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Tücken der neuen deutschen Rechtschreibung

Seit über zwanzig Jahren wird in der deutschen Sprachlandschaft fleißig reformiert. Manchmal freut’s, öfters kann es aber auch ein Graus und Leid sein. Hier habe ich etliche Tücken oder Stolpersteine der neuen deutschen Rechtschreibung gesammelt. Ich würde mir für diesen Artikel Zeit nehmen. Der Kopf könnte rauchen. 😉

Einstieg

Über zwanzig Jahre ist sie alt. Totzdem bringt sie ihre Anwender immer noch zu Fall. Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung wurde 1996 beschlossen, 2006 endgültig in Kraft gesetzt und in mehreren nachfolgenden Fassungen immer wieder überarbeitet. Ihr Ziel war es, das Schreiben zu erleichtern, ohne das vertraute Schriftbild zu sehr zu stören. Doch was so hehr begann, den Wildwuchs einer langen sprachlichen Entwicklung in etwas geordnetere und nachvollziehbarere Bahnen zu lenken, führte zu massiven Problemen, Protesten und Boykotten der Schreibenden sowie einem beständigen Rückzugsgefecht der Reformierenden. 😉

Noch heute sehe ich bei Lesern und Kunden die Spuren der gravierenden Unsicherheit, die die Reform auslöste. Leser aus Deutschland schicken mir freundliche Grüsse statt – korrekt – freundliche Grüße. Kunden aus Deutschland wohnen plötzlich in der Meyerstrasse statt – korrekt – in der Meyerstraße. Und das ist nur ein Beispiel dafür, wo ein vages Hörensagen, hier ein „da ändert sich doch was mit dem Eszett“, ungute Folgen hatte. Auch ich selbst bin natürlich nicht vor Unsicherheiten gefeit, zumal ich die neue Rechtschreibung – dem Beispiel vieler Verlage folgend – lange Zeit abgelehnt und erst allmählich, Stück für Stück übernommen habe.

Hier habe ich eine Übersicht gängiger Stolperfallen oder „Tücken“ der neuen deutschen Rechtschreibung gesammelt. Diese ist natürlich völlig subjektiv, wie üblich. Auch kann sie angesichts der ständigen Änderungen nur „ohne Gewähr“ sein. Möge sie Ihnen dennoch von Nutzen sein, und sei es nur für ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und Bewusstheit.

Mehr zur Zeichensetzung mit ihren teils neuen Freiheiten finden Sie hier:

• Spickzettel „Zeichensetzung für Autoren“
• Spickzettel „Kommasetzung“

Sollten sie Ihnen unbekannt sein, bitte ich, die folgenden Fachbegriffe nachzusehen.

Die Wörter

Bei vielen Wörtern haben die Reformer logische Angleichungen versucht. Hieß es zum Beispiel traditionell „plazieren“, heißt es nun „platzieren“ – von „Platz“ und um des einheitlichen Wortstammes willen. Statt „aufwendig“ heißt es heute „aufwändig“ – von „Aufwand“. Wenn Sie nicht jedes Mal überlegen wollen, wie der Wortstamm des Wortes lautet, das Sie gerade schreiben wollen, werden Sie schlicht alles neu lernen müssen. Und wenn Sie nicht wissen, dass Sie etwas neu lernen müssen, werden Sie munter weiter die alten Formen benutzen. Kein Wunder, dass es mittlerweile eine solche Beliebigkeit in Texten gibt.

Sprachlich-logische Angleichungen gibt es auch an vergleichbare Wörter: „Känguru“ statt „Känguruh“, weil auch Kakadu, Emu und Gnu ohne „h“ geschrieben werden. „Rau“ statt „rauh“, weil sich auch blau, schlau und genau ohne „h“ schreiben. Der „Zierrat“ hat ein „r“ mehr bekommen statt „Zierat“, weil auch Wörter wie Verrat oder Vorrat mit doppeltem „r“ geschrieben werden. Wer jetzt sagt, dass das traurig aussieht – ich weiß. Ich vermisse mein „rauh“ auch. Es hatte so einen wunderschönen altertümlichen Touch. (Anglizismus, ich weiß.)

