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Unter Strom: Abschalten vom Schreiben

Viele, die schreiben, schreiben aus Leidenschaft. Das ist sehr schön, doch es hat einen Haken: Manchem fällt es schwer, abzuschalten und das Schreiben auch mal sein zu lassen. Kennen Sie das? Dann habe ich hier neun Tipps für Sie, wie Sie sich eine Schreibpause gönnen und vom Schreiben abschalten.

In einem Interview bin ich gefragt worden: „Können Sie vom Schreiben abschalten? Oder stehen Sie ständig unter Strom, um all die Impulse, Ideen und Geschichten aufzufangen, die man für seine Bücher oder Texte gebrauchen könnte?“

Und richtig, Schreiben ist, wie auch Natalie Goldberg meint, für viele eine Leidenschaft, keine Frage von Selbstdisziplin oder Ähnliches. Es wärmt einen, treibt an und reißt mit – kann man trotzdem davon abschalten?

Ich antwortete: Teils – teils. Ja, auch ich stolpere ständig über Einzelheiten oder Ideen für meine Artikel oder Kurse und Produkte. Diese halte ich dann schleunigst irgendwo fest, damit sie mir nicht verloren gehen. Das ist eine Angewohnheit, die mir kaum noch auffällt. Doch ich kann auch abschalten beziehungsweise habe gelernt, immer besser abzuschalten.

Und weil ich dieses Thema spannend fand und gern noch mehr für mich herausholen wollte, habe ich diesen Artikel für Sie und für mich geschrieben.

PS: Wenn Sie sich nach Ihrer Pause wieder warmschreiben wollen, können Sie das zum Beispiel mit meinem Kurs „Kreativ Schreiben lernen“ tun. Ein Einstiegspaket ins Kreative Schreiben, das Ihnen auch Methoden zeigt, mit denen Sie (wieder) ins Schreiben finden. 😉

1. Den Schaffensdrang abbremsen

Viele Kreative brennen vor Schaffensdrang. „Ihre Endorphine gehen ihnen durch“, wie gerade noch jemand nach einem Konzert über einen hingebungsvollen Organisten meinte. 😉 Das ist für Kreative völlig normal. Ich war genauso, als ich es gar nicht abwarten konnte, diese Webseite hochzubringen, und wie im Rausch daran gearbeitet habe.

Das Problem ist, dass, wie ich schon früher schrieb, nur wenige Menschen dieses Energie-Niveau auf Dauer halten können. Man brennt aus, fliegt aus der Kurve oder verzettelt sich. Hier habe ich ein paar Tipps gesammelt, wie Sie diesen Schaffensdrang abbremsen: „Die Ungeduld des Schaffensdrangs“

Wohlgemerkt, Sie sollen ihn abbremsen, nicht abschaffen. Es kann zur Herausforderung werden, Stück für Stück geduldig an seinem Werk zu basteln. 😉

2. Sich hilfreiche Strukturen zulegen

Mancher steht nur deshalb unter Strom, weil er nie gelernt hat, den Stecker zu ziehen und abzuschalten.

Gerade wer im Home Office schreibt, ist gefährdet. Arbeit und Privates drohen ineinander überzugehen und ehe man sich versieht, eilt man direkt nach dem Aufstehen an den Rechner, torkelt müde von ihm ins Bett und steht am besten nachts noch auf, um eine tolle Idee in seiner Kladde festzuhalten. 😉

Ein bisschen Routine, ein geregelter Schreibplan, feste Strukturen können Wunder wirken. Man muss nicht ständig denken und steht nicht permanent unter Hochspannung. Viele Bestseller-Autoren haben feste Arbeitszeiten wie etwa „von 9 bis 11 Uhr: Schreiben“.

Und auch, wer wie ich gern flexibel arbeitet und sich nicht in ein festes Korsett zwingen lassen will, kann es zum Beispiel mit Aufgaben-Blöcken versuchen. Ich sage mir dann: Heute mache ich das und das – und nicht mehr. Oder: In den nächsten zwei Wochen möchte ich diese Aufgaben geschafft bekommen – mehr aber auch nicht.

