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Acht Stolperfallen beim Texten

Manche Eigenheiten haben sich tief in unsere Texte eingegraben: Behördendeutsch, Fachchinesisch, Schachtelsätze, Bandwürmer und dergleichen mehr. Dinge, über die selbst erfahrene Schreiber immer wieder stolpern. Aber auch Dinge, die beim Leser zu Rätselraten führen können, ihn Zeit und vielleicht Nerven kosten. Halten Sie deshalb die Augen nach diesen Stolperfallen offen – umso einfacher und verständlicher werden Ihre Texte, und umso größer wird Ihre Chance, gelesen zu werden.

Wenn der Amtsschimmel wiehert

Gerade, wenn wir ein wenig „offizieller“ werden, schalten wir beim Texten oft automatisch einen Gang höher: Bei Schreiben an Behörden, wichtigen Kundenkontakten, Angeboten, Mahnungen und was es sonst noch so gibt.

Da darf es dann nicht mehr unsere alltägliche Schriftsprache sein, sondern es wimmelt von Phrasen wie „Bezug nehmend auf Ihre Ausschreibung vom“, „in Erwartung Ihrer Rechnung verbleibe ich“ und anderen Anklängen an Amtsdeutsch und Behördensprache.

Solche Formulierungen klingen nicht nur steif und unnatürlich. Wenn Sie Pech haben, verliert Ihr Gegenüber auch die Lust, Ihre Worte im Kopf zu „übersetzen“ und herauszufinden, was Sie eigentlich meinen. Schreiben Sie leserfreundlich und ersparen Sie ihm diese Zeit und Mühe.

Fragen Sie sich immer: Würde ich so etwas auch an „Tante Erna“ (oder jemand anderen Vertrauten) schreiben oder in einem normalen Gespräch äußern? Wenn nicht, raus damit.

Vorsicht vor Fachchinesisch

Fachsprache hat ihre Vorteile. Eingeweihten erspart sie mühsame Umschreibungen, liefert Definitionen, verdichtet Inhalte. Wer weiß, was ein DVD-Player ist oder was man mit einem Memory-Stick anstellt, muss das nicht noch lang und breit erklärt bekommen. Ein einfacher Begriff reicht.

Zum Problem wird die Sache, wenn etliche Ihrer Leser nicht wissen, was ein DVD-Player oder ein Memory-Stick ist. Ihnen entgehen ganze Wissensinhalte, die sie sich – wenn überhaupt – nur mühsam aus dem Text erklären können.

Und ja, ich weiß, dass das Ganze nicht einfach ist. Was sind Fachausdrücke, die in die Alltagssprache eingegangen sind? Was Fachausdrücke, die von Ihren Lesern mehrheitlich verstanden werden? Und was Fachausdrücke, mit denen Sie nur noch von Gleich zu Gleich kommunizieren können?

Der Grat dürfte schmal sein. Versuchen Sie es vielleicht so: Schreiben Sie, wann immer Sie können, so einfach und allgemein verständlich wie möglich. Und erst, wenn Sie damit nicht weiterkommen, greifen Sie zu Ihren Fachbegriffen. Damit trainieren Sie nebenbei auch Ihren Wortschatz und Ihr Denken: Indem Sie sich klarmachen, wofür denn nun DVD-Player und Memory-Stick ganz genau stehen, wie sie aussehen und was man mit ihnen machen kann.

Aktiv, nicht passiv

Ebenfalls typisch für Amtsstuben-Deutsch: Passiv-Konstruktionen, die die handelnde Partei verstecken.

Da werden „neue Verordnungen erlassen“ (Frage: von wem?), anstatt dass Regierung und Co. neue Verordnungen erlassen. Oder Gebrauchsanleitungen erklären dem ratlosen Leser, dass er „Textnachrichten erst dann senden kann, wenn das Telefon für Textnachrichten eingerichtet wurde“. Kein Wort darüber, wer denn nun diese Einrichtung wie vornehmen soll. Das findet man bestenfalls ein paar Seiten später.

Schreiben Sie hier aktiv, nicht passiv. Verstecken Sie nichts (warum sollten Sie?) und sagen Sie Ihren Lesern klipp und klar, was sie machen sollen. Je mehr Rätselraten Sie ihnen ersparen, desto bereitwilliger werden sie Ihre Texte lesen.

Die Sache mit den –ungs und –heits

Auch eine beliebte Methode, „offizieller“ zu klingen: Substantivierungen. Oder auf gut Deutsch: Verben, die zu Substantiven werden.

Wenn jemand der „Beaufsichtigung der Kinder nachgeht“, statt Kinder zu beaufsichtigen, oder sich um die „Klärung der Zuständigkeiten kümmern will“, statt einfach die Zuständigkeiten zu klären, ist das so ein Fall.