Die Fremdwörter

Des Weiteren haben die Reformer den Versuch unternommen, Fremdwörter einzudeutschen, um auch sie nachvollziehbarer und handhabbarer zu machen. Doch natürlich ist es auch hier nötig, nicht mehr Zutreffendes zu erkennen und anderes neu zu lernen. Schlimmer noch: Angesichts der Proteste hatten die Reformer ein Einsehen und wollten oft mehrere Varianten gleichzeitig zulassen. Da das aber nicht für alle Fremdwörter gilt, teilweise auch wieder zurückgenommen wurde, kann hier ebenfalls Chaos herrschen.

So gibt es zum Beispiel die Geographie heute auch als Geografie, passend zur schon älteren Entwicklung bei vergleichbaren Wörtern wie Fotografie. (Veraltet: Photographie) Den Joghurt gibt’s jetzt auch eingedeutscht als Jogurt. Andererseits wurden eingedeutschte Varianten wie Majonäse (zu Mayonnaise) oder Ketschup (zu Ketchup) in einer der erwähnten Änderungen der Reform wieder zurückgenommen. Ketchup bleibt also Ketchup – ohne Ketschup.

Das Eszett

Auch die Änderungen beim Eszett sorgen noch heute für Verwirrung. Denn das „ß“ wurde nicht vollständig zu einem „ss“. Und deshalb heißt es auch nicht „freundliche Grüsse“ oder „Strasse“, sondern nach wie vor „freundliche Grüße“ und „Straße“ – es sei denn, Sie schreiben im Schweizer Sprachraum. Hilfreich ist die Orientierung am Klang:

1. Hinter kurzen Vokalen steht „ss“: „ich wusste“ statt „ich wußte“, „Stress“ statt „Streß“
2. Hinter langen Vokalen steht „ß“: „Grüße“, nicht „Grüsse“, „Straße“, nicht „Strasse“ usw.
3. Hinter Doppellauten (au, äu, eu, ei, ie usw.) steht „ß“, weil sie mit langen Vokalen gleichgesetzt werden: „außer Fassung“ statt „ausser Fassung“, „reißen“ statt „reissen“

In Versalienschreibung (nur Großbuchstaben) wurde das „ß“ bisher mit „ss“ geschrieben. Doch demnächst soll es das Eszett auch als Großbuchstaben geben. Alternative Schreibweisen mit Doppel-S oder einem kleinen „ß“ bleiben aber weiter – erst einmal? – zulässig.

Die Worttrennung

Hilfreich kann die neue Freiheit werden, Wörter nach Sprechsilben trennen zu dürfen, die nicht als Zusammensetzung erkannt oder empfunden werden. Also etwa „hi-nauf“ genauso wie „hin-auf“ oder „inte-ressant“ genauso wie „inter-essant“. Dass das früher untrennbare „st“ nun doch getrennt werden darf, geht in die gleiche Richtung.

Problematisch wird es wohl eher wieder, wenn Änderungen zurückgenommen werden, um Proteste zu mildern. Durfte zum Beispiel ein einzelner Vokal am Wortanfang wie in „U-hu“ oder „o-der“ vor einigen Jahren noch abgetrennt werden, scheint das nach dem neuesten Stand der Dinge nicht mehr der Fall zu sein.

Groß- und Kleinschreibung

Ein weiterer Stolperstein oder eine „Tücke“ ist die Groß- und Kleinschreibung. Als Faustregel könnte man vielleicht sagen: Etliches, was früher klein geschrieben wurde, schreibt sich jetzt groß – wenn es denn als groß verstanden oder gesehen wird. Das gilt für traditionell groß geschriebene Substantive, aber auch für alles, was wie ein Substantiv gebraucht wird, für das sogenannte Substantivierte.

Allerdings gibt es auch hier ein paar Probleme: Manches muss, vieles kann, und anderes war schon immer etwas komplizierter als gedacht. 😉 Lassen Sie sich überraschen.

A) Groß geschrieben werden müssen neu Substantive und Substantiviertes wie

1. Tageszeiten nach den Adverbien vorgestern, gestern, heute, morgen, übermorgen

„heute Mittag“, „morgen Abend“, „vorgestern Morgen“

2. Substantivierte nichtdeklinierte Adjektive in paarweisen Gegenüberstellungen

„Jung und Alt“, „Arm und Reich“, „Gut und Böse“, „Gleich und Gleich“ (gesellt sich gern o.ä.)

