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Wie werde ich Schriftsteller? Wie lerne ich schreiben? Die Autorin und Schreibdozentin Anne Lamott geht die Sache eher von der menschlichen Seite an. Der Leser findet hier zwar auch einige „klassische“ Schreibtipps. Doch er erfährt vor allem, welche Einstellungen und Verhaltensweisen ihm beim Schreiben helfen.

Dies ist wieder einer dieser „typisch amerikanischen Schreibratgeber“.

Typisch amerikanisch deshalb, weil er zwar herzerfrischend, flott und anschaulich geschrieben ist; allerdings vermisse ich bei solchen Büchern auch immer Struktur und roten Faden. Und diese Bücher sind durch den locker-flockigen, sehr persönlichen Erzählstil oft etwas „aufgeblasen“. Man könnte ihren Inhalt auf deutlich weniger Seiten zurechtstutzen.

Mit anderen Worten: Wer gut unterhalten werden will, sollte hier zugreifen. Doch wenn er das Buch nicht nur „angenehm berauscht und motiviert“ zur Seite legen will, sollte er dessen Kernaussagen – ähnlich, wie ich das hier gemacht habe – noch selbst herausarbeiten. 😉

Okay, also zur Autorin. Anne Lamott schreibt Romane, Sachbücher und Kolumnen. Sie lehrt kreatives Schreiben an Universitäten und auf Schriftsteller-Workshops.

Ihr Buch „Wort für Wort“ ist eine Mischung aus Schreibtipps und Tipps für das Leben als Schriftsteller.

Ihr Ziel ist es, fast alles in diesem Buch bringen zu wollen, was sie über das Schreiben weiß beziehungsweise was fürs Schreiben nötig ist. Und das sind ihrer Meinung nach offenbar eher ein paar allgemeine Dinge sowie vor allem die richtige Einstellung zum Schreiben. Damit scheint sie auf der Wellenlänge von Stephen King zu liegen, der ja auch glaubt, dass man Schreiben nicht wirklich lehren und lernen kann.

Nun, ich bin da ein bisschen skeptisch. Gerade wir Deutschen haben zum Beispiel viel zu lange dem Kult vom „Schreib-Genie“ gehuldigt, nach dem man entweder schreiben kann oder nicht kann. Schreiben ist ein Handwerk, wie alles andere auch. Und ein Handwerk kann man lernen.

Gut, das soll aber jetzt nicht weiter stören, denn der Leser bekommt ja durchaus einige Tipps.

Zum Inhalt:

Im ersten Teil gibt es einige klassische Schreibtipps.

Der Leser soll sich zum Beispiel nicht damit blockieren, dass er sich zu große Ziele vornimmt. Lieber soll er „Wort für Wort“ schreiben. (Daher der Buchtitel.) Aus dem gleichen Grund soll er die Erstfassung seines Textes unzensiert aufs Papier werfen. Den inneren Kritiker kann er mit einer Art NLP kleinschrumpfen.

Wie erschafft man Figuren? Wie baut man einen Plot? Wie entsteht Spannung? Wie schreibt man Dialoge? Wie schildert man Szene und Kulisse? Wie sorgt man für eine gute Abfolge? Dies und mehr erfährt der Leser hier.

Im zweiten Teil geht es um den „mentalen Rahmen“, die Persönlichkeit des Schriftstellers. So sollte ein Schriftsteller sich zunächst einmal selbst möglichst gut kennen, um auch andere Menschen einschätzen – und natürlich beschreiben zu können.

Ein Schriftsteller braucht Ehrfurcht und ein naives Staunen. Er soll offen gegenüber sich selbst und anderen sein. Er braucht Achtsamkeit und eine gute Wahrnehmung. Er sollte über das schreiben, woran er glaubt und was ihn bewegt. Denn nur dann wird er gut schreiben. Er sollte seinem Bauch und seiner Intuition vertrauen. Und natürlich sollte er mit dem schon erwähnten inneren Kritiker, seinen eigenen Ängsten und anderen negativen Gefühlen umgehen können. Zu all dem und mehr gibt Lamott Tipps.

Im dritten Teil bekommt der Leser ein paar Arbeitshilfen fürs Schreiben. Da wären zum Beispiel: Wie man Listen, Karteikarten und Ideenspeicher nutzt. Wie man Material für seine Texte findet. Wie man seine persönliche Stimme findet. Wie wichtig es ist, Menschen zu haben, die einen aus der „Paranoia“ herausreißen, die allen blüht, wenn man zuviel allein schreibt. Menschen, die Feedback und Kritik geben können. Menschen, die einen an schlechten Tagen wieder aufbauen. Und mehr.

Im vierten Teil soll der Leser hinterfragen, warum er eigentlich schreiben – und etwas veröffentlichen will. Denn wer nur schreibt, um seinen Namen gedruckt zu sehen, erweist sich angesichts der negativen Begleiterscheinungen des Strebens nach Veröffentlichung einen Bärendienst.

Im fünften Teil gibt die Autorin dem Leser noch einmal kurz und knapp mit auf den Weg, was ihr wirklich wichtig ist: Schriftsteller brauchen Verständnis und Einfühlungsvermögen. Sie sollen mit Klugheit, Einsicht und Mitgefühl schreiben. Sie sollen direkt und emotional schreiben. Sie sollen die Wahrheit sagen, so, wie sie sie sehen. Und wer mit Hingabe und Engagement schreibt, trägt schon genug Belohnung in sich – selbst, wenn er nicht veröffentlicht werden sollte.

Alle, die diese Einstellung nicht zumindest grundsätzlich teilen, sollten die Finger von dem Buch lassen. Denn sie werden damit sonst nicht glücklich werden. 😉

Fazit: Eine menschlich sehr sympathische Autorin. Ich kann mich ihr in weiten Teilen nur anschließen. Lediglich die praktischen Schreibtipps kommen für mich etwas zu kurz.

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 01.05.12

Anne Lamott, Bird by Bird – Wort für Wort. Anleitungen zum Schreiben und Leben als Schriftsteller, Berlin 2004 (am. Original 1994), 235 Seiten

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