Sie müssen nur aufpassen, dass Sie a) nicht von Anfang an völlig unrealistisch planen und sich zu viel aufhalsen. Und b) natürlich, dass Sie nicht gierig noch Nachschlag nehmen, wenn Sie Ihr Pensum erfüllt haben. Doch, das geht.

Versuchen Sie auch, Arbeit und Privates zu trennen. Das eMail-Programm läuft nicht dauernd bei mir. Wenn ich Freizeit habe, ist der Computer aus. Das Handy nutze ich eh nur im Notfall. Und wenn ich in Urlaub fahre, nehme ich keine Fachbücher mit. (Wobei ich gern zugebe, dass ich diesen Fortschritt erst vor relativ kurzer Zeit erreicht habe. ;-))

Genauso nehme ich auch kein Ideenheft oder Ähnliches in den Urlaub mit. Sie könnten auch versuchen, phasenweise ganz auf Schreibjournale und Ideenbücher zu verzichten. Sozusagen ein „Schreib- / Ideen-Entzug“ parallel zum Medien-Entzug.

Das alles ist natürlich Geschmacksfrage. Ich will Ihnen Ihren Medienkonsum nicht madig machen. Doch grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht: Je mehr Medienkonsum, desto „hibbeliger“ ist der Geist. Und dann wird es schwer, vom Schreiben abzuschalten.

Noch ein Tipp: Machen Sie nicht zu viele Projekte gleichzeitig auf. Je mehr Schreibsachen angefangen auf Sie warten, desto schwerer wird es, davon runterzukommen.

3. Innere Antreiber erkennen

Manchmal ist es allerdings ernster als „nur ein bisschen Schaffensdrang“ oder Gewohnheiten, die einen nicht zur Ruhe kommen lassen. Zum Beispiel, wenn es sich um sogenannte innere Antreiber handelt. Das sind Dinge, die landläufig auch gern als Schreibblockaden durchgehen, die also umgekehrt auch vom Schreiben abhalten können.

Vielleicht sind es finanzielle Sorgen oder der Druck einer jungen Selbstständigkeit. Also sehen Sie zu, dass Sie einen Artikel nach dem nächsten schreiben und verkaufen.

Vielleicht machen Selbstwertprobleme und Ihr Innerer Kritiker Ihnen zu schaffen, so dass Sie auch noch das Letzte aus sich herausholen. Vielleicht sind Sie generell zu ehrgeizig, haben zu hohe Ansprüche an sich, setzen sich sehr unter Erfolgsdruck, sind von einem Thema besessen – auch dann kann es mitunter schwerfallen, vom Schreiben abzuschalten.

Ihre Gedanken werden ständig darum kreisen und Sie werden sich noch durch die x-te Überarbeitung kämpfen.

Bevor Sie diese „Antreiber“ nicht identifiziert und gelöst haben, wird es schwer, wirklich gelassener zu werden.

4. Arbeitssucht ausschließen

Ein ehemaliger Arbeitskollege hatte den Verdacht, arbeitssüchtig zu sein; und ich schließe mich diesem Verdacht an. Wenn Ihre Gedanken nur noch ums Schreiben kreisen, könnte das ebenfalls ein Grund dafür sein. (Vorausgesetzt natürlich, Sie verdienen Ihre Brötchen auch mit Schreiben.)

Ich habe für einen Auftraggeber mal eine kleine Liste erstellt, woran Sie Ihre Arbeitssucht erkennen. Ich hänge sie Ihnen hier an.

