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Die Kunst des ersten Satzes: 8 Ideen, wie Sie einen Text beginnen

Viele Autoren eiern um den ersten Satz herum. Der Anfang eines Textes ist wichtig. Leser, die Sie hier nicht bekommen, haben Sie in der Regel verloren. Entsprechend groß ist der Druck, einen gescheiten Texteinstieg zu finden. Zwei Dinge können Ihnen helfen: Ein gutes Konzept, damit Sie wissen, was Sie überhaupt schreiben wollen. Und ein paar Ideen, wie Sie einen Text beginnen.

Eine Teilnehmerin meines Kurses „Bücher und Texte konzipieren und planen“ meinte einmal zu mir, dass sie sich schwer damit tue, in einen Text hineinzufinden.

Sie würde ihren Artikeln gern einen überzeugenden Einstieg mitgeben. Denn sie wüsste „wenn ich den Leser jetzt nicht neugierig mache und in den Text hineinziehe, habe ich ihn wahrscheinlich verloren“. Doch sie würde sich in ihrer krampfhaften Suche nur gedanklich im Kreis bewegen und immer furchtbar lange am ersten Satz oder Absatz „herumeiern“.

Ich schrieb ihr zurück, dass ich den Anfang eines Textes im Zweifelsfall auch erst zum Schluss schreiben würde. Denn oft fällt uns ein Textanfang ja schwer, weil wir noch nicht genau wissen, was folgen wird. Und so sitzen wir vor dem leeren Blatt, haschen nach den vagen Schatten eines Textes und wollen gleichzeitig einen möglichst gelungenen Auftakt hinlegen. Kein Wunder, dass wir dann „herumeiern“. 😉

Wenn dagegen der Text oder zumindest sein Konzept steht, wissen wir, was kommen wird. Wir wissen, wie sich der Text entwickeln wird und wie wir argumentieren wollen. Jetzt dürfte es auch einfacher sein, mit Artikel und Co. zu beginnen.

Doch neben diesem lebenswichtigen „wohin soll es gehen und was will ich eigentlich sagen“ gibt es noch ein paar „Standard-Bausteine“, mit denen Sie einen Text beginnen können.

Ich nenne Ihnen hier einige der gebräuchlichsten. Ziel der Methoden ist es immer, einen Leser neugierig zu machen, seinen Appetit zu wecken und zum Weiterlesen zu animieren.

1. Das Wichtigste zuerst bringen

Dieses Prinzip werden Sie oft bei Zeitungsartikeln oder Pressemitteilungen finden: Die wichtigsten Informationen eines Textes stehen noch einmal gebündelt an seinem Anfang. Die klassische Journalisten-Frage „wer hat was wann wo wie warum getan“ hilft, dieses Wichtige herauszufiltern. (Auch Fakten-Einstieg genannt.)

2. Mit einer Schlagzeile ins Auge springen

Noch stärker verdichtet als der Fakten-Einstieg ist der komprimierte oder Schlagzeilen-Einstieg. Hier erklären Sie nicht mehr, wer was wann wo wie warum getan hat. Stattdessen springen Sie dem Leser mit einer kurzen, knappen Schlagzeile ins Auge.

Achten Sie darauf, dass Sie den Kern oder die Hauptaussage Ihres Textes erfassen. Beispiel: „Öl-Preis wieder gestiegen. Auch in diesem Jahr nutzen die Öl-Konzerne die Urlaubszeit um …“

3. Spannung erzeugen

Logisch, Ihre Leser werden gebannt an Ihren Lippen, ahm, Verzeihung, an Ihren Texten hängen, wenn Sie ihnen schon zu Beginn diverse Nervenkitzel bescheren. Machen Sie es spannend, lautet die Devise. Deuten Sie ein Geheimnis an. „Versprechen“ Sie etwas, was Sie erst im Laufe des Textes einlösen werden. Bringen Sie irgendetwas, auf das der Leser eine Antwort haben will.

