Bleiben Sie auf dem Laufenden:
Newsletter lesen »
Feed lesen »




Morgenseiten schreiben

Bestseller-Autorin und Kreativtrainerin Julia Cameron hat ein Faible für einfache, aber wirkungsvolle Methoden. Ihre Morgenseiten sind ein Beispiel dafür: Mit ihnen können Sie leichter Zugang zu sich selbst finden, Ihre Mitmenschen besser verstehen und Ihre Kreativität fördern. Und das auch noch alles gleichzeitig und sehr einfach zu lernen.

Im Studium habe ich mich an diversen Ferienjobs versucht, und meist gezielt die gewählt, die möglichst gut bezahlt waren, damit ich dann wieder einige Monate in Ruhe studieren konnte.

Nun waren das allerdings oft nicht die intellektuell anspruchsvollsten. Und so hatte ich einmal den lieben langen Tag nichts weiter zu tun, als Bretter durch eine Verpackungsmaschine zu jagen. Noch dazu bei einem Höllenlärm, so dass man sich nicht einmal mit den Kollegen unterhalten konnte.

Aber was sich jetzt vielleicht nach einem Albtraum-Job anhört, hatte auch sein Gutes: Ich hatte nämlich schnell den Dreh raus, sozusagen in Trance zu arbeiten. Mich in mich selbst zu versenken und einen Großteil meiner an der Oberfläche treibenden Gedanken auszuschalten. Ein eigenartiges Gefühl.

Aber auch eine interessante Erfahrung, wie man Schichten seines Selbst erreichen kann, die einem im normalen Alltagsgeschehen nur schwer zugänglich sind. Einen ähnlichen Zugang habe ich erst wieder durch das Schreiben gefunden.

Und auch, wenn ich heute vieles „direkt im Kopf mache“, sind Methoden wie zum Beispiel die kreative Schreibtechnik Free Writing oder Julia Camerons Morgenseiten eine gute Möglichkeit, sozusagen mit mir selbst in Kontakt zu treten.

Wie funktionieren Julia Camerons „Morgenseiten“?

Das Konzept der „Morgenseiten“, die auf Bestseller-Autorin und Kreativtrainerin Julia Cameron zurückgehen, ist im Prinzip ganz einfach:

Sie schreiben jeden Morgen drei DIN A4 Seiten lang ungekürzt das auf, was Ihnen in den Sinn kommt.

Mehr nicht?

Genau, mehr nicht. Mit einer kleinen Einschränkung: Sie sollten versuchen, so schnell wie möglich so unzensiert wie möglich diese drei Seiten vollzuschreiben.

Wenn Sie weniger schreiben, sind Sie möglicherweise noch nicht wirklich im Fluss, „denken“ noch zu viel beim Schreiben. (Und wenn Sie erheblich mehr schreiben, könnten Sie vielleicht Schwierigkeiten haben, sich wieder auf den Alltag zu konzentrieren. ;-))

Wobei das jetzt egal ist, was Sie schreiben. Es geht nicht darum, ein bestimmtes Thema zu verfolgen oder gar einen „richtigen“ Text hinzulegen. Im Gegenteil, diese Art von Zensur wollen Ihnen die Morgenseiten austreiben. Sie sind auch kein Tagebuch, in dem Sie festhalten, was Sie so alles erlebt haben.

Sie können diese Erlebnisse zwar aufschreiben, wenn sie Ihnen in den Sinn kommen, müssen aber nicht. Ziel der Morgenseiten ist es, zu schreiben. Nicht, etwas Bestimmtes zu schreiben. Selbst wenn das bedeutet, dass Sie scheinbar nur „Mist“ produzieren: Gefühlsausbrüche, Nichtigkeiten, Ihr zerknitterter Schlafanzug, das schlechte Wetter, der Umtrunk in der Firma, der gleich ansteht, und und.

Wichtig ist lediglich, dass Sie schreiben. Und das, wie gesagt, am besten so schnell, vor allem aber so unzensiert wie möglich.

Deshalb empfiehlt Julia Cameron auch, mit der Hand zu schreiben, selbst wenn es mit dem Computer schneller gehen sollte. Denn wenn wir am Rechner schreiben, tappen wir oft in die Falle zu glauben, „richtige, offizielle“ Texte schreiben zu müssen. Wenn wir uns nicht gleich aus Gewohnheit von der Autokorrektur ärgern lassen.

