Bleiben Sie auf dem Laufenden:
Newsletter lesen »
Feed lesen »




Texte besser lesen: Wie lang darf ein Satz sein?

Verständlich schreiben und kurze Sätze schreiben geht Hand in Hand. Doch zu viele kurze Sätze sind auch keine gute Idee. Sie können mit ihnen vom Regen in die Traufe kommen. Was denn nun? Wie lang darf ein Satz sein? Wie schreibt man Sätze, mit denen man Texte besser lesen kann? Kurz und knapp: So. 😉

Ob man einen Text leicht lesen kann, liegt auch an der Länge seiner Sätze. Im Allgemeinen sagt man: Je kürzer ein Satz ist, desto verständlicher ist er auch.

Schreiben Sie kurz

Das liegt daran, dass unser Gehirn nur etwa 12 bis 15 Silben im Kurzzeit-Gedächtnis speichern kann. (Andere Quellen sagen: 12 bis 15 Worte.) Je länger also ein Satz ist, desto größer ist die Gefahr, dass wir den Anfang schon wieder vergessen haben, wenn wir an seinem Ende angelangt sind.

Das liegt aber auch daran, dass lange Sätze oft unübersichtlich und chaotisch sind. Sie sind kompliziert gegliedert. Sie verschachteln sich über x Ebenen. Sie enthalten logische Brüche. Oder der Autor hat unterwegs den roten Faden verloren. Kein Wunder, wenn der Leser seine Konzentration und die Geduld verliert.

Deshalb geben viele Schreibratgeber ihren Lesern den Tipp, lange Sätze zu meiden und so kurz wie möglich zu schreiben.

Zudem können Sie mit kurzen Sätzen mehr Tempo entwickeln. Sie zwingen Sie, klar und präzise zu denken. Die Dinge auf den Punkt zu bringen. Der Leser wird Ihnen leichter folgen können und gebannt dabeibleiben, statt in zu langen Sätzen abzuschalten.

Aber schreiben Sie bitte nicht zu kurz

Aber schreiben Sie bitte nicht zu kurz. Es gibt zwar Autoren und Trainer, die dringend zu kurzen Sätzen raten. Längere Sätze sollten nur gelegentlich zur Abwechslung eingesetzt werden. Doch kurze Sätze haben auch ihre Nachteile.

Ein Text, der überwiegend aus kurzen Sätzen besteht, klingt abgehackt, atemlos. Er gleicht einem stakkato-mäßigen Ratatata. Ihren Texten fehlt die Melodie, die Wärme, der Sing-Sang, der den Unterschied zwischen einem Kommando-Ton und einer einschmeichelnden Kommunikation mit dem Leser bildet. 😉

Wenn Sie Pech haben, bringen zu viele kurze Sätze Sie sogar vom Regen in die Traufe.

Leser können zwar an Konzentrationsmängeln leiden, wenn sie sich durch Satzmonster quälen müssen. Doch genauso können sie beim Tempo zu vieler kurzer Sätze in Atemnot geraten und ermüden.

Außerdem bedeuten kurze Sätze nicht unbedingt kurze Texte. Wenn Sie für jeden Gedanken einen neuen Satz brauchen, statt ihn einfach als Nebensatz anzuhängen, verlängert das die reine Schreibmenge.

Lange Sätze sind gar nicht so übel

Trennen Sie sich von der Vorstellung, möglichst kurz schreiben zu müssen. Sie verlieren Ihre Leser nicht, nur weil Sie auch lange Sätze schreiben.

Selbst im notorisch flüchtigen Medium Internet, dessen Texte eher gescannt werden, gibt es viele gut ausgebildete, bibliophile Menschen, die gern lesen. Hat ein Text ihre Aufmerksamkeit gefunden und ist reizvoll genug, wird er auch gelesen.

Lange Sätze sind gar nicht so übel.

Sie können mit ihnen zum Beispiel Abhängigkeiten und Bedingungen besser ausdrücken. Was ist wichtig, was weniger wichtig? Was ist die Hauptsache und gehört in den Hauptsatz? Was die Nebensache für den Nebensatz? Damit können Sie auch komplizierte Dinge besser wiedergeben und erklären.

Und, wie gesagt, lange Sätze sind Musik. Sie sind Melodie, kein Trommelwirbel. Basteln Sie lange Sätze, die eine Wohltat für die Ohren Ihrer Leser sind, lassen Sie es klingen und schwingen, aufsteigen und wieder abfallen.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie die Aussprache einer Fremdsprache gelernt haben? Genau. Sie sind den Betonungszeichen gefolgt, haben Ihre Stimme mal gehoben, mal gesenkt, haben Pause gemacht und wieder angezogen. Übertragen Sie das auf Ihre Schreibe, und der Leser wird Ihnen begeistert durch dieses „Konzert“ folgen. 😉

Das Problem bei langen Sätzen ist wohl eher ihr stümperischer Aufbau

Das Problem ist wohl eher, dass viele keine langen Sätze mehr konstruieren können.

Die sauber durchstrukturierten, über viele Zeilen gehenden Sätze früherer Jahrhunderte sind heute eher selten. Das ist zweifellos ein Vorteil, was die Texte angeht. Aber ein Nachteil, was den Umgang mit und die Schulung von langen Sätzen angeht.

Das Ergebnis sind schlecht konstruierte Sätze, bei denen ein Satzteil planlos dem nächsten folgt. Und noch ein Einschub, und noch ein Nebensatz, und hier noch ein Gedanke, und das bringe ich noch unter … Ja. 😉

Oder anders formuliert: Auch mit langen Sätzen lassen sich Ihre Texte gut lesen. Vorausgesetzt, Sie bauen sie „sauber“ auf, argumentieren folgerichtig und schließen die einzelnen Satzteile sinnvoll an.

Suchen Sie nach dem goldenen Mittelweg

Wie üblich macht es auch hier das Maß: Suchen Sie nach dem goldenen Mittelweg. Variieren Sie mit kurzen und langen Sätzen, spielen Sie mit der Sprache.

Schauen Sie, ob sich das inhaltlich von selbst anbietet. Oder lassen Sie hin und wieder König Zufall regieren und streuen Sie wahllos Sätze unterschiedlichster Länge ein. Oder lesen Sie sich Ihren Text laut oder in Gedanken vor und achten Sie auf die Melodie.

Überarbeiten und verbessern Sie gegebenenfalls zum Schluss, wenn Sie zu sehr in die eine oder andere Richtung abgedriftet sein sollten.

Übungsanregung: Gehen Sie Ihre Texte durch und achten Sie darauf, wo Sie kurze, längere und lange Sätze geschrieben haben. Hört es sich für Sie melodisch an? Wenn ja, wo? Wenn nein, wo und warum nicht?

© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 17.07.10

Möchten Sie meinen Beitrag weiterempfehlen? Dann sage ich mal: Danke. :-)