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Loslassen lernen: Tipps und Übungen

Viele tun sich schwer damit, Dinge oder Menschen loszulassen. Manchmal ist das nur lästig oder unbefriedigend. Manchmal kann es aber auch richtig weh tun oder Schaden zufügen. Hier habe ich 10 Tipps und ein paar nützliche Übungen für Sie.

Wenn man mal von einer Ausnahme absieht, in der es lange Zeit „unentschieden“ stand, war ich immer sehr gut im Loslassen. Bei Menschen fällt es mir schwerer, bei Dingen leichter. Doch grundsätzlich bin ich der konsequente Typ, Treue- und mitunter auch Sicherheitsbedürfnis hin oder her.

Doch viele Menschen tun sich sehr schwer damit, etwas oder jemanden loszulassen. Und da mich besagte Ausnahme viel gekostet hat, ich hieraus aber auch viel gelernt habe, habe ich diesen Artikel für Sie und für mich geschrieben.

Situationen, in denen man loslassen sollte

Manchmal fängt es ganz harmlos an: Man kann sich von nichts trennen und hebt alles auf. Alte Bücher, Postkarten, Kleidung, Dinge, die einem im Leben zugefallen sind, Ererbtes von den Eltern – bis Räume und Haus bis unters Dach angefüllt sind.

Gerade Kreative entwickeln oft einen Traum oder ein Produkt nach dem nächsten. Die Umsetzung und Durchsetzung auf dem Markt würde Jahre erfordern. Zeit, die man nicht hat, weil man sie für die nächsten Projekte braucht. Wenn man nicht loslässt, macht man alles nur halbherzig, bringt sich um Kopf und Kragen oder beschränkt sich auf die bloße Entwicklung – ohne die Befriedigung, es Wirklichkeit werden zu sehen.

(Natürlich kann man für die Umsetzung auch Mitarbeiter einstellen oder Ähnliches. Doch auch diese wollen gesteuert werden und das kostet Zeit – und Geld.)

Eltern halten zu lange an ihren Kindern fest und erschweren ihnen so ein eigenes Leben. Sie nehmen sich aber auch die Chance, ein Leben jenseits der „Elternschaft“ zu erfahren und zu führen. Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche.

Freunde und Partner halten zu lange am anderen fest, obwohl sie sich längst in eine andere Richtung entwickelt haben. Der andere spürt es, die Beziehung leidet, doch da niemand die Konsequenzen zieht, köchelt es lauwarm weiter – bis es irgendwann doch, scheinbar aus heiterem Himmel, abbricht.

Und selbst an Gedanken kann man zu lange festhalten und sich zum Beispiel zu lange in beruflichen Bahnen bewegen, über die man längst hinausgewachsen ist.

Warum fällt es schwer, loszulassen

Da gibt es sicher viele Motive, so verschieden, wie die Menschen sind. Zudem ist es eine Grundeigenschaft des Menschen, „anzuhaften“, wie man im Buddhismus sagt. Also sich an gewisse Dinge zu klammern, an ihnen festzuhalten.

Ich nenne hier nur mal einige wenige Motive.

  • Sicherheit: Ein Klassiker. Die meisten Menschen halten aus Angst und um der Sicherheit willen an etwas fest. Job, Partnerschaft, Freundschaft – wer weiß, ob man sonst etwas anderes oder „besser Passendes“ findet.
  • Aufgeben ist bitter: Egal, ob man einige (kreative) Träume aufgeben muss, die man nicht verwirklichen kann. Oder ob man ein Projekt aufgeben muss, in das man schon viel Zeit und Geld gesteckt hat.
  • Schwierigkeit, sich zu beschränken: Viele, die sich nicht entscheiden können, können in Wirklichkeit nicht auf etwas oder jemanden verzichten.
  • Gewohnheitsdenken und Angst vor Neuem: Man bleibt lieber in den alten, vertrauten, selbst schmerzhaften Bahnen, als sich in die Unsicherheit des Neuen zu begeben.
  • Nostalgie und Erinnerungen: Früher war es doch so schön – sollte man daran nicht wieder anknüpfen können? Doch dabei ignoriert man, dass alles sich verändert und gegebenenfalls in unterschiedliche Richtungen läuft.
  • Treue, Verantwortungsbewusstsein, Samaritertrieb, man will niemanden verletzen: An sich durchaus positive Eigenschaften. Doch wenn man sie übertreibt und gegen eigene Bedürfnisse richtet, gehen sie nach hinten los.
  • Liebe und Sympathie für den anderen: Am schwersten. Doch auch hier gilt: Wenn Bedürfnisse und Grenzen überschritten werden, sollte man handeln. Erst recht, wenn das Ganze zu viel kostet oder permanent Schmerz bereitet. Die erste Pflicht gilt einem selbst, nicht dem anderen.