3. Substantivierte Adjektive und Partizipien in festen Wortgruppen

„es ist das Beste“, „nicht das Geringste“ (vorzuwerfen o.ä.), „im Argen liegen“
(Angleichung an schon älteren Gebrauch etwa bei „aufs Ganze gehen“ o. „das Weite suchen“)

4. Substantivisch gebrauchte artikellose Adjektive und Partizipien

„und Ähnliches“, „aber Folgendes“, „auch Anschließendes“

B) Groß geschrieben werden können neu Substantive und Substantiviertes wie

1. Substantivisch verstandene Adjektive in festen Wortgruppen

„der erste / Erste Vorsitzende“, „die erste / Erste Frau im Staat“, „das neue / Neue Jahr“

2. Substantivisch verstandene unbestimmte Zahladjektive

„das Ganze“, „jeder Einzelne“, „alles Übrige“, „etwas Anderes“, „die Einen, die Anderen“
(je nach Schreibabsicht aber auch klein möglich)

3. Substantivisch verstandene unbestimmte Zahlwörter

„viele hundert / Hundert kamen davon“, „einige tausend / Tausend kleiner Tiere“
(neu ist hier die mögliche Großschreibung)

„es gab dutzende / Dutzende von Bestellungen“, „hunderte / Hunderte von Menschen“
(neu ist hier die mögliche Kleinschreibung)

4. Substantivisch verstandene bestimmte Adjektive

„von neuem / von Neuem“, „bis auf weiteres“ / „bis auf Weiteres“, „binnen kurzem / Kurzem“
(Kombination aus Präposition und dekliniertem Adjektiv ohne vorangehenden Artikel)

5. Substantivisch verstandene adverbiale Wendungen mit Superlativ

„aufs äußerste / aufs Äußerste“, „sich auf das schönste / auf das Schönste verstehen“
(gilt für „aufs“ und „auf das“ mit Superlativ, nach denen man mit „wie“ fragen kann)

C) Nicht neu, aber trotzdem wichtig und mögliche Tücken sind zum Beispiel

1. Einfache Infinitive, ohne Artikel, Präposition oder nähere Bestimmung
Diese können als Verb oder als Substantiv aufgefasst werden. Als Letzteres sind sie groß.

„Bekanntlich dauert Schreiben oft länger als Lesen.“ (Gebrauch als Substantiv)
„Bekanntlich dauert schreiben oft länger als lesen.“ (Gebrauch als Verb)

2. Adjektive, Partizipien und Pronomen, die sich auf ein Substantiv beziehen
Diese werden klein geschrieben, obwohl sie wie ein Substantiv aussehen.

„Sie war die beste meiner Schülerinnen.“
„Heute gab es neue Bücher. Über die dünnsten machte ich mich als Erstes her.“

Getrennt- und Zusammenschreibung

Bisher ging es um Angleichungen, Eindeutschungen, die Beseitigung von Ausnahmen und den ebenfalls um Einheitlichkeit bemühten Versuch, alles groß schreiben zu lassen, was einem in der Regel groß geschriebenen Substantiv vergleichbar ist und als Substantiv verstanden wird. Auch eine größere Freiheit beim Schreiben und eine Verringerung möglicher Fehlerquellen waren ein Ziel der Reform – etwa bei der Worttrennung und der Zeichensetzung. Eigenwilliger verhielt es sich eigentlich nur bei der Handhabung von Eszett und Doppel-S. Wirklich haarig kann es allerdings bei der Getrennt- und Zusammenschreibung werden.

A) Die Verben

Generell muss man bei den Verben Wortgruppen und Zusammensetzungen unterscheiden. Beide können dasselbe aussagen, werden aber unterschiedlich geschrieben. So gibt es z.B.:

Dank sagen (Wortgruppe) und danksagen (Zusammensetzung)
Staub saugen (Wortgruppe) und staubsaugen (Zusammensetzung)
Delfin schwimmen (Wortgruppe) und delfinschwimmen (Zusammensetzung)

Für Verwirrung sorgen mit der Reform Fälle, wo Angleichungen versucht, aber – angesichts von Protesten? – wieder zurückgenommen wurden. Und Fälle, wo Angleichung und sprachliche Logik etwas gewachsen, gefühlt und inhaltlich Zusammengehöriges trennen.