  • Kreisen Ihre Gedanken immer häufiger um die Arbeit?
  • Vernachlässigen Sie Freizeit, Hobbies, Privatleben und Co.?
  • Sagen Sie aus Zeitmangel Einladungen ab oder verschieben Urlaube?
  • Arbeiten Sie, um Anerkennung zu bekommen oder bewundert zu werden?
  • Erzählen Sie anderen oft und mit heimlichem Stolz, dass Sie viel arbeiten?
  • Oder aber: Finden Sie ständig neue Ausreden, warum Sie so viel arbeiten?
  • Reißen Sie immer weitere Aufgaben an sich, können Sie nicht mehr Nein sagen?
  • Nehmen Sie Arbeit mit nach Hause beziehungsweise arbeiten Sie auch im Urlaub?
  • Bewerten Sie Ihre Tage ausschließlich danach, wie viel Arbeit Sie geschafft haben?
  • Sprechen Sie fast nur noch über die Arbeit? Andere Themen interessieren Sie nicht?
  • Glauben Sie, dass Sie gar keine Freizeit brauchen? Bestimmt die Arbeit Ihr Leben?
  • Kommt es vor, dass Sie heimlich – etwa gegen den Willen Ihres Chefs – arbeiten?
    (Nicht lachen. Sie wissen schon, mein Arbeitskollege …)
  • Oder aber: Arbeiten Sie selbst dann, wenn es faktisch gar nicht nötig wäre?
  • Werden Sie ungeduldiger, aggressiver, stehen Sie ständig unter Stress?
  • Oder aber: Fühlen Sie sich verbraucht? Sind Sie müde und erschöpft?
  • Arbeiten Sie zwar ständig, bringen aber kaum noch Leistung?

Wenn einige dieser Punkte auf Sie zutreffen, ohne dass Sie, wie gesagt, gerade ein tatsächlich erhöhtes Arbeitsaufkommen wie bei einer jungen Selbstständigkeit zu verkraften haben — tun Sie was dagegen.

5. Auf Balance achten

Das ergibt sich ein bisschen aus dem, was ich gerade alles gesagt habe: Wenn Arbeit und Schreiben zu viel Gewicht bekommen, wenn ein Ungleichgewicht herrscht, wird es schwer, abzuschalten.

Ich kenne das von mir selbst: In den ersten Jahren meiner Selbstständigkeit habe ich mich praktisch mit nichts anderem beschäftigt. Und selbst in meinen viel zu seltenen Urlauben habe ich noch Pläne geschmiedet, welche Projekte ich als nächstes angehen, dass heißt, was ich als nächstes schreiben würde. Irgendwann war der Urlaub herum, mein Plan stand – doch vom Urlaub hatte ich nicht viel gehabt.

Manchmal geht es nicht anders: Ich überlasse es Ihrem Urteilsvermögen, ob Sie nun (gerade) nicht anders können oder unguten Mustern und Gewohnheiten folgen. Nur mein Tipp lautet aus Erfahrung: Achten Sie auf Balance. Ihr Leben besteht nicht nur aus Schreiben. 😉

6. Den Geist ablenken

Gut, Sie sind also nicht arbeitssüchtig oder sonstwie blockiert, Ihnen macht einfach nur ein übereifriger „Affen-Geist“ zu schaffen, der nicht zur Ruhe kommen und vom Schreiben lassen will. („Affen-Geist“ = Ihr Geist tanzt so quirlig wie ein Äffchen von Ast zu Ast. Aus dem Buddhismus.)

Schön, dann könnten Sie zunächst versuchen, diesem kleinen Äffchen anderes Futter zu geben. Vielleicht lässt es dann vom Schreiben los.

Die oben erwähnte Natalie Goldberg sieht sich zu dem Zweck Schaufenster an. Viele sehen fern. (Das würde ich auch gern machen. Ich finde das Programm nur ziemlich schal. Es lockt eher selten. ;-)) Ich höre dann lieber Musik oder musiziere selbst / singe.

Und ich lese natürlich auch sehr gern. Am liebsten Bücher, die mich wirklich fesseln und auf sich konzentriert halten. Das ist meistens bei Belletristik der Fall. Es gibt aber auch gute Sachbücher, die einen mitreißen.

Im Grunde tut es aber auch jede andere Tätigkeit, bei der Ihr Geist beschäftigt ist und Sie im Flow sind, so dass Sie nicht mehr über das Schreiben nachdenken.