Warum ist es wichtig, loszulassen

Nun, manchmal ist „nur“ das Haus überfüllt. Oder man hat irgendwann keine freie Minute mehr, bekommt seine Aufgaben nicht erledigt oder liefert nur „Mittelmaß“ statt volle Qualität ab. Manchmal pflegt man Freundschaften nur mit halbem Herzen – und erweist sich und dem anderen einen „Bärendienst“. Oder man bremst sich aus und entfaltet nicht sein volles Potenzial.

Manchmal ist es aber auch schlimmer: Man verliert Energie, Kraft, leidet, ist unglücklich, fügt sich und anderen Schaden zu, wird krank.

Und: Wer am Alten festhält, hat keinen Platz für das Neue. Mehr noch: Er wird das Neue buchstäblich nicht sehen. Es wird seiner Aufmerksamkeit entgehen oder er wird seine Bedeutung nicht richtig einschätzen.

Wie finde ich heraus, ob ich loslassen will

Wenn Sie im Zwiespalt sind, ob Sie loslassen wollen oder nicht, gibt es dafür eine nützliche Übung bei Matthias Ennenbach, Buddhistische Psychotherapie, die ich hier verkürzt wiedergebe.

Setzen Sie sich entspannt hin. Schreiben Sie das, was Sie loslassen wollen, auf einen Zettel. Nehmen Sie diesen Zettel in Ihre ausgestreckte Faust. Drehen Sie die Faust nach unten. Lassen Sie los.

Achten Sie auf die Gefühle, die Sie jetzt verspüren. Und – Tipp von mir – achten Sie auf die Assoziationen und Gedanken, die Ihnen durch den Kopf gehen. Können Sie loslassen? Warum nicht? An welcher Stelle beziehungsweise bei welchen Gedanken doch?

Nehmen Sie nun den Zettel wieder in Ihre Faust. Öffnen Sie sie. Gehen Sie entspannt und gelassen mit dem um, was Sie da in Ihrer Hand halten.

Einige Tipps, um loszulassen

Sie haben es sicher schon gesehen: Das ist ein sehr komplexes Thema. Ich kann unmöglich Tipps für alle „Formen von Loslassen“ geben, von der Anhäufung von Sachen bis zu komplexen Eltern-Kind-Beziehungen. 😉

(Nebenbei: Hier finden Sie eine Checkliste zum Thema Entrümpeln.)

Doch hier kommen ein paar Tipps, die sich aus eigener Erfahrung auf Abschiede und Trennungen beziehen. Teilweise lassen sie sich auch auf andere Bereiche übertragen.

Gehen Sie auch mögliche Hindernisse (wie die Beispiele von oben) durch und arbeiten Sie an den Gründen, warum Sie gegebenenfalls nicht loslassen können. Lösen Sie dahintersteckende Blockaden auf.

So, und nun zu den Tipps:

1. Abchecken: Gehen Sie unbedingt sicher, ob Sie wirklich loslassen wollen beziehungsweise loslassen müssen. Wenn Sie können, klären Sie mögliche Missverständnisse auf. Hören Sie nicht auf die Ratschläge anderer; die meisten Menschen sehen nur ihre eigene Perspektive. Glauben Sie auch nicht vorschnell, dass Sie keine andere Wahl haben. Machen Sie Ihre eigenen Erfahrungen. Nur dann werden Sie voll hinter Ihrer Entscheidung stehen.

2. Ehrlich sein: Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Lassen Sie los, weil Sie damit wirklich Leiden lindern beziehungsweise weil Sie glauben, dass es gut für Sie ist? Oder handelt es sich eher um ein Vermeidungsverhalten? (Simples Beispiel: Der Sportkurs, der Ihrem Inneren Schweinehund zum Opfer fällt. Komplexer: Die Beziehung, die Sie loslassen, damit der andere Ihnen nicht zuvorkommt und womöglich Sie loslässt.)

3. Die Realität sehen: Spielen Sie keine „was-wäre-wenn“-Spielchen. Grübeln Sie nicht darüber, was gewesen wäre, wenn … Sie dieses oder jenes getan hätten, dieses oder jenes passiert wäre, möglicherweise in der Zukunft noch dieses oder jenes passieren würde. Eine bessere Möglichkeit, sich selbst handlungsunfähig zu machen, gibt es gar nicht. 😉 Sehen Sie immer die Realität und entscheiden Sie immer für den Augenblick.

4. Für Klarheit sorgen: Wenn ich mich zum Beispiel entscheide, eine Beziehung (welcher Art auch immer) loszulassen, sorge ich so schnell wie möglich für Klarheit, um den Schaden möglichst gering zu halten. Je länger eine Beziehung dauert, desto schwerer fällt es, sie aufzugeben.

Ich selbst ziehe „runde Abschlüsse“ und Aussprachen vor. Ich sage auch ehrlich und direkt, „was Sache ist“. Ich bin damit fast immer gut gefahren. Viele machen das allerdings nicht, sie ziehen sich einfach irgendwann schweigend zurück. Erzwingen können Sie nichts. Versuchen Sie allenfalls, zwischen den Zeilen zu lesen. Dann können Sie eine solche Entwicklung schon relativ früh erkennen.

