Bleiben Sie auf dem Laufenden:
Newsletter lesen »
Feed lesen »




Langfristig denken

Wer Impulsen nachgibt und nach der „was ich hab, das hab ich“-Devise lebt, mag zwar manchen schnellen Erfolg einfahren. Längerfristige Ziele brauchen aber eine andere Vorgehensweise. Längerfristige Ziele brauchen auch ein langfristiges Denken. Nur dann wird aus dem schnellen Erfolg ein wahrer Sieg.

Der Marshmallow-Test

Als ich vom Marshmallow-Test das erste Mal hörte, war ich in den Zwanzigern, im Studium und die Sache hat mich eher akademisch interessiert. Als ich jetzt Material für diesen Artikel gesammelt habe, bin ich wieder über ihn gestolpert – den Marshmallow-Test. Jenes Experiment, das amerikanische Psychologen in den 1960er Jahren mit einer Gruppe von Vierjährigen betrieben haben.

Kennen Sie diesen Test?

Im Prinzip ging es darum, dass die Kinder entweder einen Marshmallow sofort haben durften, oder einen zweiten dazubekamen, wenn sie einen Moment warten konnten.

Das faszinierende Ende war, dass von den Getesteten 10 Jahre später diejenigen, die tapfer auf ihren zweiten Marshmallow gewartet hatten, durch die Bank „erfolgreicher“ waren. Das heißt, sie hatten zum Beispiel bessere Schulnoten oder waren durchsetzungsfähiger, als die, die nach der „was ich hab, das hab ich“-Devise verfahren waren.

Mit anderen Worten: Wer in der Lage war, seine spontanen Impulse zugunsten eines längerfristigen Ziels im Zaum zu halten, war nicht nur bei den Marshmallows erfolgreicher, sondern auch im späteren Leben.

Ein längerfristiges Ziel – das ist hier das Stichwort, langfristiges Denken die Devise.

Mit langfristigem Denken seine Ziele erreichen.

Viele Dinge erfordern ein langfristiges Denken. Ein Buch zu schreiben, ein Studium durchzuziehen, ein Unternehmen zu gründen und hochzubringen, an Lebenswünschen zu arbeiten … Alles, was eine längere Zeitspanne in Anspruch nimmt, worauf man warten oder hinarbeiten muss, wo man den Erfolg nicht sofort sehen oder greifen kann.

Ja, selbst Ideen und kreative Betätigungen brauchen eine gute Portion davon, wenn sie nicht nur gefunden oder sporadisch angegangen, sondern erfolgreich umgesetzt und fertiggestellt werden wollen. Nicht nur Erfinder und Schriftsteller wissen, dass der liebe Gott vor den Erfolg die harte Arbeit gesetzt hat.

Langfristiges Denken bedeutet also, unser tägliches Verhalten nach diesen langfristigen Zielen auszurichten, damit wir diese auch erreichen.

So weit leuchtet uns das Ganze ein. Meistens wissen wir nämlich ziemlich genau, was wir lieber hätten und was gut für uns wäre. Zwei Marshmallows wären besser als einer, einen Lebenswunsch zu verwirklichen wäre besser, als nur von ihm zu träumen.

Fataler Hang, nach der einfachsten Lösung zu greifen.

Das Problem ist, dass wir oft einen fatalen Hang dazu haben, nach der einfachsten Lösung zu greifen. Nach dem, was wir leicht erreichen können, was schnell machbar ist, was weniger riskant zu sein scheint. Auch wenn das dann nur halbherzig zu einem passt und latente Gefühle von Unzufriedenheit zurücklässt.

Ich kenne das durchaus von mir selbst.

Beispiel: Da kommt ein interessantes Angebot rein, relativ leicht und sicher verdientes Geld. Und ich denke – klasse, mitnehmen. Obwohl das bei näherem Hinsehen vielleicht gar nicht so klasse ist, weil es nicht zu meiner langfristigen Strategie passt. Weil es mich vielleicht zeitlich und von meinen Ressourcen her derart bindet, dass meine eigentlichen Ziele Gefahr laufen, auf unbestimmte Zeit verschoben zu werden.

