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Der letzte Schliff: Einen Text überarbeiten

So sehr jemand, der schreibt, sich dagegen sträuben mag, die wenigsten Texte sind auf Anhieb perfekt. Eine Überarbeitung ist eigentlich immer nötig. Allerdings ist es oft gar nicht so einfach, seine Texte mit kritischen Augen zu sehen und zu überarbeiten. Zu sehr sind wir mitten im Geschehen. Die folgenden Tipps helfen Ihnen, leichter Abstand zu gewinnen und das Beste aus Ihren Texten herauszuholen.

So mancher, der schreibt, hasst sie aus ganzem Herzen: Die Überarbeitung. Sei es, dass er glaubt, keine Zeit für sie zu haben. Dass sie ihm die Freude am kreativen Schaffensdrang vergällt. Oder dass er ihr seine Texte nicht opfern will.

Aber nur die wenigsten Texte sind auf Anhieb perfekt. Eine Überarbeitung ist eigentlich immer nötig. Da wimmelt es von Rechtschreib- und Tippfehlern, klingt die Sprache hölzern, wird die innere Logik eines Textes nicht deutlich oder der rote Faden verfehlt, und und.

Allerdings: Eine Überarbeitung ist gar nicht so einfach. Nicht nur, wer eine Überarbeitung hasst, kann zu sehr im Geschehen sein, um seine Texte noch halbwegs objektiv zu überprüfen.

Nutzen Sie die folgenden Tipps, um etwas mehr Abstand zu Ihren Texten zu gewinnen. Desto leichter wird es Ihnen fallen, ihre Schwächen zu erkennen und ihnen mit einer Überarbeitung zu Leibe zu rücken.

Den Text liegen lassen

Erste Grundregel bei jeder Überarbeitung: Legen Sie Abstand zwischen sich und Ihren Text. Lassen Sie ihn „abkühlen“.

Wenn Sie Ihrem Text gerade ans Licht der Welt geholfen haben, sind Sie noch zu sehr im Geschehen. Fehler und Schwächen werden Sie übersehen, und – eigener oder fremder – Kritik lieber aus dem Weg gehen. Damit ist aber weder Ihnen noch Ihrem Text geholfen.

Wenn Sie können, lassen Sie Ihren Text ein paar Tage oder sogar mehrere Wochen liegen, bevor Sie ihn sich wieder vornehmen. Wenn das aus zeitlichen Gründen nicht gehen sollte, machen Sie es beispielsweise so wie ich: Ich schlafe für gewöhnlich eine Nacht darüber, bevor ich meine Texte überarbeite und dann zur Veröffentlichung freigebe.

Ist der Veröffentlichungsdruck noch größer, dann laufe ich zumindest eine Runde um den See (praktischerweise direkt vor der Haustür) oder mache ein, zwei Stunden lang etwas anderes, schreibe vielleicht auch an einem anderen Text, bevor Text A wieder dran ist.

Sich Zeit nehmen

Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Überarbeitung. Betrachten Sie sie als gute Investition in die Qualität Ihres Textes. Man sagt nicht umsonst, dass erst die Überarbeitung den eigentlichen Text ausmacht.

Nebenbei: Wenn Sie zuerst eine Rohfassung Ihres Textes in die Tastatur hauen und danach geduldig an der Überarbeitung feilen, kommen Sie im Endeffekt sogar schneller voran, als wenn Sie über jedem einzelnen Satz brüten würden, bis Sie den nächsten aus Ihrer Feder fließen lassen.

Den Text laut vorlesen

Mit ein Grund dafür, warum ich nicht mit anderen gemeinsam in einem Raum schreiben könnte: Meine Angewohnheit, meine Texte laut zu lesen.

Für eine Überarbeitung ist das allerdings ein Segen. Denn nichts lässt Sie schneller über unmögliche Sätze stolpern als Ihre eigene Stimme.

Ihre Stimme wirkt wie ein Vergrößerungsglas und zeigt Ihnen unbarmherzig die Schwachstellen Ihres Textes. Erst, wenn Sie einen Satz in einem Rutsch durchlesen können, ohne zwischendurch zu stocken, erst, wenn Sie Tonfall und Rhythmus Ihres Satzes „singen“ können, dann ist er auch gelungen.

Achten Sie beim Vorlesen auf einen glatten Sprachfluss und überarbeiten Sie alles, was holprig oder unbeholfen klingt. Tipp: Wenn Sie nicht immer wieder neu ansetzen wollen, können Sie solche Stellen auch zuerst anstreichen und dann nach dem Vorlesen bearbeiten.

Das Schriftbild wechseln

Abstand ist für eine Überarbeitung nicht nur gut, um Ihren Text mit etwas professionelleren, kritischeren Augen als denen eines jungen Elternteils zu sehen. Abstand lässt Sie Ihren Text auch überhaupt erst richtig wahrnehmen.

