Bleiben Sie auf dem Laufenden:
Newsletter lesen »
Feed lesen »




Alles liegt im Auge des Betrachters. Wahrnehmung und Denken schulen.

Wir Menschen sind emotionale Wesen und haben einen selektiven Blick. Unsere persönlichen Filter entscheiden, welche Information wie ausgewertet wird. Aber zum Glück ist das Ganze keine Einbahnstraße.

Kennen Sie die Geschichte von dem Mann mit dem Hammer?

Nein? Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Mann, der ein Bild aufhängen wollte, und wohl einen Nagel, aber keinen Hammer hatte? Der sich diesen Hammer von seinem Nachbarn leihen wollte? Bis ihm noch im Gehen Zweifel kamen?

„Was, wenn er mir den Hammer nicht leihen will? — Überhaupt, gestern hat er mich nur flüchtig gegrüßt und ziemlich kurz abgefertigt. — Ausgesprochen unhöflich, so was. — Ungehobelter Rüpel. — Was bildet der sich eigentlich ein? — So geht das nicht weiter.“

Und bevor der Nachbarn noch guten Tag sagen kann, schlägt es ihm schon entgegen: „Behalten Sie doch Ihren Hammer, Sie Rüpel, Sie …“

(Aus Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein)

Oder fangen wir anders herum an: Glauben Sie an Objektivität und Neutralität? Glauben Sie daran, dass man unvoreingenommen urteilen und handeln kann? Wirklich?

Dann möchte ich Sie fragen: Hand hoch …

  • Wer von Ihnen hat sich noch nie dabei erwischt, wie er bei einem plötzlichen Vorfahrtswechsel im Straßenverkehr trotzdem munter weiter gefahren ist?
  • Wer von Ihnen fährt nicht an einem Montagmorgen ganz anders gelaunt ins Büro (oder wo auch immer Sie arbeiten), als an einen Freitag?
  • Wer von Ihnen regt sich nicht regelmäßig über die fehlende Erdnusstüte im Flugzeug oder das lieblos hingeworfene “Guten Morgen” des Hotelpersonals auf?
  • Wem von Ihnen ist es noch nie passiert, dass er sich in Gedanken mit seinem nächsten Urlaub befasst hat und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, überall auf Angebote von Reiseveranstaltern stieß?

So, und nun noch einmal: Glauben Sie an Objektivität und Neutralität? Wirklich? Immer noch?

Dann tut es mir leid, Sie enttäuschen zu müssen. Wir Menschen sind nicht objektiv, wir sind nicht neutral, wir sind emotional. Wir alle haben Emotionen. Wir alle haben Werte. Und diese Werte und Emotionen bestimmen die Art, wie wir Informationen aufnehmen und damit die Art, wie wir denken.

Stellen Sie sich das Ganze so vor: Sie haben Sinnesorgane (mit denen Sie Informationen aufnehmen), Sie haben ein Gehirn (mit dem Sie die Informationen verarbeiten) und Sie haben kleine Filter im Gehirn (die verhindern sollen, dass Sie unter der schieren Übermacht an Informationen ersticken, die Tag für Tag auf Sie einstürmen).

Der Haken an der Sache ist jetzt, dass nicht nur in Ihrem Gehirn alles mit allem verbunden ist, so dass jede Information auch gleichzeitig mit einer Vielzahl von Erinnerungen und Gefühlen weitergegeben wird. Nein, schlimmer noch. Auch die kleinen Filter werden von unseren Emotionen und Werten bestimmt.

Mit anderen Worten: Die persönlichen Filter jedes Einzelnen entscheiden, welche Informationen wie ausgewertet werden. Alles liegt buchstäblich im Auge des Betrachters.

Vergessen Sie also die sogenannte Neutralität und Objektivität. Die ist ein Witz. Wir Menschen sind eben emotionale Wesen.