Ich habe dann zwar das Geld – klarer Vorteil. Dennoch bin ich unzufrieden und ärgere mich, weil ich nicht das getan habe, was ich tun wollte. Und warum das alles? Weil ich lieber zum einen Marshmallow „leichtes Geld“ gegriffen habe, als auf den zweiten Marshmallow „richtiges Geld“ zu warten.

Warum tricksen wir uns also immer wieder selbst aus und tun uns schwer damit, langfristig zu denken, auf den zweiten Marshmallow zu warten? Oder anders formuliert: Was brauche ich eigentlich, um langfristig zu denken?

Was brauche ich, um langfristig zu denken?

1. Ich brauche Ziele.

Eigentlich logisch, aber dennoch Stoff für so manche Irrfahrt: Ich muss natürlich erst einmal Ziele haben, die ich langfristig ansteuern kann. Und diese Ziele muss ich so konkret und reizvoll wie möglich vor Augen haben. Ich muss wissen, warum sie wichtig für mich sind und was ich mit ihnen erreichen will. Je wertvoller ein Ziel für mich ist, desto größer ist auch der Ansporn, es zu erreichen.

2. Ich brauche Pläne.

Auch so eine scheinbar selbstverständliche Sache: Ich sollte wissen, wie ich meine Ziele erreichen will, sonst kann mich jedes laue Lüftchen von den Füßen heben. Wenn ich erst einmal zu zweifeln anfange, ob meine Ziele überhaupt machbar sind, habe ich schon verloren.

Ich brauche also einen Plan, einen ganz konkreten Weg, was ich wann wie tun will, um meine Ziele zu erreichen. Auch eine Zeitleiste kann nützlich sein: Wo will ich in einem halben Jahr sein? Wo in einem Jahr? Oder zwei, oder fünf … Je nachdem, wie weit ich in die Zukunft planen kann oder will.

3. Ich brauche Zielstrebigkeit.

Ich muss mich auf mein Ziel einlassen und es konzentriert verfolgen können. Ich darf mich nicht ständig von anderen Dingen ablenken lassen. Laufen mir weitere interessante Ziele über den Weg, schaue ich am besten, wie weit sie in mein Konzept passen und wo ich sie zeitlich einbauen kann. Und danach vertage ich sie fürs erste. Kann ich sie nicht einbauen, muss ich die Prioritäten überprüfen, eventuell meine Strategie anpassen und diese neuen Ziele konzentriert verfolgen. Laufen mir nette Zerstreuungen über den Weg, baue ich sie mir als gelegentliche Pause in meine Ziele ein – und nicht umgekehrt. 😉

4. Ich brauche Selbstmotivation.

Ich muss mich selbst motivieren können, darf mich nicht von dem Lob oder der Anerkennung anderer abhängig machen. Ansonsten kann es schnell passieren, dass eine Sache für mich uninteressant wird, wenn das Lob ausbleibt. Keine guten Karten für meine langfristigen Ziele, denn niemand wird mich über Jahre hin immer wieder loben.

5. Ich muss eine Belohnung aufschieben können.

Schnelle Erfolge und leichte Beute haben etwas Bestechendes. Ich kann sie sofort mitnehmen und mich daran erfreuen. Um langfristig zu denken, sollte ich diesen Impuls allerdings unter Kontrolle behalten. Denn zielführend ist es hier nicht, möglichst schnell belohnt zu werden, sondern die „richtige“ Belohnung zu bekommen. Also das, was ich wirklich will. Dafür muss ich zwischen Belohnungen abwägen und auf die wertvollere, weil zu meinen Zielen passende, warten können.

6. Ich muss Impulse hinterfragen können.

Ich muss nicht nur auf meine „richtige“ Belohnung warten können. Es kann auch nie schaden, meinen Impuls, sofort zugreifen zu wollen, gleich mit zu hinterfragen.

Warum will ich lieber nach dem einen Marshmallow greifen, statt auf den zweiten zu warten? Ist es, weil ich mich nicht selbst kontrollieren kann? Weil ich Wünsche nicht beurteilen und nach sinnvoll oder weniger sinnvoll bewerten kann? Weil ich Angst habe, dass der zweite Marshmallow vielleicht nie kommen wird? Weil ich kein Zutrauen in meine Fähigkeiten habe, mir jederzeit etwas Besseres zu besorgen?

