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Fünf Wege, wie Sie sich mit Schreiben besser kennenlernen

„Der Mensch, das unbekannte Wesen“ – so lautet ein Sprichwort. Und am wenigsten kennen wir oft den Menschen, der uns am vertrautesten sein sollte – uns selbst. Kein Wunder, wenn wir in unserem Leben immer wieder danebengreifen, Weichen falsch stellen und den Sinn unseres Lebens nicht sehen. Wie Sie sich mit Schreiben besser erkennen können, um Ihr Leben bewusster zu gestalten, das erfahren Sie hier.

Hin und wieder verarbeite ich die Frage eines Lesers oder Teilnehmers gern zu einem Artikel. Eine solche Frage einer Abonnentin meines Newsletters lautete:

„Kann Schreiben mir helfen, mit meiner Vergangenheit aufzuräumen, mich selbst besser zu verstehen und einen neuen Sinn für mein Leben zu finden?“ (leicht abgewandelt)

Meine Antwort lautete, dass Schreiben zwar kein Therapie-Ersatz sein kann, und dass manche Dinge meines Erachtens einfach zu tief gehen, um mit ihnen für sich schreibend „aufzuräumen“.

Aber Schreiben kann in der Tat helfen, sich selbst zu erkennen. (Und wird auch entsprechend in bestimmten Therapie- und Coachingformen verwandt.)

Schreiben kann Ihnen helfen,

  • sich selbst deutlicher zu sehen
  • Ihre Vergangenheit besser zu verstehen
  • Ihre Träume und Bedürfnisse aufzudecken
  • und so einen neuen Sinn für Ihr Leben zu finden.

Oder mit anderen Worten: Schreiben ist ein ideales Mittel zur Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung.

Fünf Wege, wie (und warum) Sie sich mit Schreiben besser kennenlernen können, finden Sie hier.

1. Mit Schreiben nehmen Sie sich selbst und Ihre Umwelt besser wahr

Viele Mönche Asiens tauchen seit Jahrhunderten ihre Tuschepinsel in Tinte, und malen langsam und bedächtig ein Schriftzeichen nach dem anderen auf das Papier – Kalligrafie, eine Kunst, die auch hierzulande immer mehr Anhänger gewinnt.

Kalligrafie ist aber mehr als nur eine ästhetische Kunstform. Indem Sie sich konzentriert Ihren Schriftzeichen widmen, verlangsamen Sie zugleich Ihr Denken und schärfen Ihren Blick.

Kein Wunder, dass (Auf-) Schreiben unter anderem zur Meditation und Selbstwahrnehmung empfohlen wird. Denn durch das Aufschreiben können Sie das, was Sie sehen, hören, fühlen und erleben, besser wahrnehmen, interpretieren und verarbeiten.

Probieren Sie es aus und halten Sie zum Beispiel jeden Tag einige wichtige Erlebnisse und Gedanken fest. Selbst wenn Sie nur ein paar Stichpunkte sammeln, hilft Ihnen das schon, zu rekapitulieren: Das ist heute passiert. So habe ich mich dabei gefühlt. Das war gut, das weniger. Und so weiter.

Schreiben ist aber nicht nur ein Wahrnehmungsinstrument (um genauer zu sehen). Es ist auch ein Wahrnehmungsfilter (um das Sehen zu steuern).

Denn unser Gehirn ist extrem gut darin, alles Schlechte zu sehen und uns vor allem auf unsere Fehler aufmerksam zu machen. Das ist auch manchmal gut so, wenn es zum Beispiel wichtig für unser Überleben ist, aus unseren Fehlern zu lernen. Aber es kann auch dazu führen, dass wir die Welt nur noch in düsteren Farben wahrnehmen und unser Leben bei all unseren Fehlern nicht mehr lebenswert finden.

Mit Schreiben können Sie gegen dieses Selbstbild angehen. Schreiben Sie all das Gute auf, dass es in Ihrem Leben gibt. Alle kleinen Erfolge und schönen Momente. Schaffen Sie mit dem Schreiben ein Gegengewicht. Setzen Sie sich aktiv und positiv mit dem Leben auseinander – mit Ihrem eigenen und dem um Sie herum.

2. Mit Schreiben können Sie sich selbst beobachten und Gewohnheiten erkennen

Ich empfehle es meinen Teilnehmern immer wieder: Mach es nicht so, wie man es Dir sagt, sondern finde Deinen eigenen Weg. Nimm die Anregungen anderer als das, was sie sind: Anregungen, keine Gebote.

Denn wir alle sind verschieden, und was für den einen richtig sein mag, kann beim anderen ganz und gar nicht funktionieren. Der eigentliche Lerneffekt setzt dann ein, wenn wir die Tipps und Hinweise anderer so auf uns übertragen, dass wir gut damit klarkommen.

Die richtige Arbeitstechnik, der Lebenshilfe-Tipp … alles muss zu unserem Selbst passen. Es muss unser Leben und unsere Lebensweise unterstützen, sonst hat es keinen Sinn.

Dafür müssen wir uns aber erst einmal selbst kennen. Wir müssen unsere Art zu leben, unsere Gewohnheiten kennen. Für viele ein Problem, weil sie nicht gelernt haben, sich selbst und ihr Leben zu beobachten.

Deshalb mein Tipp (genau ;-)): Greifen Sie auch hier wieder zum Hilfsmittel Schreiben.