Rücknahmen von Reformversuchen

1. Verb + Substantiv:
Wird das Substantiv im Ausdruck auch als Substantiv gebraucht, schreibt man getrennt. (Angst haben, Auto fahren, Schlittschuh laufen) Wird das Substantiv im Ausdruck nicht als solches gebraucht, schreibt man zusammen. (standhalten, teilhaben, wundernehmen) Diese Regel gibt es schon länger. Die Reform versuchte dies allerdings auf weitere Begriffe zu übertragen wie „Rad fahren“ und „Eis laufen“. Das scheint zurückgenommen zu sein. (Wieder: „eislaufen“)

2. Verb + Verb:
Verbindungen aus zwei Verben schreibt man häufig getrennt. (Baden gehen, lesen üben, schreiben lernen) Mit der Reform sollten zur Angleichung bis dahin zusammengeschriebene Verbindungen mit „bleiben“ und „lassen“ als zweitem Verb ebenfalls getrennt werden, und zwar dann, wenn das daraus entstandene Wort eine übertragene Bedeutung hat. (sitzen bleiben = nicht versetzt werden, stehen lassen = sich abwenden usw.) Das Gleiche galt für „kennen lernen“. Diese Regel scheint aufgeweicht zu sein. (Heute gibt es beide Schreibweisen: „sitzen bleiben“ und „sitzenbleiben“.)

Trennungen von ursprünglichen Zusammenschreibungen

1. Verb „sein“
Verbindungen mit „sein“ werden seit der Reform getrennt geschrieben. (Beisammen sein, vorbei sein, vorhanden sein, zufrieden sein, dabei sein, da sein.)

2. Verb + Partizip
Verbindungen von Verben und Partizipien sollen zur Angleichung an schon länger getrennte Ausdrücke immer getrennt geschrieben werden. (Gefangen nehmen, verloren gehen; passend zu schon länger getrennten Fällen wie „rasend werden“ und „getrennt schreiben“.)

3. Verb + Adjektiv
Zusammengeschrieben wird immer noch, wenn die Zusammensetzung eine neue Bedeutung hat, die sich nicht aus den Bedeutungen der einzelnen Teile ergibt. (Krankschreiben, festnageln = festlegen, kürzertreten = sich einschränken, schwerfallen = Mühe verursachen usw.) Das gilt zum Beispiel für viele Metaphern und Sprachbilder. Ist man sich nicht sicher, ob eine neue Bedeutung vorliegt, kann man zusammen- oder getrennt schreiben.

Zusammen- oder getrennt geschrieben werden kann, wenn das Adjektiv etwas über das Ergebnis des ganzen Verbs aussagt. (blank putzen / blankputzen, glatt hobeln / glatthobeln, leer essen / leeressen, kaputt machen / kaputtmachen)

Getrennt werden sollte heute, wenn das Adjektiv gesteigert oder erweitert werden kann. Steigerung: „Der Abschied ist uns schwer gefallen.“ (Denn man kann „schwer“ auch steigern zu „schwerer“.) Erweiterung: „Eine Wand blau färben.“ (Denn man kann die Farbe genauer bestimmen zum Beispiel als „leuchtend blau“ oder „tiefblau“.)

4. Verb + Adverb
Getrennt: Verbindungen mit „dahinter“, „darin“, „darüber“, „darunter“, „davor“
Getrennt oder zusammen: Die umgangssprachlichen Kurzformen dazu wie etwa
„Schlag mal nach, was drin steht“ oder „schlag mal nach, was drinsteht“

Getrennt: Verbindungen mit „-einander“ oder „-wärts“ (Aufeinander stoßen, vorwärts fahren)

Getrennt: Verbindungen mit zusammengesetztem Adverb (Beiseite legen, überhand nehmen; passend zu schon länger getrennten Fällen wie „zugute kommen“ oder „zuteil werden“.)

5. Verb + Ableitungen
Getrennt: Verbindungen mit Ableitungen auf -ig, -isch oder -lich (Heilig sprechen, heimlich tun; passend zu schon länger getrennten Fällen wie „ruhig bleiben“ oder „deutlich machen“.)

Ein halber Trost:
In Zweifelsfällen ist Getrennt- wie Zusammenschreibung erlaubt. Allerdings nur in Fällen, die nicht eindeutig zu klären sind, leider nicht in welchen, von denen Sie keine Ahnung haben. 😉

B) Die Adjektive

Trennungen von ursprünglichen Zusammenschreibungen

1. Steigerung oder Erweiterung von erstem Wortteil
Auch hier wird seit der Reform getrennt, wenn der erste Bestandteil des Wortes gesteigert oder erweitert werden kann. Steigerung: „schwer verständlich“ statt „schwerverständlich“, „leicht verdaulich“ statt „leichtverdaulich“, „weit reichend“ statt „weitreichend“. Erweiterung: „Eisen verarbeitende Industrie“ (Eisen ist die Erweiterung zu verarbeiten) oder „Aufsehen erregende Enthüllung“ (Aufsehen ist die Erweiterung zu erregen).