Hier würde ich die –ungs, -heits und –keits der zu Hauptwörtern mutierten Verben auf die Gelegenheiten beschränken, wo sie wirklich notwendig sind, weil sie beispielsweise etwas anderes ausdrücken als das Ausgangs-Verb. Wenn also zum Beispiel jemand etwas nicht in eigener Person klärt, sondern das Ganze nur veranlasst, macht ein „sich um Klärung bemühen“ Sinn.

Ansonsten: Fort mit unnötigen Substantiven. Sie klingen längst nicht so lebendig und lesefreundlich wie ein Verb, und neigen dazu, Bandwurm-Sätze zu produzieren.

Keine Schachteln bitte

Wie lang darf ein Satz sein? Gute Frage. Und je nachdem, wen Sie fragen, werden Sie unterschiedliche Antworten bekommen. Es gibt Leute, die einen knappen Stakkato-Stil predigen. Und es gibt Leute, deren Sätze über eine halbe Seite gehen.

Tatsache ist, dass unser Gehirn nur wenige, man sagt etwa 12 Silben im Kurzzeitgedächtnis speichern kann. Je länger also ein Satz ist, desto größer ist die Gefahr, dass wir den Anfang schon wieder vergessen haben, wenn wir am Ende angelangt sind.

Andererseits können auch vorbildlich kurze Sätze mit 12 bis 15 Wörtern ermüden, wenn sie geballt auftreten und sich nicht mit längeren Sätzen abwechseln.

Versuchen Sie für sich vielleicht einen goldenen Mittelweg zu finden: Nicht zu kurz und nicht zu lang. Und vor allem: Keine Schachtelsätze. Denn die eigentliche Crux bei langen Sätzen ist oft die komplizierte Gliederung von bis in die –xte Ebene verschachtelter Satzteile.

Bevor Sie einen Nebensatz nach dem anderen mit „und“, „damit“ und „weil“ anschließen, machen Sie lieber einen Punkt. Je klarer und prägnanter ein Satz ist, desto leichter können Ihre Leser Ihnen und Ihren Gedanken folgen

Bandwürmer meiden

Was für Sätze gilt, gilt auch für Worte: Je länger sie sind, umso schwerer tun wir uns damit, sie zu verstehen.

Meiden Sie deshalb nach Möglichkeit Bandwürmer wie „Webdesignausbildung“ oder „Materialbeschaffungsmaßnahme“. Umschreiben Sie sie oder lösen Sie sie zum Beispiel in „Ausbildung zum Webdesigner“ oder „Ausbildung in Webdesign“ auf.

Und falls sich das bei Ihnen nicht machen lässt, dann greifen Sie zumindest zum Bindestrich: „Webdesign-Ausbildung.“ So kann der Leser die einzelnen Bestandteile Ihres Wortes besser erkennen und schneller erfassen.

Wiederholungen streichen

Manche Wiederholungen sind so alltäglich, dass sie uns gar nicht mehr als Wiederholung auffallen: „Ich muss vor dem Einzug noch meine Wohnung neu renovieren.“ (Wie sieht eine alt – nicht auf alt! – renovierte Wohnung aus?)

Und manche Wiederholungen springen einem gleich ins Auge: „Ich kann dazu momentan auf Anhieb nichts weiter sagen.“ (Mit „momentan“ und „auf Anhieb“ dreht sich der Verfasser im Kreis, weil beide etwas Ähnliches aussagen.)

Überflüssig sind sie beide. Streichen Sie solchen Wortballast. Dann müssen Ihre Leser auch nicht über den Unterschied zwischen „momentan“ und „auf Anhieb“ grübeln oder sich fragen, ob Sie Ihre Wohnung nun renovieren oder ein weiteres Mal renovieren müssen.

Sagen Sie Ja, wenn Sie Ja meinen

Die Queen soll es öfter sein: Not amused. Aber wenn jemand „nicht amüsiert“ ist, ist er dann verärgert, angesäuert oder lässt ihn die Sache vielleicht kalt?

Das heißt, eine Verneinung wie „nicht amüsiert“ kann eine witzige Untertreibung für jemanden sein, der kurz vor dem Platzen steht. Aber weiß man es? Genauso gut könnte jemand nur mit etwas nicht einverstanden sein, oder auch schlicht eine Sache nicht komisch finden.

Verneinungen lassen oft mehrere Deutungen zu, können zu Missverständnissen führen oder den Leser zumindest Zeit zum Überlegen kosten. Und manchmal sind sie sogar gefährlich: Wer bei einem Brand „nicht den Aufzug benutzen soll“, weiß deshalb noch lange nicht, wohin er sich wenden kann. Unklarheiten, die zum Verhängnis werden können.

Und auch, wenn das letzte Beispiel ein Extremfall bleibt: Jede Minute, die Ihre Leser grübelnd über Ihrem Text verbringen, kostet diese Zeit und Sie die Chance, gelesen zu werden. Achten Sie deshalb auf typische Stolperfallen beim Texten – es wäre doch schade, wenn all die Arbeit umsonst gewesen sein soll.

© 2008 Heike Thormann, Erstveröffentlichung im Dr. Web Magazin 05/08

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