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Neun Tipps gegen den Kreativitätskiller Perfektionismus

Es gibt kaum etwas, was unserer Kreativität mehr schaden kann als Perfektionismus. Wer ihm frönt, kann schnell den Spaß an der Sache, den Glauben an sich selbst, und seine gesamte kreative Schaffenskraft verlieren. Dennoch ist er weit verbreitet. Wenn auch Sie Ihren Perfektionismus in den Griff bekommen wollen, versuchen Sie es mal mit den folgenden neun Tipps.

Wenn man sich die Helden aus den Medien zum Vorbild nimmt, könnte man es mit der Angst zu tun bekommen: Schriftsteller landen einen Bestseller nach dem nächsten. Musiker fahren Millionen verkaufter Platten ein. Wissenschaftler ernten Nobelpreise. Und Unternehmen entwickeln das Produkt des Jahres.

Wie können wir da noch wagen, uns im gleichen Metier bewegen zu wollen?

Kein Wunder, dass ich immer wieder Teilnehmer habe, die beispielsweise viele Stunden darin investieren, möglichst perfekte Texte abzuliefern. Oder die einen Text erst dann im Kurs zur Begutachtung freigeben, wenn sie der Meinung sind, dass dieser nicht mehr verbessert werden kann.

Angesichts solch hoher Vorgaben und Erwartungen möchte man natürlich nicht als unfähig dastehen, und schraubt, dreht und bosselt solange, bis man sich halbwegs ans Licht der Öffentlichkeit traut.

Das ist aber nicht nur kontraproduktiv für Kurse, in denen man ja noch ausdrücklich etwas lernen soll.

Es gibt auch kaum etwas, was der Kreativität mehr schaden kann als dieser Perfektionismus. Wer ihm frönt, kann schnell den Spaß an der Sache, den Glauben an sich selbst, und seine gesamte kreative Schaffenskraft verlieren.

Nun kann ich Ihnen Ihren Perfektionismus nicht durch einen Hinweis auf falsche Vorbilder und eine Warnung vor seiner Zerstörungskraft nehmen. Dafür hat er zu viele Ursachen, um durch einen kleinen Artikel gelöst werden zu können.

Nutzen Sie die folgenden Tipps deshalb eher als Anregung. Achten Sie darauf, wann Sie selbst den Grat überschreiten und die Messlatte zu hoch legen. Und schulen Sie Ihren Blick dafür, wie Sie von dort wieder runterkommen.

Tipp 1: Nehmen Sie sich so, wie Sie sind.

Versuchen Sie nicht, Kafka oder Chagall zu sein, wenn Sie Lieschen Müller oder Hans Meyer sind.

Mag sein, dass es noch Sinn macht, den Stil und die Stärken anderer zu imitieren, um von ihnen zu lernen. Es ihnen an (vermeintlicher) Perfektion gleichtun zu wollen, um mit ihnen auch in Größe und Erfolg gleichzuziehen, kann dagegen die schönsten Blockaden auslösen.

Stehen Sie zu Lieschen Müller und Hans Meyer. Stehen Sie zu Ihren eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften. Und vertrauen Sie darauf, dass die Menschen Sie ob Ihrer Originalität lieben werden. Niemand will geklonte Kafkas. Aber vielleicht einen funkelnden Hans Meyer.

Tipp 2: Schrauben Sie Ihre Ansprüche runter.

„Besser geht immer“ – das ist eigentlich logisch. Dennoch bringen wir uns auf der Jagd nach dem Optimum oft um Kopf und Kragen.

Dabei sind weder 120% noch 150% nötig. Im Gegenteil. Meistens reichen 80% oder 90% völlig aus, um unsere Aufgaben zu erfüllen. Es sind die Feinarbeiten der letzten Meter, die sich Stunde um Stunde ziehen, ohne das Ergebnis entscheidend zu verbessern.

Steigen Sie aus dieser Spirale ins Unendliche aus und schrauben Sie Ihre Ansprüche herunter. Verlangen Sie nicht zu viel von sich.

Tipp 3: Verlieben Sie sich nicht in Details.