Wenn Sie beispielsweise die neueste Zeitmanagement-Methode ausprobieren wollen, dann notieren Sie erst einmal, wie Sie bis jetzt mit Ihrer Zeit umgegangen sind. Schreiben Sie ganz genau auf, wie Sie Ihren Tag verbringen, wie viel Zeit Sie welcher Tätigkeit widmen, warum und bei welchen Gelegenheiten Sie das Gefühl haben, mit Ihrer Zeit nicht zurecht zu kommen. Und so weiter, und so fort.

Zeichnen Sie Ihre eigenen Gewohnheiten und Prioritäten auf. Erst dann macht es Sinn, Methoden zu suchen, um diese zu ändern.

3. Schreiben hilft Ihnen, Lebensmuster und Glaubenssätze deutlich zu machen

Wer bin ich? Woher komme ich? Warum bin ich das geworden, was ich bin? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens, der Sinn meines Lebens?

Das sind Fragen, die sich viele stellen. Schreiben, oder genauer autobiografisches Schreiben, kann hier helfen, Antworten zu finden.

So können Sie zum Beispiel mit Elementen aus Ihrer Autobiografie Ihre Vergangenheit unter die Lupe nehmen: Wie sind Sie erzogen worden? Welche Menschen haben Sie geprägt? Welche Glaubenssätze haben Sie vielleicht verinnerlicht? Welche Entscheidungen haben Sie warum getroffen? Und Ähnliches mehr.

Eine Methode dazu: Das Soziogramm. Also die sozialen Beziehungen der Menschen in Ihrem Leben beziehungsweise Ihre Beziehung zu diesen Menschen. Zu welchen Menschen fühlen Sie sich warum hingezogen? Mit welchen geraten Sie immer wieder in Konflikt? Und und …

Halten Sie schreibend nach Mustern Ausschau und finden Sie es heraus.

Denn ein großer Teil unserer Verhaltensweisen lässt sich direkt aus unserer Vorgeschichte, aus unserem Leben erklären. Die Art und Weise, wie wir groß werden, die Werte, mit und zu denen wir erzogen werden, die Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens machen – alles hat Einfluss auf unsere Denk- und Handlungsweisen.

Wie wir unser Leben gestalten, ob wir mit ihm zufrieden sind oder nicht, ob wir einen Sinn darin sehen oder nicht – vieles ist eine unmittelbare Folge unserer persönlichen Lebensgeschichte.

4. Schreiben eröffnet Ihnen einen Zugang zu Ihrem Unterbewusstsein

Eine bewusste Beobachtung unserer Selbst und unserer Art, unser Leben zu führen, ist gut, aber vieles bleibt uns trotzdem verborgen. Blinde Flecken haben wir schließlich alle.

Manchmal hilft da das Fremdbild, also der Eindruck, den ein anderer von uns hat. Obwohl auch der begrenzt und noch dazu von dessen eigenen Denkmustern geprägt ist.

Eine andere Vorgehensweise ist es, unser Unterbewusstsein anzuzapfen, herauszuholen, was wir in ihm tragen, und das dann bewusst zu untersuchen.

Ein gutes Hilfsmittel dafür: Kreatives Schreiben.

Denn mit kreativen Schreibtechniken können Sie Ihre normale Selbstkontrolle und den inneren Zensor abschütteln. Wovon Sie sonst vielleicht nur zu träumen wagen oder was Sie instinktiv meiden, kann das kreative Schreiben freilegen und deutlich machen. Seine Stärke ist der Zugang zu Ihrem Unbewussten und damit zum eigentlichen Kern Ihres Selbst.

Egal, welche Techniken Sie auch verwenden, ob Free Writing oder Methoden wie Brain Writing, Clustering, Buchstabenbilder, Wörterblumen und und: Ziel ist es immer, schreibend Ihr Ich auszudrücken und sich selbst zu erkennen.

Wenn Sie so wollen, ein anderer Ansatz für Selbstausdruck und Selbsterkenntnis. Ein Abbild von Dingen, von denen Sie bewusst keine Ahnung haben – und die doch immer wieder Ihr Leben prägen.

5. Mit Schreiben können Sie Ihre Gedanken klären und erkennen

Warum schreibe ich? – Eine Teilnehmerin schrieb mir dazu mal: „Um meine Gedanken und Träume festzuhalten.“ Eine andere nannte es: „Um meine Gedanken zu klären.“ Beide haben Recht.

Gedanken, Wünsche, Träume, Sehnsüchte – was immer Ihnen durch den Kopf schießt, können Sie mit Schreiben festhalten, ordnen und sortieren. Und: Schreiben hilft Ihnen auch, diese Gedanken Schritt für Schritt besser zu verstehen und ihnen einen Sinn zu verleihen.

Man sagt nicht umsonst, dass Schreiben Denken auf Papier ist. Wenn Sie schreiben wollen, müssen Sie zunächst einmal denken können.

Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass Schreiben Ihr Denken schult.

Etwas in Worte zu fassen und klar auszudrücken, zu strukturieren und in eine logische Reihenfolge zu bringen, nach Zusammenhängen zu suchen und Verbindungen zu erkennen – mit jedem Text, den Sie schreiben, arbeiten Sie an genau diesen Dingen und verbessern damit Ihre Fähigkeit zu denken. Und je besser Ihr Denken, desto größer auch Ihre Chance, bei sich selbst Zusammenhänge zu erkennen und sich deutlicher zu sehen.

Die Aufgabe des Tages lautet also: Schreiben Sie. Schreiben Sie und achten Sie auf Ausdruck, Zusammenhänge und Struktur.

So gerüstet können Sie auch Ihre Träume und Wünsche nach Mustern und Möglichkeiten abklopfen – und daran arbeiten, Sie sich zu erfüllen.

© 2008 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 26.07.08

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