Denn was Sie sonst ohne diesen Abstand vor Augen haben, ist weniger Ihr Text, wie er auf dem Papier steht. Es ist Ihr Text, wie Sie ihn im Kopf haben.

Tippfehler, Lücken oder logische Brüche – das alles wird Ihnen entgehen, wenn Sie nur auf das Bild in Ihrem Kopf hören. So gut ist unser Gehirn darin, die falschen Teile einfach mit dem Gemeinten zu ersetzen.

Diese gedankliche Blaupause können Sie, wie gesagt, durch zeitliche Distanz abschwächen.

Es gibt aber auch noch einen anderen Trick: Ändern Sie das Schriftbild Ihres Textes.

Tauschen Sie Ihre Standard-Schrift aus, spielen Sie mit der Zeichengröße, variieren Sie Zeilenabstand oder Spaltenbreite – was auch immer. Hauptsache, Ihr Text sieht optisch so fremd aus wie irgend möglich.

Wenn Ihr Gehirn jetzt versucht, den realen Text mit seinem gedanklichen Abbild in Übereinstimmung zu bringen, wird es Probleme bekommen – und Sie haben die Chance, wieder das zu lesen, was Sie auch geschrieben haben. Mitsamt den Fehlern und Lücken.

Den Text ausdrucken

Ebenfalls eine gute Methode, Ihren Text wieder richtig wahrzunehmen: Drucken Sie ihn aus.

Das Lesen am Bildschirm fällt dem menschlichen Auge relativ schwer. Deshalb neigen wir dazu, Textstellen zu überfliegen und nur Bruchteile von ihnen wahrzunehmen. Fehler, die in solchen übersprungenen Stellen sitzen, bekommen wir erst gar nicht mit. Beim gründlicheren Lesen auf Papier werden sie Ihnen dagegen eher ins Auge fallen.

(Das ist übrigens ein Tipp, den ich selbst nur bei sehr wichtigen Dokumenten anwende. Ansonsten würde ich einfach zu viel Papier produzieren, nur um es dann wegwerfen zu müssen. Schauen Sie vielleicht selbst, was bei Ihnen Sinn macht.)

Den Ort wechseln

Und noch eine Möglichkeit, um Ihren Text zu verfremden und wieder wahrzunehmen: Lesen Sie ihn an einem anderen Ort.

Dazu können Sie zum Beispiel Ihre Ausdrucke nehmen und, sagen wir, auf den Balkon umziehen. Oder auch, wenn Sie haben, Ihren Laptop, Ihren eBook-Reader, Ihren Skizzenblock und Ähnliches mehr.

So bekommen Sie wieder Distanz zu Ihrem Text und können diesen mit neuen Augen sehen: Die neue Umgebung mit ihren anderen Reizen fordert und fördert Ihre Sinne. Ihr Denken wird aus seinem Gleichtakt gerissen. Und Ihr Gehirn ist jetzt hellwach und gut auf die akribische Verbesserung Ihrer Texte vorbereitet.

Nach Einzelheiten suchen

Wenn alles nichts hilft: Setzen Sie sich Scheuklappen auf.

Wenn Sie keine Zeit haben, um Ihren Text liegen zu lassen, ihn nicht laut lesen, ausdrucken oder auf den Balkon mitnehmen können, dann verfremden Sie nicht Ihre Wahrnehmung, sondern begrenzen Sie sie.

Setzen Sie sich mentale Scheuklappen auf und klopfen Sie Ihren Text unter bestimmten Gesichtspunkten ab. So könnten Sie in einem Durchgang nach Rechtschreibfehlern suchen. In einem zweiten die logische Verknüpfung prüfen. In einem dritten auf den Sprachfluss achten. Und so weiter.

Blenden Sie das vollständige Bild so gut es geht aus. Umso deutlicher können Sie die Einzelheiten erkennen.

Die Überarbeitung genießen

Ich liebe meine Texte, und ich bin wie alle Autoren der Überzeugung, dass sie schon kurz nach der Geburt perfekt sind. Aber das sind sie nicht. Im Gegenteil. Noch nach Jahren finde ich immer wieder etwas, was es zu überarbeiten gäbe.

Deshalb liebe ich auch die Überarbeitung – und wünschte, ich hätte mehr Zeit für sie. Zeit, um meine Texte zu verbessern, um zu lernen, und um das wertzuschätzen, was schon gut geworden ist.

In diesem Sinne kommt hier mein letzter Tipp: Genießen Sie die Überarbeitung. Sehen Sie sie nicht als Strafe, sondern als Geschenk.

Schreiben ist ein Prozess, kein fertiges Produkt. Nur die wenigsten von uns werden auf Anhieb den großen Wurf landen. Aber mit einer Überarbeitung kommen wir ihm ein Stück weit näher.

© 2008 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 08.08.08

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