Erwähnen Sie zum Beispiel, dass Ihr neues Solar-Auto nur noch die Hälfte an Benzin verbrauchen wird – und deuten Sie an, dass der Leser nähere Details dazu im Text finden wird.

4. Mit Gegensätzen arbeiten

Wenn sich etwas zu widersprechen scheint, hören wir automatisch eher hin. Ein sogenanntes Paradoxon verwendet solche scheinbaren Widersprüche. Ein Beispiel: „Es war die beste aller Zeiten, es war die schlechteste aller Zeiten“ – ein berühmter Roman-Anfang aus „A Tale of Two Cities / Die Geschichte zweier Städte“ von Charles Dickens.

5. Eine Szene beschreiben

Im kreativen Schreiben ist es auch immer wichtig, etwas so plastisch wie möglich zu beschreiben. Erzählen Sie Ihren Lesern nicht, dass heute ein mieses November-Wetter herrscht, „zeigen“ Sie es ihnen.

Beginnen Sie Ihren Text zum Beispiel so: „Grau. Schon wieder ein grauer Tag. Der ewige Regen zieht feine Bahnen durch den Schmutz auf meiner Fensterscheibe. Ich sollte meine Fenster putzen. Doch wer wird sich aufraffen wollen, wenn ein Tag nach dem anderen so wenig vielversprechend beginnt …“ So könnte der Tagebuch-Eintrag einer literarisch ambitionierten Autorin mit einer gepflegten Melancholie beginnen. 😉

6. Mit einem Zitat starten

Zeitungsartikel beginnen gern mit wörtlicher Rede. Da wird zum Beispiel der Bürgermeister eines kleinen Örtchens zitiert: „’Es war ein großer Tag für unsere Gemeinde’, Bürgermeister Müller sieht sich sichtlich zufrieden um …“

Andere Artikel oder Bücher starten ein neues Kapitel oder einen neuen Abschnitt mit den Aussprüchen von Berühmtheiten. Der Leser soll ins Nachdenken geraten, schmunzeln, nicken oder sich mental auf den Text einstellen.

Achten Sie nur darauf, dass Ihr Zitat wieder zum Text und seiner Aussage passt.

7. Direkt ansprechen

Viele Werbetexte sprechen den Leser persönlich an oder stellen ihm eine Frage. Da heißt es beispielsweise: „Ich denke, Sie wissen selbst, wie schwer es ist, einen Leser in der notorisch flüchtigen Zeit von heute für seine Texte zu begeistern.“ Oder: „Wussten Sie, dass wir alle viel zu wenig Mineralstoffe zu uns nehmen?“

8. Emotional und besonders werden

Egal, wie nüchtern und sachorientiert wir uns geben mögen – wir Menschen sind in erster Linie an Menschen, Gefühlen, Geschichten, farbigen Beispielen und Ähnlichem interessiert.

Peppen Sie also Ihren Artikel über die Hühnerzucht mit einem Einstieg auf, der den Kampf von Bauer Karl gegen die ruinöse Hühner-Zucht-Mafia erwähnt. Oder schreiben Sie eine bewegende Story über Küken Anna und seine tapsigen Schritte in das neue Leben.

Suchen Sie nach dem besonderen Detail. Was kann einem sonst nüchternen Text eine „emotionale“ Note geben? Suchen Sie nach Anekdoten. Lassen Sie Menschen und andere Lebewesen agieren. Schauen Sie, ob Sie Inhalt und Kern Ihres Textes durch ein farbiges Beispiel besser veranschaulichen können.

Eine Möglichkeit dafür wäre auch mein eigener Einstieg in diesen Text mit der Geschichte meiner Teilnehmerin plus (hier allerdings fingierter) wörtlicher Rede.

Das Leben ist nicht abstrakt, es ist emotional. Und die Menschen wollen dieses Emotionale hören. Geben Sie es ihnen. :-)

© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 04.11.2010

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