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Noch immer plagen viel zu viele komplizierte, unverständliche Texte ihre Leser. Aber es ist gar nicht so einfach, leicht verständlich zu schreiben. Das Hamburger Verständlichkeitsmodell zeigt Ihnen, worauf es dabei ankommt.

Warum verständlich schreiben?

In bestimmten Kreisen gilt noch heute ein Text umso besser, je komplizierter er ist. Wissenschaft, Bürokratie, Rechtswesen und Co. – sie alle befleißigen sich einer trockenen, nüchternen, gestelzten Sprache, die nur Eingeweihte wirklich verstehen.

Nun, ketzerisch könnte man sich auch fragen, ob das der eigentliche Sinn dieser Sprache ist: Allen anderen klarzumachen, dass sie nicht dazugehören. 😉 So in etwa: Je komplizierter ein Text ist, desto gebildeter und versierter muss sein Autor sein.

Das ist aber ein Irrglaube. Es ist nicht besonders schwer, kompliziert zu schreiben. Das beherrschen die meisten von uns von selbst. Wir schreiben drauflos, ohne zu wissen, was oder wohin. Wir reihen lieblos eine Information an die nächste. Wir sprechen den Leser nicht an. Wir bringen uns als Autor nicht ein. Wir erschlagen mit Satzmonstern und Ungetümen.

Wohlgemerkt: Alles meist sogar ohne böse Absicht. Die Kunst ist es eben nicht, kompliziert zu schreiben. Die Kunst ist es, verständlich zu schreiben. Und ein Text, der einfach und simpel zu sein scheint, ist oft das Ergebnis großer Kunstfertigkeit oder langen Feilens.

Schreiben ist ein Handwerk, wie alles andere auch. Und nur, wer sein Handwerk übt und beherrscht, kann seinen Lesern leicht verständliche Texte schenken. Texte, die kein Kopfzerbrechen bereiten, in die Ecke fliegen oder schlicht nicht gelesen werden. 😉

Verständlich schreiben nach dem Hamburger Verständlichkeitsmodell

Was macht aber einen Text verständlich? Denn am Inhalt liegt es nicht. Wir können eine harmlose Backanleitung beim Leser genauso schwer im Magen liegen lassen wie das berühmte Kleingedruckte.

Die Psychologen Langer, Schulz von Thun und Tausch haben in ihrem „Hamburger Verständlichkeitsmodell“ schon vor über 30 Jahren dazu vier Punkte ausgemacht:

  1. Einfachheit
  2. Gliederung – Ordnung
  3. Kürze – Prägnanz
  4. Anregende Zusätze

1. Einfachheit

„Schreib’s einfach, dann bist du auch verständlich.“ Das klingt gut. Wenn kompliziert dazu beiträgt, dem Leser Kopfzerbrechen zu bereiten, sollte ein einfacher Text verständlicher sein. Und wie sieht nun ein einfacher Text aus? 😉

Dazu rät das Hamburger Modell:

  • Versuchen Sie, etwas so einfach wie möglich zu beschreiben.
  • Greifen Sie zu kurzen, einfachen Sätzen ohne lange Haupt- und Nebensatz-Gebilde.
  • Erklären Sie Ausdrücke oder Fachbegriffe, die Ihre Leser vielleicht nicht verstehen.
  • Schildern Sie etwas anschaulich und konkret.

2. Gliederung und Ordnung

Ich hatte es oben schon erwähnt: Wenn wir drauflosschreiben, ohne zu wissen, was oder wohin, haben wir anschließend entweder viel zu überarbeiten – oder wir sind nicht verständlich.

Wir Menschen neigen zwar dazu, wild durcheinanderzudenken. Aber wenn wir etwas verstehen und einer Sache gut folgen können sollen, müssen die Informationen schön nacheinander, in einer logischen Reihenfolge auf uns zurollen.

Tun sie das nicht, brauchen wir zu lange, um die Argumentation und den roten Faden in diesem Knäuel herauszufiltern. Bis dahin sind bereits die nächsten Fakten da oder wir kämpfen uns mühsam von Textstelle zu Textstelle voran.

Achten Sie nach dem Hamburger Modell darauf

  • nachvollziehbar zu gliedern
  • schön der Reihe nach zu schreiben
  • und immer den roten Faden zu halten.

Wenn Sie es besonders gut mit Ihren Lesern meinen, können Sie Ihnen auch mit optischen Gestaltungsmitteln helfen, dem Text zu folgen.

3. Kürze – Prägnanz

Ein Text kann zwar auch zu kurz und zu stark verdichtet sein, im Allgemeinen gilt aber auch hier der Spruch: „In der Kürze liegt die Würze.“

Versuchen Sie nach dem Hamburger Modell

  • alles Langatmige und Weitschweifige gnadenlos zusammenzustreichen
  • alles Überflüssige und Unwesentliche herauszurupfen und
  • immer den Kern der Sache im Auge zu behalten.

Jagen Sie Ihre Leser nicht über zwei Seiten, wenn Sie Ihnen auch etwas in zwei Sätzen hätten erklären können. 😉

4. Anregende Zusätze

Das scheint dem, was ich gerade geschrieben habe, zu widersprechen: Wenn wir uns doch kurz und knapp fassen sollen, dann haben „anregende Zusätze“ dort ja eigentlich gar nichts verloren. Richtig?

Nicht ganz. 😉

Ich sagte es schon: Texte können auch zu kurz und knapp sein. Zu stark verdichtet. Zu trocken und nüchtern. Wir können ihnen zwar noch folgen. Aber leicht, flüssig, verständlich liest sich so etwas nicht.

Deshalb rät das Hamburger Modell zu sogenannten „anregenden Zusätzen“.

Also beispielsweise:

  • Bringen Sie Beispiele, damit der Leser ein Bild vor Augen hat.
  • Bauen Sie Elemente wie Zitate, Fragen, Witze pp. ein, die den Text auflockern.
  • Sprechen Sie den Leser an, greifen Sie zu Beispielen aus seiner Lebenswelt.
  • Schreiben Sie persönlich, werden Sie als Autor sichtbar.

Je anschaulicher Sie schreiben, je mehr Sie den Leser in Ihren Text hineinziehen, desto leichter wird er Ihnen folgen können.

Suchen Sie nach dem goldenen Mittelweg. Verwenden Sie Ihre „anregenden Zusätze“ sparsam und gezielt. Und unterstützen Sie Ihre Aussagen mit ihnen, lassen Sie sie nicht nur schmückendes Beiwerk sein.

Dann dürfte eigentlich nichts schiefgehen bei Ihrem Versuch, verständlich zu schreiben. Viel Glück. 😉

© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 22. April 2010

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