliches mehr

dann reicht das in der Regel schon, um Ihnen auch den letzten Nerv zu rauben. Für gewöhnlich haben Sie dann alles andere im Sinn, als Ihre Idee durchzusetzen. Und der Ideenkiller hat wieder gesiegt.

Warum Ideenkiller?

Warum Ideenkiller? Ja, warum gibt es überhaupt Ideenkiller? Warum kann man nicht einfach alles sachlich durchdiskutieren, objektiv beurteilen und dann angemessen handeln? Woher kommt dieser Drang, die Ideen der anderen (natürlich immer die der anderen ;-)) zu sabotieren? Warum müssen wir unbedingt jemandem von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen und ihn ins Leere laufen lassen?

Nun, zum Thema „sachlich durchdiskutieren und objektiv beurteilen“ ließen sich diverse Denk- und Wahrnehmungsfehler ebenso anführen wie verschiedene Kreativblockaden.

Die Ideenkiller gehen in die gleiche Richtung.

Maslowsche Bedürfnispyramide

Dazu hole ich etwas weiter aus und stelle Ihnen in aller Kürze die vom amerikanischen Psychologen Abraham Maslow entwickelte „Bedürfnispyramide“ vor. Ein Modell, um die Motivationen von Menschen zu beschreiben, um zu verstehen, warum sie tun, was sie tun.

(Psychologen, Personalentwickler und Co. mögen mir verzeihen: Ich kenne die Defizite dieses einseitigen Modells. Aber ich denke, für eine Einführung in die Thematik ist es ausreichend. :-))

Maslow geht von fünf „Bedürfnisstufen“ des Menschen aus, die aufeinander aufbauen und gesichert sein wollen, bevor die nächste Stufe in Angriff genommen wird.

Dabei stehen die Stufen unter anderem für:

  • Stufe 1 – Körperliche Grundbedürfnisse: Atmung, Nahrung, Schlaf, Fortpflanzung
  • Stufe 2 – Sicherheit: Ordnung, Gesetze, Wohnung, Job
  • Stufe 3 – Soziale Beziehungen: Nähe, Wärme, Freunde, Partner, Liebe
  • Stufe 4 – Soziale Anerkennung: Erfolg, Macht, Status, Rang, Karriere
  • Stufe 5 – Selbstverwirklichung: Potentialentfaltung, Individualität, Selbstausdruck

Wer jetzt Ideen abwürgt, kann an einem Denkfehler bzw. an einer Blockade leiden. Er kann aber auch schlicht das Gefühl haben, sich verteidigen zu müssen. Zum Beispiel, weil er

  • Angst um seinen Job hat und lieber alles beim alten lassen will, als Veränderungen zu riskieren (Stufe 2)
  • nicht anecken möchte und lieber in (scheinbarer) Harmonie leben will, als eine eigene Meinung zu riskieren (Stufe 3)
  • Macht und Status nicht verlieren möchte und lieber (vorgesetzten) Ideengegnern nach dem Munde redet, als Position und Fremdwahrnehmung zu riskieren (Stufe 4)
  • sich selbst für maßgebend hält und lieber auf Erkenntnisgewinn verzichtet, als sein Selbstbild zu riskieren (Stufe 5).

In jedem dieser Fälle geht es darum, dass man das, was man erreicht hat, nicht verlieren möchte. Und dass die Angst vor dem Verlust größer ist, als der mögliche Gewinn.

Für ein Unternehmen bedeutet ein solches Verhalten unter anderem, dass

  • Anpassung und Unterordnung karrierefördernder sind als jede Innovation
  • Risikovermeidung stärker belohnt wird als jedes Einschlagen neuer Wege
  • Gruppendruck und Angst vor Abweichlertum stärker sind als jede verantwortungsvolle Initiative
  • Betriebsblindheit und Bequemlichkeit größer sind als das Erkennen von Zusammenhängen und Chancen.