  • Wir sind Gewohnheitstiere. (Straßenverkehr)
  • Wir sind Opfer unserer Stimmungen. (Fahrt ins Büro)
  • Wir lassen uns vom ersten und letzten Eindruck prägen. (Erdnusstüte)
  • Und wir haben einen selektiven Blick. (Natürlich hat es auch vorher schon Angebote von Reiseveranstaltern gegeben. Sie sind Ihnen nur nie aufgefallen. Erst als Sie selbst in Urlaub fahren wollten, war es soweit.)

Aber trösten Sie sich. So schlimm, wie es sich anhört, ist es gar nicht. Wir haben eine Chance: Das Ganze ist keine Einbahnstraße, sondern funktioniert in beide Richtungen. Also: Unsere Stimmungen und Gefühle prägen unsere Wahrnehmung und unser Denken. Aber gleichzeitig können sich auch unsere Gefühle und Werte ändern, wenn wir unsere Wahrnehmung und unser Denken ändern.

Wir selbst bestimmen, was wir sehen und wie wir es sehen. Niemand sonst.

Wir bestimmen aber nicht nur, was wir sehen. Zu einem hohen Prozentsatz bestimmen wir auch, was daraus werden wird. Jemand, der damit rechnet, dass ihm nur Schlechtes zustoßen wird, dem wird auch (nur) Schlechtes zustoßen. Sei es, dass er das Gute nicht sehen kann, das ihm ebenfalls begegnen wird. Sei es, dass er munter an der Erfüllung seiner Befürchtungen mitarbeiten wird.

(Das ist dann auch als self-fulfilling prophecy bekannt, als sich selbst erfüllende Prophezeiung. Und Sie erinnern sich doch noch in diesem Zusammenhang an die Geschichte vom Mann mit dem Hammer?)

Wenn Sie aktiv Einfluss auf Ihre Sicht der Dinge nehmen wollen, dann …

Tipp 1: Meiden Sie die Gewohnheitsfalle. Wenn Sie merken, dass Sie zu argumentieren anfangen “das war aber schon immer so”, könnten Sie bereits auf dem Holzweg sein. Ja, mag sein, dass wir damit durchkommen, wenn wir alles so weiterlaufen lassen wie bisher. Mag aber auch sein, dass sich die Umstände schon längst geändert haben, und dann?

Tipp 2: Arbeiten Sie an Ihrer selektiven Wahrnehmung. Seien Sie vorsichtig damit, nur dass zu sehen, was Sie sehen wollen. Gehen Sie mit offenen Augen durchs Leben. Nehmen Sie Ihre Umwelt wahr. Sehen Sie sich alles so an, als ob Sie es noch nie gesehen hätten – oder als ob Sie es nie mehr sehen würden. Feiern Sie beständig Abschied von der Welt und genießen Sie sie dadurch in vollen Zügen. Das ist nebenbei auch eine Grundvoraussetzung für Ihre Kreativität.

Tipp 3: Seien Sie vorsichtig mit dem Vor- Urteil. Ja, oft stimmt der erste Eindruck. Und sei es nur, weil unser Unterbewusstsein schneller war als wir und schon eins und eins zusammengezählt hat. Genauso oft wird dieser Eindruck aber auch von unseren Stimmungen beeinflusst, einem schlechten Start in den Tag, unserer fatalen Bereitschaft, uns mit der erstbesten Lösung zufrieden zu geben. Mit dem ersten Bild, das wir von jemandem haben, mit der ersten Interpretation, dem selbstzufriedenen, bequemen Abhaken.

Machen Sie es sich nicht so leicht, sondern hinterfragen Sie alles und jeden. Versuchen Sie, in den Schuhen eines anderen zu gehen, mit den Augen eines anderen zu sehen. Finden Sie heraus, ob die erstbeste Lösung auch wirklich die beste war. Halten Sie Ihr Gehirn in Schwung und Ihre kleinen Filter in Bewegung.

Noch einmal: Die Welt ist das, wofür wir sie halten. Das bedeutet aber auch, dass wir sie zu dem machen können, was wir gern hätten. Und das sollte uns Ansporn genug sein. Oder?

© 2006 Heike Thormann, Erstveröffentlichung Mai 2006

Möchten Sie meinen Beitrag weiterempfehlen? Dann sage ich mal: Danke. :-)