Leider gibt es auch hier wieder Ausnahmen: Man schreibt zusammen, wenn der erste Teil die Bedeutung des Wortes verstärkt oder mindert. (Bitterkalt, brandgefährlich, hochinteressant) Und man schreibt zusammen, wenn es der Zusammenhang erfordert. (Wenn zum Beispiel jemand höchstpersönlich kommt, aber etwas eine höchst persönliche Angelegenheit ist.)

2. Ableitung aus Wortgruppe
Seit der Reform schreibt man getrennt, wenn der adjektivischen Zusammensetzung eine getrennt geschriebene Wortgruppe, schreibt man zusammen, wenn ein zusammengeschriebenes Verb zugrunde liegt.

Getrennt:
„wild lebende Tiere“ von der Wortgruppe „wild leben“
„allein stehende Menschen“ von der Wortgruppe „allein stehen“

Zusammen:
„schlafwandelnd“ von der Zusammensetzung „schlafwandeln“
„irregeleitet“ von der Zusammensetzung „irreleiten“

3. Adjektiv + adjektivisches Partizip
Getrennt: Verbindungen aus adjektivischem Partizip und Adjektiv (Blendend weißes Kleid, kochend heißes Wasser, gestochen scharfes Foto)

4. Adjektiv + Ableitungen
Getrennt: Verbindungen mit Ableitungen auf -ig, -isch oder -lich (Grünlich gelb; passend zu schon länger getrennten Fällen wie „riesig groß“ oder „verführerisch leicht“.)

Je nach Auffassung getrennt oder zusammen

Und auch bei den Adjektiven gibt es viele Fälle, wo der Ausdruck als Wortgruppe / syntaktische Fügung oder als Zusammensetzung angesehen werden kann. Beide können – wie bei den Verben – dasselbe aussagen, werden aber unterschiedlich geschrieben. So gibt es z.B.:

Rat suchend (Wortgruppe / Fügung) und ratsuchend (Zusammensetzung)
Selbst gebackene (Wortgruppe / Fügung) und selbstgebackene (Zusammensetzung)
Allgemein gültig (Wortgruppe / Fügung) und allgemeingültig (Zusammensetzung)
Schwer krank (Wortgruppe / Fügung) und schwerkrank (Zusammensetzung)
Zu Tage fördern (Wortgruppe / Fügung) und zutage fördern (Zusammensetzung)
Zu Schulden kommen lassen (Wortgruppe / Fügung) und zuschulden kommen lassen (Z.)
Mit Hilfe von (Wortgruppe / Fügung) und mithilfe von (Zusammensetzung)
In Frage stellen (Wortgruppe / Fügung) und infrage stellen (Zusammensetzung)

Hier hängt die Getrennt- oder Zusammenschreibung davon ab, wie der Schreibende etwas verstanden wissen will.

Ein halber Trost
Wie bei den Verben gibt’s auch hier einen halben Trost: In Fällen, die nicht eindeutig zu klären sind, ist sowohl Getrennt- wie auch Zusammenschreibung erlaubt. Schließlich kann eine wohl tuende Massage auch eine wohltuende Massage sein. 😉

Raucht Ihnen jetzt der Kopf? Oder freuen Sie sich darüber, dass Sie etliches offenbar schon ganz richtig machen? Wenn Letzteres, Glückwunsch. Auf jeden Fall war das sicher noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Wie heißt es so schön: Die Reform geht weiter … :-)

Literatur

Die Beispiele habe ich teils entnommen aus:

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache. 21., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln. Mannheim 1996

Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Aktualisierte Fassung des amtlichen Regelwerks entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung 2016. Mannheim 2017 (PDF-Datei)

Amüsante Kommentare zur Rechtschreibreform finden Sie bei:

Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. (Mehrere Bände)

Kurstipps:

Weiteres gutes Wissen, wie Sie besser schreiben, finden Sie zum Beispiel hier:

Pakete: Professionell schreibenBeruflich schreibenSchreib dein Buch
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© 2017 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 23.10.17