Bleiben Sie auf dem Laufenden:  
Schon über 500 Artikel und PDFs  
Newsletter lesen »    Feed lesen »  



Testleser

Wenn ein Text öffentlich verrissen oder gar nicht erst veröffentlicht wird, ist das nicht schön. Viele Autoren geben ihre Texte deshalb vorher Testlesern zu lesen. Deren Feedback kann zwar auch schmerzen, doch immerhin können Sie damit noch versuchen, Ihren Texten Gutes zu tun. Lesen Sie hier, wie Sie mit Testlesern und deren Feedback arbeiten.

Wer schreibt, ist mit seinen Texten oft emotional verbunden. Da kann es weh tun, wenn diese von anderen mit Verbesserungsvorschlägen überhäuft oder sogar ernsthaft kritisiert werden. Ich erinnere mich aber auch an meine Zeit im Vertrieb und da galt das sogenannte Vier- oder sogar Sechs-Augen-Prinzip. Das heißt, nichts Wichtiges ging raus, wenn es nicht mindestens von ein oder zwei Personen gegengelesen und gegebenenfalls korrigiert wurde.

Das gibt es auch im Schreiben mit sogenannten Testlesern. Diese lesen Ihre Texte oder Bücher, auszugsweise oder ganz, und geben Ihnen dazu Feedback. Diesen Aufwand werden Sie sich nicht bei jedem Text leisten können oder wollen, doch bei allem, was eine größere Bedeutung für Sie hat, kann es sinnvoll sein.

Wobei können Testleser helfen?

Wir sehen einen Text oft nicht so, wie wir ihn geschrieben haben, sondern so, wie wir glauben, ihn geschrieben zu haben. Erst wenn wir einen Text verfremden und auf Abstand zu ihm gehen, sehen wir, was wirklich auf dem Papier steht. Dabei helfen zum Beispiel zeitliche Distanz, eine Ortsveränderung, ein anderes Schreibprogramm mit anderem Schriftbild, Ausdruck auf Papier und Ähnliches mehr. Ein Testleser hat diese Probleme nicht. Er sieht, was wirklich geschrieben steht und kann uns dazu Rückmeldung geben.

Mehr noch, weil wir wissen, was wir schreiben wollen, merken wir es oft auch nicht, wenn ein Text Gedankensprünge hat oder eine unklare Argumentation aufweist. Ein Leser kennt die Zusammenhänge und Hintergründe nicht. Deshalb kann er schnell über etwas stolpern, was wir für selbstverständlich hielten und darum nicht lesergerecht genug aufbereitet haben.

Testleser können auch

  • Rückmeldung geben, wie Ihr Text allgemein gefällt beziehungsweise wie er von Laien oder einer besonderen Zielgruppe wahrgenommen wird
  • Ihnen sprachlich weiterhelfen, besonders wenn es Schreiberfahrenere sind und
  • Ihnen fachlich weiterhelfen, wenn es entsprechende Fachexperten sind.

Testleser können motivieren, begleiten und mit Streicheleinheiten unterstützen. Sie können helfen, das Bestmögliche aus Ihrem Text oder Buch herauszuholen. Sie sind eine eingebaute Sicherheitsstufe, Schwächen Ihres Textes zu beseitigen, bevor dieser veröffentlicht und verrissen oder gar nicht erst zur Veröffentlichung angenommen wird. Testleser geben Ihnen das gute Gefühl, für Ihren Text getan zu haben, was Sie konnten. (Von einer Überarbeitung durch erfahrene Lektoren einmal abgesehen.) Und sie helfen Ihnen, sich als Autor oder Autorin weiterzuentwickeln und dazuzulernen.

Wer eignet sich zum Testleser?

Wählen Sie Ihre Testleser am besten so, wie Sie sie brauchen: Schreibprofis für das Handwerk, Fachexperten für Fachfragen, Laien für die Wirkung auf den allgemeinen Leser. Dazu zum Beispiel Leute fürs emotionale Aufpäppeln, Leute, um Ihren Text auf Herz und Nieren zu prüfen, Leute, um mit klugen Verbesserungsvorschlägen aufzuwarten. Zudem wird jeder Testleser Ihren Text wieder anders wahrnehmen und – Geschmäcker sind verschieden – beurteilen; selbst Schreibprofis werden auf unterschiedliche Dinge achten. Das bedeutet, mehrere Testleser können Ihnen auch mehr über Ihren Text sagen, und was der eine nicht sieht oder nicht gut findet, bemerkt oder lobt vielleicht der andere.

Ihre Testleser sollten konstruktiv-kritisch sein. Das heißt, sie sollten Ihnen wohlmeinend und helfend ihre Meinung sagen können, ohne gleich die Keule zu schwingen. Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen, dass Ihr Feedback umso ehrlicher ausfällt, je mehr Sie das selbst wollen und damit umgehen können. Ihre bessere Hälfte oder wen immer Sie fragen, wird sonst schon aus Selbsterhaltungstrieb Ihre Werke überschwänglich loben – und sich jedes andere Wort verkneifen. 😉 Allerdings kann Feedback auch sehr verletzend geäußert werden, zumal in anonymerem Zusammenhang wie Internetforen. Achten Sie deshalb darauf, dass Ihre Feedbackgeber die Balance halten.

Wenn Ihre Testleser zudem auch lobende Worte finden, kompetent wirken und die nötige Zeit für Sie haben, haben Sie Ihren Mann oder Ihre Frau gefunden.