Und wichtig wäre bei den Morgenseiten, dass Sie sie morgens schreiben. Sozusagen als Start in den noch unbeschriebenen Tag. Kein abendlicher Rückblick wie zum Beispiel beim Tagebuch. Stehen Sie gegebenenfalls einfach eine halbe Stunde eher auf. 😉

(Ja, ich weiß, ich bin selbst ein Nachtmensch …)

Ach so, noch etwas: Wenn Sie schon Ihr Tagebuch im Normalfall nicht herausrücken, sollten Sie das mit Ihren Morgenseiten erst recht nicht machen. Ihre Morgenseiten sind für Sie, Ihr ganz persönlicher Ort, an dem Sie sich so zeigen können, wie Sie sind – mit all Ihren Fehler, kleinen Gemeinheiten, Ihren Hoffnungen und Träumen. Ungeschminkt und ungeschönt.

Gut, und wofür jetzt der Aufwand? Immerhin müssen Sie früher aufstehen, Ihre Hand quälen, sich durch Berge von Text kämpfen, den Sie besser nie veröffentlichen sollten, und und …

Was bringen Ihnen die Morgenseiten?

Nun, zunächst einmal sind sie in der Tat eine Möglichkeit, ein bisschen „Großreine“ zu machen und mentalen Abfall loszuwerden, bevor Sie sich in den Tag stürzen. All die kleinen Ärgernisse und unguten Gefühle können Sie hier abladen, bevor sie in der Welt Schaden anrichten.

Nicht das schlechteste Ergebnis, zumal Sie, wenn Sie das regelmäßig machen, automatisch anfangen, Ihre Sicht der Dinge ein bisschen zu hinterfragen. Niemand kann sich nonstop selbst bemitleiden oder sich über seine Lieblingsfeinde ärgern. 😉

Aber es muss ja nicht gleich alles negativ sein. Vor allem können Sie sich zunächst einmal besser kennen lernen. Ungeschminkt, ungefiltert, und ohne die Verkleidungen und Masken, die wir anderen gegenüber so gern zu tragen pflegen – bis wir selbst an sie glauben.

Sie können mit den verschiedenen „Stimmen“ in sich in Verbindung treten. Mit den vielen Wesensanteilen und „Rollen“, aus denen sich jeder von uns zusammensetzt. Mit dem Mahner, der Optimistin, dem besorgten Vater, der taffen Chefin, und so weiter.

Vielleicht werden Sie auch Stimmen entdecken, die Sie im Alltag unterdrücken oder die Sie schon vor Jahren verloren zu haben meinen. Lassen Sie sie raus. Zuerst hier auf dem Papier, und Stück für Stück dann „in real life“. Das hilft Ihnen, ausgeglichener, „vollständiger“ zu werden.

Das Gleiche gilt auch für Ihr Leben und Ihre Vergangenheit. Viele von uns haben sich auch hier – bewusst oder unbewusst – ausgebremst, Erinnerungen abgeblockt, alte Wünsche und Träume begraben. Mit dem, was die Morgenseiten zutage bringen, können Sie wieder Anschluss an diesen Teil Ihres Selbst herstellen.

Und schließlich muss das Ganze nicht auf Sie begrenzt bleiben: Sie werden nicht nur sich selbst besser kennen lernen. Ihre Beobachtungen, Erinnerungen, kurz, Ihre Beschäftigung mit Ihren Mitmenschen wird Ihnen helfen, diese ebenfalls besser wahrzunehmen und ihr Verhalten leichter zu verstehen.

Wundert es Sie da noch, wenn ich Ihnen sage, dass die Morgenseiten nicht nur ein gutes Instrument für die eigene Persönlichkeitsentwicklung sind, sondern auch gut für Ihre Kreativität?

Perspektivwechsel, Einfühlung in andere, der Abbau von Blockaden, das Ausleben vielleicht unterdrückter Persönlichkeitsanteile, der Zugang zu Erinnerungen und Assoziationen, der ungefilterte und unzensierte Umgang mit seinen Gedanken … all das und mehr sind Grundvoraussetzungen für unsere Kreativität.

Oder wie der Psychologe Howard Gardner beobachtet hat: Viele kreative Menschen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie in irgendeiner Weise täglich über sich und ihre Umwelt nachdenken und reflektieren.

Vielleicht machen Sie das sowieso schon, indem Sie zum Beispiel meditieren oder, wie ich, „nie aufhören zu denken“, egal ob hellwach oder in Trance. Dann könnten Sie versuchen, Ihre Morgenseiten zu integrieren. Vielleicht ist diese Praxis auch völlig neu für Sie. In jedem Fall sind die Morgenseiten ein gutes Instrument, um leichter Zugang zu Ihrem Ich und Ihrer Kreativität zu gewinnen.

Und das sogar dann, wenn Sie nicht jeden Tag volle drei Seiten schaffen sollten. Es geht um das Prinzip, nicht das buchstabengetreue Befolgen der Methode. Steigern können Sie sich schließlich immer noch.

In diesem Sinne: Her mit Kladde, Stift und Morgenseiten.

© 2009 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 01.01.09

Möchten Sie meinen Beitrag weiterempfehlen? Dann sage ich mal: Danke. :-)