Wenn ich weiß, warum ich nach der schnellen Beute greifen und den leichten Weg einschlagen will, kann ich auch gegensteuern und meine Impulse zügeln.

7. Ich muss Durststrecken aushalten können.

Und ich muss mit Tiefs fertig werden und Durststrecken überwinden können. Der Start ist meistens noch relativ leicht. Ich bin hoch motiviert, mein Projekt kann losgehen. Aber irgendwann werden die Punkte kommen, an denen es nicht weiter zu gehen scheint. An denen jeder Schritt mühsam wird und Kraft kostet, vielleicht sogar Rückschläge drohen. Hier muss ich durchhalten, handlungsfähig bleiben und so viel Motivation wie möglich mitbringen.

Was hat das mit Ihnen zu tun?

Und wie steht es mit Ihrem langfristigen Denken?

Überlegen Sie vielleicht einmal selbst:

Ziele setzen

Haben Sie klare Ziele? Wobei werden Ihnen Ihre Ziele helfen können? Welchen Wunsch oder welches Bedürfnis werden Sie sich mit diesen Zielen erfüllen können? Wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben: Was wird besser sein als vorher? Wenn Sie es aber aufgeben sollten: Was wird Ihnen dann mit Sicherheit fehlen?

Pläne machen

Machen Sie Pläne, um Ihre Ziele zu verfolgen? Arbeiten Sie detailliert aus, wann und wie Sie vorgehen wollen? Halten Sie auch alles schriftlich und damit verbindlich fest?

Zeit managen

Checken Sie Ihren Tages- oder Wochenablauf, was Sie für Ihre Ziele tun konnten? Was zwar mit Ihren Zielen nichts zu tun hatte, sich aber zeitlich im Rahmen hielt? Was mit Ihren Zielen nichts zu tun hatte und diesen im Gegenteil kostbare Zeit gestohlen hat?

Erfolge bewerten

Sind Sie sich darüber im Klaren, dass nur Sie Ihre Fortschritte wirklich würdigen können? Weil auch nur Sie Ihr Ziel wirklich erreichen wollen? Dass deshalb nur Sie Ihre Erfolge zu bewerten haben? Dass nur Sie allein Ihr Maßstab und Ihr Richter sind – und Ihr Cheerleader und größter Fan?

Belohnungen beurteilen

Können Sie beurteilen, welche „Belohnung“ für Sie die vorteilhaftere wäre? Wägen Sie routinemäßig schnellen Erfolg gegen wahren Sieg ab? Listen Sie zum Beispiel die jeweiligen Vor- und Nachteile auf und fragen sich, was besser wäre: Einen oder zwei Marshmallows zu haben? Wie groß das Risiko wäre, gar keinen zu kriegen? (Wenn Sie warten.) Was das schlimmstenfalls für Konsequenzen hätte? (Wenn Sie keinen bekommen.) Was Ihnen aber garantiert entgehen würde? (Wenn Sie auf den zweiten verzichten.) Und Ähnliches mehr.

Erfolge klarmachen

Machen Sie sich regelmäßig Ihre Erfolge klar – und seien sie noch so klein? Halten Sie gezielt Rückschau, was Sie schon alles erreicht haben? Verwenden Sie auch den richtigen Maßstab und vergleichen mit dem, wo Sie waren, und nicht mit dem, wo Sie gern wären? Suchen Sie bei auftauchenden Problemen nach Lösungen und nicht nach Schlupflöchern? Und verfügen Sie über Strategien, mit Hängern umzugehen?

Dann gibt es auch keinen Grund, langfristiges Denken zu meiden und sich mit einem Marshmallow zu begnügen.

Denn wissen Sie was: Meistens kommen sie nämlich doch, die besseren Angebote, die zu Ihnen und Ihren Wünschen passen. Sie müssen nur die Unsicherheit aushalten, auf sie warten – und aktiv nach ihnen suchen. Das kann natürlich auch nicht schaden. 😉

© 2008 Heike Thormann. Erstveröffentlichung 29.03.08

Möchten Sie meinen Beitrag weiterempfehlen? Dann sage ich mal: Danke. :-)