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Kolumne: Die Welt durchreisen


von Heike Thormann

Kennen Sie das Klischee vom Touristen, der von Land zu Land durch die Welt reist und doch nie zufrieden ist? Dem der Kaffee zu lau ist und das Personal zu unfreundlich, die Pyramiden nicht hoch genug und der Strand eine Enttäuschung? Der schon alles gesehen hat und doch nichts gesehen hat?

Ein Klischee?

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Wie vielen von uns sind die Besonderheiten eines Landes nicht im Grunde egal? Wie viele von uns versuchen nicht, vorgefasste Meinungen bestätigt zu finden? Wie viele von uns sind nicht blind für die Schönheit um uns herum – und damit auch für die Schönheit in uns selbst?

Wir mögen die Welt durchreisen, um das Schöne zu finden,
 aber wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.

... bringt es Ralph Waldo Emerson auf den Punkt.


Warum ich Ihnen das jetzt erzähle – so ganz ohne Touristikhintergrund?

Nun, Sie können sich ja mal das Zitat schnappen und selbst überlegen, was es Ihnen sagt.
  • Was haben Suchen, Finden und In-sich-Tragen miteinander zu tun?
  • Auf welche Bereiche kann man es alles übertragen?
  • Was hat das Ganze mit mir zu tun?
Und wenn Sie dann soweit sind, können Sie mit meiner "Vorleistung" und persönlichen Antwort vergleichen. ;-)

Denn ich glaube, dass das, was wir sehen, und wie wir es sehen, eng zusammenhängen.

Wenn ich zu wissen meine, was ich vorfinden werde, achte ich nicht mehr auf das, was wirklich da ist.

Wenn ich gelangweilt und übersättigt bin, kann ein Land den schönsten Strand haben – er wird mir nicht genügen. Wenn ich in Wirklichkeit verächtlich auf die Menschen von xyz herabsehe, wird mich kein noch so guter Service zufrieden stellen können.

Wenn ich das Schöne in der Welt finden will, muss ich mir meine Fähigkeit zum Staunen bewahren. Ich muss das Schöne sehen können, darf mich nicht selbst blockieren.


Auf der Suche nach sich selbst

Viele von uns durchreisen die Welt aber nicht nur als Tourist. Viele von uns durchreisen sie vielleicht nicht einmal wörtlich. Auf Reisen sind wir dennoch.

Und zwar dann, wenn wir auf der Suche sind. Wenn wir Antworten auf Fragen suchen wie: Wer bin ich? Was bin ich? Wo kann ich mich finden? Wer kann mir Halt geben oder Stütze sein?

Die Antworten auf diese Fragen suchen wir oft im Äußeren. In der Welt, in anderen Städten, bei anderen Menschen.

Das ist auch gar nicht mal so abwegig.

Reisen bildet bekanntlich. Und die konstruktive (sic) Auseinandersetzung mit anderen Menschen, Denkweisen und Kulturen erst recht.

Nicht nur im Mythos gibt es das Element der Abenteuerreise. Der Held zieht aus, die Welt kennenzulernen und diverse Prüfungen zu bestehen. An ihnen zu wachsen und zu reifen und geläutert wieder heimzukehren.

Aber der Held kann lange reisen und vieles sehen. Wenn er nicht die Fähigkeit und den Wunsch zu wachsen in sich trägt, wird er an den Klippen zerschellen und sich in der Wüste verirren.


Meine Sicht der Dinge

Oder anders formuliert: Das, was ich in mir habe, hat Einfluss auf das, was mir begegnet. Die Interpretation dessen, was ich vorfinde, liegt bei mir.

Wenn ich das Schöne in der Welt finden will, muss ich das Wissen darum schon in mir tragen. Ich muss bereit sein, es zu sehen. Ich muss mich ihm öffnen können.

Letzten Endes kann ich Schönheit und Wissen nur in mir selbst finden. Denn egal, wie weit ich reise – ich nehme mich immer an andere Orte mit. Ich kann mir nicht entkommen.

Ich kann mich nur wandeln. Langsam, Stück für Stück. Von innen heraus und in das Äußere hinein. Wenn ich lerne, das Schöne zu sehen, dann kann ich es auch finden.

Und wie lautet Ihre Antwort? :-)

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht im workshopwelt-magazin, Februar 2007. © 2007 Heike Thormann


Artikeltipp

Mehr dazu, was Wahrnehmung und Denken miteinander zu tun haben, finden Sie im Artikel Im Auge des Betrachters.

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