Ein solches Unternehmen kann sich ruhig kreativ nennen und seine Mitarbeiter zu kreativen Leistungen auffordern – erzielen wird es diese nicht.

Tipp: Dokumentieren Sie sauber. Belegen Sie, wo Sie nur können. Insbesondere dann, wenn Sie Schwierigkeiten erwarten. 😉

Tipp: Wenn Zuhörer zu einer Killerphrase ansetzen: Verweisen Sie sie auf die Pause oder Abschlussdiskussion, in der Sie sich gern näher zu dem Thema äußern wollen. Damit nehmen Sie dem Ideenkiller den Wind aus den Segeln.

Tipp: Nehmen Sie die Killerphrase zur Kenntnis, aber bleiben Sie beim Thema. Argumentieren Sie sachlich und lassen Sie sich nicht provozieren. („Okay, ich verstehe Ihre Einwände, aber wo ist die Alternative …“)

Tipp: Machen Sie den ‚Killenden’ zu Ihrem Verbündeten. Bauen Sie ihn als Experten auf, holen Sie seine Meinung ein, arbeiten Sie mit „positiver Verstärkung“. Nach seiner Meinung wird schließlich jeder gern gefragt – und bringt ‚Killer’ aus dem Konzept.

Tipp: Erwähnen Sie Wahrnehmungsfehler und Denkblockaden. Führen Sie ein PMI durch. Sprechen Sie mit dem Vorgesetzten eines ‚Killenden’. (Aber vorsichtig, das kann eine heikle Sache werden …)

Tipp: Lesen Sie vor einer Teamsitzung die Hitliste der Ideenkiller vor. Damit fokussieren Sie die Wahrnehmung Ihrer Teilnehmer. Niemand kann jetzt mehr sagen, er wüsste von nichts … :-)

Tipp: Lassen Sie Ihre Teilnehmer Ideenkiller suchen. Auch das schult Wahrnehmung und Denken.

Tipp: Kennen Sie noch die Sache mit dem Schweinderl und den 5 Mark? Vereinbaren Sie, dass bei jeder Killerphrase x EUR in die Kaffeekasse wandern.

Tipp: Verteilen Sie Quietsche-Entchen an die Sitzungsteilnehmer. Wann immer jemand einen Ideenkiller entdeckt, darf gedrückt werden. Okay, die Leute werden Sie für einen Spinner halten, aber es wirkt. 😉

Tipp: Wissen Sie noch, was die Lehrer früherer Zeiten mit unliebsamen Störenfrieden gemacht haben? Sie haben sie in die Ecke gestellt, ja, aber das meinte ich jetzt nicht. Nein, sie haben Namen und Fehlverhalten deutlich sichtbar auf eine Tafel geschrieben. Also etwa: Anne hat mal wieder mit der Banknachbarin geschwätzt. Noch größer war die Demütigung, wenn diejenige das Ganze auch noch selbst schreiben durfte. Aber soweit müssen Sie ja nicht gehen. Schreiben Sie einfach die Killerphrase für alle sichtbar auf. Auch das wirkt …

Tipp: Ermuntern Sie Ihre Mitarbeiter zu mehr Kreativität und Nonkonformismus. Gehen Sie am besten gleich mit gutem Beispiel voran.

Tipp: Unterstützen Sie die Ideen Ihrer Mitarbeiter zunächst vorbehaltlos. Bilden Sie sich eine Meinung. Danach fällen Sie eine Entscheidung. Nicht umgekehrt. 😉

Tipp: Tun Sie etwas für die Fehlerkultur in Ihrem Unternehmen. Fehler müssen nicht nur erlaubt sein. Es muss wichtiger sein, zu versuchen (und zu irren) als zu verharren.

Tipp: Tun Sie etwas für Informationsfluss und Kommunikation. Brechen Sie verkrustete Teamstrukturen auf und holen Sie sich Anregungen von außen.

© 2005 Heike Thormann, Erstveröffentlichung

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