5. Baustellen schließen: Gerade wenn man unfreiwillig oder unter Schmerzen loslässt, bleiben viele offene Wunden und Konflikte zurück. Gegen die Wunden kann ich dieses Buch empfehlen: Jean Monbourquette, Vergeben lernen in zwölf Schritten (Partner-Link zu amazon, kleine Umsatzbeteiligung für mich) Die Konflikte werden Sie nicht immer lösen können. Sie können sie nur einseitig selbst für beendet erklären.

6. Sich selbst verzeihen: Vor allem Frauen neigen gern dazu, sich selbst Vorwürfe zu machen. Lernen Sie dann, dass Loslassen kein Scheitern ist. Egal, ob Sie nun selbst loslassen oder von jemandem „losgelassen werden“. Es ist eine Erfahrung und Entwicklung, die Sie in jedem Fall persönlich weiterbringt. Und es setzt Sie frei für Dinge oder Menschen, die womöglich „besser passen“ oder bei denen es besser läuft.

7. Die Bande lösen: Auch dazu gibt es eine schöne Übung im oben erwähnten Buch „Buddhistische Psychotherapie“. Stellen Sie sich Ihre Bindung zu dem, was Sie loslassen wollen, wie ein Band vor. (Das ist es ja auch.) Und dann stellen Sie sich vor, wie Sie dieses Band vom Gegenüber ablösen, Stück für Stück aufrollen und wieder in Ihre Tasche stecken.

8. Sich zurückholen, was man gab: Dazu gibt es eine Übung im Buch „Vergeben lernen in zwölf Schritten“ (Partner-Link zu amazon, kleine Umsatzbeteiligung für mich). Führen Sie ein „Erbschaftsritual“ durch. Das hilft vor allem, wenn man viel Positives auf den anderen projiziert hat, was durch eine Trennung abhanden zu kommen droht.

Symbolisieren Sie dazu alles, was Sie im anderen gesehen haben, durch Gegenstände oder Bilder. Holen Sie sich nun alles zurück, indem Sie die Gegenstände wieder an sich nehmen.

9. Sich verabschieden: Durch die heute viel geforderte (oder gewollte) Mobilität und häufigeren Job- oder Wohnort-Wechsel haben viele Beziehungen eine kürzere Lebenszeit. Es fehlen aber „Rituale des Übergangs“. Wie oben schon erwähnt: Aus den meisten Beziehungen steigt man beispielsweise stillschweigend aus und bricht den Kontakt ab. Das hinterlässt ungute Gefühle auf beiden Seiten.

Wenn Sie können, lassen Sie bewusst los. Verabschieden Sie sich, gehen Sie in gegenseitiger Wertschätzung. Das fühlt sich einfach besser an.

10. Dank sagen: Auch das hinterlässt ein gutes Gefühl – wenn man dem anderen Dank sagt für das, was er einem gab. Und wenn es nicht beidseitig geht, nun, dann tun Sie es im Stillen für sich.

Sagen Sie Dank denen, die Sie selbst loslassen. Und sagen Sie Dank denen, die sich von Ihnen lösen. Jede Begegnung hat Sie bereichert.

Fazit

Mit Loslassen ist nicht immer ein totaler Verlust gemeint. Manches werden Sie in der Tat beenden. Manches werden Sie achtsam zur Seite legen – um es gegebenenfalls später erneut zu begutachten. Und bei manchem müssen Sie nur nach neuen Balancen oder Kompromissen suchen wie zum Beispiel bei Eltern-Kind-Beziehungen.

Und manchmal heißt es schlicht: Den anderen lassen. Entwickeln Sie eine gelassene Grundhaltung, trotz Gefühlsaufruhr, trotz möglicher Konflikte. Bestehen Sie nicht auf Besserung, nur um sich selbst besser zu fühlen. Zwingen Sie den anderen nicht, Ihnen zu geben, was Sie brauchen oder sich erhoffen. Im Christentum ist das der „Weg des Kreuzes“. Man nimmt seine „Last“ auf sich. Auch das ist eine Form von Mut.

(Bitte nicht missverstehen: Damit ist *nicht* gemeint, dass Sie in unguten, womöglich schmerzhaften Beziehungen ausharren sollen, wie es vor allem Frauen so gern tun. Damit ist aber sehr wohl gemeint, dass Sie beispielsweise jemanden nicht zwingen können / sollten, sich zu ändern oder an Ihnen festzuhalten, dass Sie seine Entwicklung nicht zu forcieren versuchen, dass Sie nicht persönlich nehmen, wenn er Ihnen nicht die Hand reichen oder letzte Worte mitgeben kann, und mehr.)

Schauen Sie selbst, womit Sie am besten fahren beziehungsweise was die jeweilige Situation erlaubt oder erfordert.

Denn nicht zuletzt bedeutet Loslassen vor allem eines: Eine Chance für Neues. Ein Ende von alten, womöglich unguten oder schädigenden Verhältnissen, hin zu etwas, was besser passt oder gut tut. Die Buddhisten nennen das: Ein Ende des vermeidbaren Leids.

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 09.08.12

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