Manche Autoren arbeiten nur mit einem Feedbackgeber und suchen fast so sorgfältig wie bei einem Lebenspartner nach ihm oder ihr. Andere stellen sich pro Buch jeweils ein neues Team von Testlesern zusammen. Schauen Sie, was Ihrer eigenen Art entspricht. Ich selbst habe sowohl mit einer Testleserin als auch mit mehreren Kollegen gute Erfahrungen gemacht.

Wie arbeiten Sie mit Testlesern?

Auch die Arbeit mit Testlesern hängt vom jeweiligen Zusammenhang ab. Sie können zum Beispiel nur Auszüge gegenlesen lassen oder das ganze Werk. Sie können Ihre Texte zumailen oder ausgedruckt zuschicken, per eMail oder Telefon darüber sprechen, oder sich regelmäßig persönlich treffen. Letzteres bietet sich beispielsweise an, wenn Sie sich als Gruppe mit ähnlichen Zielen unterstützen, etwa bei einer Studienarbeit. Sie können andere bitten, für ein Dankeschön ausschließlich Ihre Texte zu lesen, oder Sie arbeiten auf Gegenseitigkeitsbasis.

Übrigens sollte eine gegenseitige Unterstützung nach meiner Erfahrung ausgewogen sein. Keine der Parteien sollte das Gefühl haben, zu viel zu geben und zeitlich zu sehr in Anspruch genommen zu sein. Und der gegenseitige Nutzen sollte groß genug sein, beide Parteien sollten in etwa auf demselben Niveau sein.

Ich würde Ihnen empfehlen, Ihre Werke erst dann zum Gegenlesen freizugeben, wenn diese schon relativ weit gediehen sind. Das kann hilfreich sein, um sich nicht von Kritik oder zu vielem zu Überarbeitendem abschrecken zu lassen. Vor allem tut es aber gut, um überhaupt einmal etwas Eigenes zu erschaffen und sich nicht durch zu viele andere Meinungen vom Kurs abbringen zu lassen. Wenn Sie möchten, können Sie Ihre Bücher ja kapitelweise weitergeben, dann können Sie noch rechtzeitig anpassen und das Feedback in weitere Kapitel einfließen lassen.

Sie können wählen, ob Sie Ihre Testleser einfach bitten „sag mir mal deine Meinung“, oder ob Sie sie auf bestimmte Dinge hinweisen, zu denen Sie mehr hören wollen. Manche Autoren arbeiten sogar mit Fragebögen. Wenn Sie gar nichts sagen, bekommen Sie einen spontanen ersten Eindruck, wie Ihr Text wahrgenommen wurde und beim anderen ankam. Wenn Sie Fragen vorgeben, entgehen Ihnen vielleicht solche Spontanäußerungen, aber dafür ist das Feedback zielgerichteter. Wenn Ihre Testleser ganz viel Zeit haben, können Sie sie auch um beides bitten: Einen spontanen ersten Durchgang, und im Anschluss die Arbeit mit Ihren Vorgaben oder Fragen.

Wie arbeiten Sie mit deren Feedback?

Wie gesagt, es hat seine Vorteile, wenn Sie mehrere Testleser haben. Sie werden aber in Teufels Küche kommen, wenn Sie Ihren Text erst an einen Testleser geben, dann dessen Kommentare umsetzen, Ihren Text überarbeitet an den nächsten Leser geben, und so fort.

Am besten warten Sie, bis Sie Ihre Rückmeldungen beisammen haben. Vergleichen Sie dann: Werden bestimmte Punkte von mehreren Lesern genannt? Das kann bedeuten, dass Sie hier in der Tat noch einmal Hand anlegen sollten. Werden Punkte nur von einem Leser genannt? Dann kann das etwas sein, was andere nicht sehen, oder es ist einfach Geschmacksfrage. Überlegen Sie, ob Sie diese Stelle überarbeiten wollen oder nicht. Wenn Sie unsicher sind, können Sie mit dem Testleser auch über die Stelle sprechen und anschließend entscheiden.

Ganz wichtig ist es wie gesagt auch, dass Ihre Testleser das Gefühl haben, dass Sie für ein ehrliches Feedback bereit sind. Ich habe beispielsweise einmal mit einer Kollegin aus dem Lektorat zusammengearbeitet, die relativ unsicher war. Sie wollte mich nicht verärgern oder verletzen, und sie hatte auch selbst eine eher geringe Meinung von ihren Fähigkeiten. Entsprechend vorsichtig und sparsam fiel ihr Feedback aus. Erst beim zweiten oder dritten Mal wurde sie sicherer und war mir eine wertvolle Hilfe mit gutem Sprachgefühl.

Fallen Sie also nicht über den anderen her, wenn Sie der Meinung sein sollten, dass dieser Ihr Werk nicht zu schätzen weiß. 😉 Lassen Sie alles sacken, bringen Sie Abstand zwischen sich und die vermeintliche Kritik. Denken Sie daran, es sind nur Meinungen, und zwar solche, die weiterhelfen können. Zudem wird Ihnen auch tatsächliche Kritik immer weniger anhaben, je routinierter Sie im Schreiben werden und je besser Ihr Selbstwertgefühl wird. Letzten Endes tun Sie das für sich und Ihren Text oder Ihr Buch: Besser, Sie ändern jetzt etwas ab oder fügen Neues hinzu, als dass Ihr Werk untergeht oder nicht gefällt.

Und zum guten Schluss: Berücksichtigen Sie die Rückmeldungen anderer. Aber tun Sie das nur, wenn Sie diese teilen können. Testleser sollen eine Hilfe sein, kein Zwang, Ihren Text in etwas zu verwandeln, was Sie nicht wollen. Und so würde ich sie auch immer nutzen.

Lesetipps:

Literaturtipp:

© 2016 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 31.08.16