Nicht nur zu hohe Ansprüche und die Feinheiten der letzten Meter können einen Perfektionisten an der Klippe zerschellen lassen. Auch detailverliebtes – genau, es soll ja möglichst perfekt sein – Basteln kostet Zeit und Kraft. So ist schon manches Buch oder Projekt an zu vielen Punkten auf der Wunschliste gescheitert.

Stecken Sie lieber einen groben Rahmen ab, den es einzuhalten gilt, und bewerten Sie nach „muss unbedingt rein“ beziehungsweise „wäre ganz nett“. Streichen Sie dann die „wäre ganz nett“ gnadenlos zusammen.

Ja, es wäre schön, wenn Sie hier noch ein Interview mit einem Experten für Ihren Ratgeber hätten, und da noch eine Lokalbegehung eines Schauplatzes für mehr Atmosphäre in Ihrem Roman. Muss dieses Detail aber wirklich sein? Bringt es Ihnen voraussichtlich mehr ein, als es Sie kostet? Wenn nicht, dann vergessen Sie die Sache entweder oder vertagen Sie sie zumindest, bis Sie genug Zeit haben, um aus Spaß an der Freud’ zu basteln.

Tipp 4: Trauen Sie sich fertig zu werden.

Manche von uns greifen vor allem deshalb zur 30. Überarbeitung ihres Textes oder zur 40. Skizze für ihr Bild, weil sie sich scheuen fertig zu werden.

Natürlich sind Überarbeitungen und Entwürfe richtig und wichtig. Dennoch müssen wir auch einen Schnitt machen können und uns trauen aufzuhören.

Lernen Sie, zu dem zu stehen, was Sie noch hätten tun können, aber nicht mehr getan haben. Zu dem, was andere vielleicht noch gern gesehen oder von Ihnen erwartet hätten. Zu dem, was Ihnen entgangen ist oder später noch eingefallen wäre. Kurzum, zu Ihren Grenzen.

Niemand ist perfekt, und Sie können es einfach nicht allen recht machen. Versuchen Sie es erst gar nicht.

Tipp 5: Sehen Sie Fehler als Chance.

Mit Sicherheit ein Grund, warum viele Perfektionisten nicht aufhören können: Weil sie Angst vor Fehlern haben. Und das ist in unserer leistungsorientierten Gesellschaft, die nur die erfolgreichen Menschen feiert, und alle anderen verdammt, auch verständlich.

Aber der krampfhafte Versuch, Fehler zu vermeiden, wird diese erst recht provozieren.

Mehr noch: Fehler sind auch eine Chance. Wer sich nicht traut, Fehler zu machen, wird zum Beispiel nie etwas Neues ausprobieren oder erschaffen.

Was machen all die Testfahrer und Testkäufer? Genau, sie suchen nach Fehlern und Schwächen, und helfen damit, ein Produkt oder Angebot zu verbessern. Ohne Crashtest oder Testleser würde so manches Auto oder Buch entweder gar nicht das Licht der Welt erblicken oder nicht sein volles Potenzial entfalten.

Tipp 6: Denken Sie nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien.

Und noch ein Grund, warum viele dem Perfektionismus huldigen: Sie denken in Schwarz-Weiß-Kategorien.

Da heißt es dann etwa: „Wenn ich das jetzt nicht so gut wie möglich mache, dann hätte ich es auch bleiben lassen können.“ Oder: „Was ich mache, das mache ich richtig.“ Oder: „Entweder der Verlag nimmt mein Buch, oder ich habe versagt.“ Und so weiter, und so fort.

Ein solches Denken setzt aber nur unnötig unter Druck. Und es unterschlägt all das, was man bei einer Aufgabe sonst noch für sich gewinnen kann. Wenn Sie beispielsweise Ihr Buch zwar nicht untergebracht, aber vielleicht gelernt haben, wie Sie es besser machen können. Und und.

Lassen Sie locker. Es geht nicht darum, zwischen Alles-oder-Nichts zu wählen und sich dann bei dem Versuch, „alles“ zu erreichen, zu ruinieren. Es geht darum, immer wieder neu zu entscheiden, was man in eine Sache hineinstecken möchte und was nicht.

