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Umarme deinen Schatten: Sich selbst annehmen und ganz werden

von Heike Thormann

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Ca. 65 Seiten, PDF. Bitte klicken Sie hier ...

Wir alle könnten mehr sein als das, was wir jetzt sind. Wir bewundern Eigenschaften und Verhaltensweisen an anderen Menschen, die wir selbst nicht zu leben wagen. Statt dessen haben wir unsere eigenen Versuche in unser Unbewusstes abgedrängt, in unseren „Schatten“. Doch nur, wer seinen Schatten annimmt, wird auch ganz und heil. Nur, wer seinen Schatten annimmt, lernt, sich selbst anzunehmen und zu lieben.

Ich erinnere mich an eine Geschichte, die ich bei Ursula K. LeGuin (Partnerlink) gelesen habe.

Darin ging es darum, wie ein junger Magier über Jahre von einem rätselhaften Schatten verfolgt wurde, den er selbst heraufbeschworen hatte. In Todesangst verbrachte er die Zeit damit, vor dem Schatten zu fliehen. Immer wieder wurde er eingeholt, schlug seine Schlachten mit dem Schatten, zog sich Narben zu und entkam wieder.

Irgendwann, gereift, floh er nicht mehr. Als der Schatten ihn das nächste Mal einholte, ging er auf ihn zu, umarmte ihn, verschmolz mit ihm – und wurde ganz. Denn der Schatten war sein eigenes dunkles Selbst gewesen. Die Summe dessen, was der Magier an sich ablehnte oder nie gelernt hatte, auszubilden und anzunehmen.

Gegensätze ziehen sich an

Solche unterdrückten Wesensanteile hat jeder von uns. Teile, die wir an uns fürchten oder die uns fehlen. Es sind die Teile, die uns auch oft zu anderen Menschen hinziehen.

Es heißt zwar so schön, dass sich „Gleich und Gleich gern gesellen“. Und das ist auch richtig. Denn je mehr Übereinstimmungen es zwischen Menschen gibt, desto weniger Kämpfe werden sie zu bestehen haben.

Doch ebenso heißt es, dass „Gegensätze sich anziehen“. Wir suchen im und bewundern am anderen instinktiv das, was uns selbst fehlt. Unsere eigenen ungelebten Wesenszüge.

  • Wer gelernt hat, hart zu sein, mag am anderen das Weiche schätzen.
  • Wer an diversen Ängsten leidet, mag am anderen dessen Mut bewundern.
  • Wer sprunghaft und verschlossen ist, schätzt vielleicht Offenheit und Geradlinigkeit.
  • Wer unbeherrscht, aufbrausend und hitzig ist, sucht vielleicht Gelassenheit und Ruhe.

Ein solcher „Zusammenprall“ geht nicht ohne Reibereien und Konflikte ab. Und doch können sich solche Gegensätze bereichern. Liebe und Zuneigung helfen, die Verletzungen, die man sich gegenseitig vielleicht unabsichtlich zufügt, abzufedern und zu überstehen.

Sie müssen diese Unterschiede aber jetzt nicht an anderen Menschen suchen, um sie für sich selbst zu gewinnen. Auch wenn diese Ihnen dabei helfen können.

Im Gegenteil. Besser wäre es, Ihren eigenen Schatten zu umarmen, sich selbst anzunehmen und „ganz“ zu werden.

Denn noch einmal: Es ist Ihr Schatten, der Sie zu solchen „Gegenstücken“ hinzieht.

Was ist „der Schatten“?

Der „Schatten“ ist ein Konzept aus Psychologie und Psychotherapie. Er steht für die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wir in unser Unbewusstes verdrängt oder nicht ausgebildet haben oder die in uns schlummern.

Wir alle sind ein Produkt unserer Erziehung und unserer Umwelt.

Wenn wir zum Beispiel gelernt haben, immer lieb und nett sein zu müssen, weil wir sonst abgelehnt werden, haben wir die Fähigkeit zu einem gesunden Widerstand verloren, bis er sich vielleicht gewaltsam Bahn bricht. Wenn wir gelernt haben, nicht schwach sein zu dürfen, unterdrücken wir unsere Gefühle und werden hart.

Wir wollen den Menschen, die uns aufziehen, gefallen. Wir sind von ihnen abhängig. Also übernehmen wir ihre Werte und formen uns nach ihrem Willen. Das geht so lange, bis wir uns, meist in der Pubertät, langsam ablösen und eine eigene Persönlichkeit ausbilden.

Sich selbst annehmen und ganz werden

Doch der Schatten bleibt. Nicht zuletzt, weil wir ihn oft nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Wir spüren instinktiv, dass uns etwas fehlt, und das zieht uns zu besagten menschlichen Gegenstücken hin.

Doch wir müssen erst lernen, unsere Mängel und unseren Schatten zu erkennen. Und danach müssen wir noch lernen, mit dem Schatten zu „verschmelzen“, ihn zu integrieren, um ganz und heil zu werden.

Um bei dem Beispiel von oben zu bleiben:

  • Wer das Weiche schätzt, sollte es sich selbst erlauben.
  • Wer den Mut bewundert, sollte diesen selbst üben.
  • Wer offener werden will, sollte einen Versuch wagen.
  • Wer Gelassenheit sucht, sollte Mittel und Wege dafür finden.

Das ist nicht leicht, keine Frage. Doch nur, wer all das Unterdrückte in sich, wer sich selbst annehmen kann, wird ein ausgeglichener, zufriedener, in sich ruhender Mensch werden.

Wenn Sie wollen, habe ich hier einige Übungs-Anregungen für Sie:

  • Sehen Sie sich die Menschen in Ihrer Nähe an: Wo unterscheiden Sie sich von ihnen? Was können Sie voneinander lernen? Welche Eigenschaften bewundern Sie und wollen Sie übernehmen? Wofür lieben Sie jemanden?(Achtung: Machen Sie diese Übung nicht, wenn Sie gerade sauer auf jemanden sind. Es dürfte klar sein, dass sich die Ergebnisse dann verfälschen. ;-) — Bzw. machen Sie sie ruhig, um sich vor Augen zu führen, warum Sie jemanden lieben. Das hat allerdings jetzt weniger mit diesem Thema zu tun.)
  • Welche Eigenschaften wollen Sie an sich weiter ausbauen und fördern? Wo ist Ihnen vielleicht ein Mangel bewusst geworden? Mit welchem Verhalten sind Sie in eine Sackgasse geraten? Was würde Ihnen gut tun? Was vermissen Sie?
  • Und für alle, die im Korsett ihrer Erziehung stecken, oder die Nachteile befürchten, wenn sie sich nicht „konform“ verhalten: Was würden Sie tun, wenn Sie „nicht so gut erzogen wären“? Wenn eine Fee vorbeikäme und Ihnen einen Wunsch erfüllen würde: Wie würden Sie sein wollen? Haben Sie einen heimlichen Wunsch?

Buchtipp

Jean Monbourquette, Umarme deinen Schatten. Ermutigung zur Selbstannahme. Freiburg 2001 (kanad. Original 1997), 158 Seiten (Partnerlink)

© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 12.08.10

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