7. Den Geist zur Ruhe bringen

Etwas ausgefeilter ist die Technik, Ihren Geist nicht abzulenken, sondern zur Ruhe zu bringen. Und da ich gerade mal wieder zu einer Auszeit im Kloster war, kann ich nur sagen: Meditatives Unkraut-Jäten ist dafür ziemlich gut geeignet. Irgendwann wandert Ihr Verstand einfach weg.

Natalie Goldberg bevorzugt körperliche Anstrengungen wie Laufen, Schwimmen, Radfahren. Alles das führe zum eigenen Körper zurück, und der befinde sich, anders als der Geist, immer im Hier und Jetzt – und nicht beim Schreiben. (Aus ihrem Buch: Natalie Goldberg, Wild Mind. Freies Schreiben.)

Auch ich laufe gern, mache Yoga, liege faul in der Sonne und döse – oder gönne mir ein paar Minuten Körpermeditation.

Wie Meditieren funktioniert und wirkt, habe ich kurz beschrieben: „Mit Meditieren besser lernen und kreativer denken“. Manchen hilft es, eine Art Leitplanke zum Beispiel durch das gesprochene Wort zu bekommen, um den Geist zu beruhigen. Auf mich hat das leider eher die gegenteilige Wirkung. 😉

Daher greife ich auf Körpermeditationen zurück. Mehr dazu lesen Sie zum Beispiel hier: Anthony de Mello, Meditieren mit Leib und Seele. Neue Wege der Gotteserfahrung. 2008 Partner-Link, kleine Umsatzbeteiligung für mich)

Achtung: Wenn Sie absolut nicht zur Ruhe kommen wollen, prüfen Sie, ob Sie aus dem einen oder anderen Grund „notorisch überreizt“ sind. Zuviel Medienkonsum kann dazu führen. Die erwähnten Blockaden von oben auch. Hochsensible können darunter leiden. Oder natürlich auch Menschen mit Aufmerksamkeits-Störungen und Co.

8. Im Augenblick leben

Versuchen Sie, im Augenblick zu leben, das Hier und Jetzt zu genießen. Tauchen Sie mit allen Sinnen ein in das, was Sie gerade tun. So wie ich zum Zeitpunkt des Interviews gerade Segeln war – und einfach nur einen Heidenspaß hatte. Ohne jeden Gedanken an Bücher oder Schreiben.

9. Es wächst sich aus

Ich hoffe, ich deprimiere Sie jetzt nicht: Doch es wächst sich auch aus.

Dazu fällt mir eine kleine Anekdote ein. Und zwar fuhr ich vor Jahren mit der damals neuen Nordwestbahn, die gerade bei uns die Strecke von der Deutschen Bahn übernommen hatte. Der junge Zugführer gab sich extrem große Mühe und überschlug sich fast vor Service-Mitteilungen.

Bei der Nachricht „wir erreichen jetzt unseren Zielbahnhof und haben leider eine Verspätung von zwei Minuten aufgrund einer nicht gestellten Weiche“ sahen sich alle Reisenden baß erstaunt an. Wir waren schließlich erheblich Schlimmeres gewohnt.

„Der ist noch neu“, meinte eine. „Das gibt sich.“ 😉

Mit anderen Worten: Alles, was neu ist, begeistert und fasziniert. Und das gilt natürlich auch für Schreibanfänger oder Neulinge in der Schreibbranche. Es wird Ihnen leichter fallen, vom Schreiben abzuschalten, wenn es Ihnen etwas mehr zur Gewohnheit geworden ist.

Und damit es nicht ungut zur Routine wird, Sie den Spaß daran verlieren und vielleicht sogar Ihre (Service-) Qualität leidet, bleibt nur eines: Sehen Sie zu, dass Sie immer wieder etwas Neues anfangen und mit hinzunehmen.

Wenn Sie die Balance halten, sind Sie motiviert und mit Herz dabei – und doch in der Lage, hin und wieder abzuschalten vom Schreiben. 😉

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 20.08.12

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