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Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich bin die erste, die am liebsten immer in Harmonie und Frieden leben würde. Schon allein deshalb, weil Disharmonien jeder Art nur unnötig Energie kosten und ich Energieverschwendung hasse.
Harmonie um jeden Preis kann aber auch von Nachteil sein.
Und zwar nicht nur im normalen Alltag und bei zwischenmenschlichen Beziehungen. Wobei ich gerade an die klassische Szene denken muss, in der mann seine Ruhe haben will und sich hinter der Zeitung vergräbt, während frau über ihre Beziehung reden oder gar “streiten” will.
Dem Streit um der Harmonie willen aus dem Weg zu gehen, löst ihn nicht. Und es löst genausowenig die Ursachen, die meistens hinter einem Streit stecken. Da hilft dann wohl in der Tat nur, die Disharmonie anzunehmen und nach sachlichen Regeln zu führen.
Zu viel Harmonie schadet der Kreativität
Nein, auch für die Kreativität gilt, dass zu viel Harmonie eher schädlich ist.
Arbeitsgruppen, Teams oder Kreativworkshops, in denen sich jeder bemüht, die Harmonie nicht zu stören, bremsen sich selbst aus. Denn sie verschenken einen Vorteil, der zu besseren und ungewöhnlicheren Ideen führen kann: Ihre Verschiedenheit.
Je unterschiedlicher eine Gruppe zusammengesetzt ist, desto mehr Meinungen, Erfahrungen, Wissen und Verhaltensweisen fließen in die Problemlösung ein.
Man muss sie nur zu leben wagen, auch um den Preis zeitweiliger Disharmonien.
Gerade in Gruppen frönen Menschen ihrem Drang nach Harmonie
Das Problem ist, dass …
A) Menschen grundsätzlich dazu neigen, sich einer kollektiven Harmonie zu fügen
Das haben Experimente immer wieder bestätigt: Das Bedürfnis des Menschen, sich harmonisch in eine Gruppe zu fügen und anzupassen, ist sehr groß. So groß, dass wir uns lieber unterordnen und unsere Urteilsfreiheit aufgeben, als Disharmonien zu riskieren oder als Außenseiter gebrandmarkt zu werden. Demagogen und Diktatoren haben seit jeher von dieser menschlichen Eigenschaft profitiert.
B) Menschen in Unternehmen erst recht dazu neigen, potenziellen Ärger zu umgehen
Deshalb ist zum Beispiel auch in Kreativworkshops die Anwesenheit von Vorgesetzten riskant. Ich habe selbst erlebt, wie Vorgesetzte die Teilnehmer zögerlich werden ließen. Da wurde zuerst nach dem Chef geschielt, um herauszufinden, ob man das, was man sagen wollte, auch sagen konnte. Oder es wurde beifallheischend zum Chef geschielt, um herauszufinden, ob das, was man gesagt hatte, auch richtig war und gut ankam.
Dass auf diese Art und Weise keine wirkliche Innovation stattfinden kann, dürfte auf der Hand liegen. Niemand wird es wagen, neue Wege zu gehen, wenn er Nachteile befürchten muss, weil er ungeschriebene Firmenregeln bricht und die (Arbeits-) Harmonie stört.
C) Und auch lang vertraute Gruppen zu harmonischem Konsensdenken neigen
Und auch dies bestätigen Experimente: Je harmonischer ein Team zusammenarbeitet, desto stärker versuchen alle unbewusst, diese Harmonie aufrechtzuerhalten.
Die Beteiligten sagen und denken nur noch, was vermutlich erlaubt ist und niemanden stört. Das Team ist weniger an Leistung, als an Harmonie interessiert. Abweichende Meinungen oder Zweifel werden gar nicht mal (von einem selbst) aktiv zensiert und unterdrückt. Sie erscheinen einem nur zunehmend unwahrscheinlich und verschwinden fast schneller wieder, als sie auftauchen.
Was tun gegen kollektives Harmoniedenken?
Was also tun bei all diesem (kollektiven) Harmoniedenken, der Sehnsucht nach einer Gruppenharmonie? Was tun, wenn man zwar harmonisch leben und arbeiten, aber in der eigenen Entwicklung wie auch in der des Unternehmens nicht erstarren will?
Nun, mein erster Tipp wäre: Suchen Sie sich zumindest teilweise Leute, die anders sind als Sie. Die Ihre Gewohnheiten und Ihre Denkmuster aufwirbeln. Die Energie, die Sie das vielleicht kostet, ist gut investiert, wenn Sie sie in kreative Kanäle lenken.
Stellen Sie auch Arbeitsgruppen immer neu zusammen, oder holen Sie neue Leute dazu, um Gewöhnung und einschleichendem Harmoniedenken vorzubeugen.
Und: Bewahren Sie sich Ihre eigene Meinung und riskieren Sie den Widerspruch. Bremsen Sie sich nicht selbst aus mit der Überzeugung, sich fügen zu müssen. Wenn Sie ihn sachlich begründen und höflich argumentieren, können Sie damit erfolgreicher sein als mit jedem vorwegeilenden “Kadavergehorsam”. Versuchen Sie’s.
© 2009 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 15. Juni 2009
Lesetipp: Mehr dazu, wie Sie besser miteinander umgehen, lesen Sie auch in meinen 16 Regeln für Moderation und gute Kommunikation.
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