Tipp 7: Vergleichen Sie sich nicht mit anderen.

Ich weiß, wir Menschen neigen dazu: Wir vergleichen uns gern mit anderen. Und ein bisschen positiver Ansporn durch Menschen, die „besser“ sind als wir, kann nicht schaden.

Vergleiche können uns aber auch in eine massive Krise und Selbstzweifel stürzen. Nach dem Motto: „Himmel, Stephen King hat – wie viele? – Bestseller veröffentlicht, und ich krebse immer noch mit der Zeitschrift für den Anglerverein herum.“

Na und? Sei’s drum. Vielleicht sind Sie einfach besser in den Medien (Zeitschrift) oder im direkten Kontakt mit Menschen (für Reportagen, Features oder Ähnliches). Jeder hat seine eigenen Stärken. Machen Sie diese nicht durch Vergleiche und den Wunsch, in allem perfekt zu sein, klein.

Tipp 8: Entlarven Sie Ihre Ängste.

Perfektionismus und Angst gehen oft Hand in Hand. Angst vor Fehlern, Angst davor, ausgelacht zu werden oder zu enttäuschen.

Meistens sind diese Ängste rational nicht haltbar, hartnäckig sind sie aber doch. Holen Sie sie dann ans Tageslicht und nehmen Sie ihnen ihre Macht.

Legen Sie dazu zum Beispiel eine Tabelle mit zwei Spalten an.

In die linke Spalte kommen alle Gedanken, die Ihnen Sorgen machen oder die Sie ängstigen. Also etwa: „Warum sollte man meine Bücher oder Texte lesen wollen? Es ist eh schon alles zum Thema geschrieben worden.“ In die rechte Spalte schreiben Sie dann alles, was dagegen spricht. Beispielsweise: „Alles kann zu einem Thema gar nicht geschrieben worden sein. Jeder Autor setzt Schwerpunkte und trifft eine Auswahl.“ Oder: „Vielleicht sind es ja gerade meine Auswahl, meine Argumentation, und meine Schlussfolgerungen, die viele Leser mögen.“

Sie sehen das Prinzip? Entlarven Sie Ihre Ängste und halten Sie ihnen schlagkräftige Argumente entgegen. Damit sind Sie auch eine der Ursachen los, die Sie in den Perfektionismus treiben können.

Tipp 9: Genießen Sie den Prozess.

Konzentrieren Sie sich auf den Prozess, nicht auf das fertige Produkt.

Kreativität bedeutet, etwas um seiner selbst willen zu erschaffen. Nicht, weil man damit etwas Bestimmtes erreichen will. Dieser letztendliche Zweck Ihres Buches, Bildes oder Produkts ist zwar durchaus gegeben, logisch. Wir alle freuen uns, wenn man unsere Bücher liest, Bilder bewundert oder Produkte kauft. (Oder alles kauft. ;-)) Dennoch sollte die Freude an der Schaffenskraft überwiegen, nicht die Verwertbarkeit des Ganzen.

Wenn Sie lediglich, sagen wir, mit dem Blick auf die Bestseller-Listen schreiben, nehmen Sie sich nicht nur den ungehemmten, reinen Spaß an der Sache.

Sie machen sich auch von äußeren Faktoren abhängig, die Sie nicht beeinflussen können. Es wird immer Menschen geben, die Ihre Texte nicht mögen, Verlage, die Ihre Manuskripte nicht annehmen, Kritiker, die Ihre Werke in der Luft zerreißen.

Koppeln Sie Ihr Selbstwertgefühl und Ihr Verständnis von Erfolg nicht an solche äußeren Dinge. Machen Sie sich nicht von anderen Menschen oder den Launen des Schicksals abhängig. Das kann Sie nur in den Perfektionismus treiben.

Viele kreative Tätigkeiten sind ein lebenslanger Prozess. Mit jedem Jahr werden Sie mehr lernen und Ihre Fähigkeiten vervollkommnen. Freuen Sie sich auf diesen Prozess, schielen Sie nicht nach dem perfekten Produkt. Dann werden Ihre Produkte von ganz allein immer besser.

© 2009 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 30.04.09

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