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Alle wollen glücklich sein, doch wir und unsere Gesellschaft sind oft “zum Unglücklichsein programmiert”. Das ist die Ansicht des Jesuiten-Mönchs, Psychologen und Bestseller-Autors de Mello. Stattdessen sollten wir Bewusstheit entwickeln: Für uns selbst, für unser Leben und für unsere Gesellschaft. Wir sollten hinterfragen, anzweifeln und auf den Kopf stellen: Denn erst das ist die Basis, um wirklich etwas zu verändern.

Bei diesem Buch des Jesuiten-Mönchs, Theologen, Psychologen und Bestseller-Autors de Mello habe ich wieder ein Problem mit dem (deutschen) Titel.

Erstens finde ich den Original-Titel erheblich treffender, denn genau darum geht es in diesem Buch: Awareness. Mit “der springende Punkt” kann ich nur wenig anfangen.

Der Untertitel versucht sich meiner Meinung nach dann an vielgefragte Mode-Themen anzuhängen. Sicher ist “glücklich sein” oder “glücklich werden” die Grundmotivation de Mellos. Doch der wahre Kern des Buches wird hier für mich etwas zu sehr dem “Anschluss an den Markt” geopfert.

Worum geht es?

Der Original-Titel verrät es: Es geht um Bewusstheit. Bewusstheit für sich selbst, für die Strukturen unserer Gesellschaft, für unser Leben, und und. Denn nur, wer sich einer Sache bewusst wird, wer etwas versteht, kann das (oder sich selbst) langsam und Stück für Stück ändern. Auf Knopfdruck oder per Willensbeschluss geht das nicht. Man muss erst eine innere Entwicklung vollziehen, diese Bewusstheit ausbilden. Erst dann kann man auf diesem Weg weitergehen, sich selbst oder sich als Gesellschaft verändern.

De Mello will die Menschen von Ängsten und Zwängen befreien. Seiner Meinung nach sind wir “zum Unglücklichsein programmiert”. Wir schielen zum Beispiel viel zu sehr auf äußere Erfolge, sind auf äußere Werte fixiert. Wir machen uns vom Urteil, der Anerkennung und Annahme anderer abhängig. Oder wir glauben, dass wir ohne bestimmte Dinge nicht glücklich sein können.

Hier müssten wir umlernen und unsere Denkmuster ändern. Wir müssten anzweifeln, hinterfragen und auf den Kopf stellen. Auch wenn wir Angst davor haben und alles Neue erst einmal ablehnen.

Wir müssten uns zum Beispiel viel intensiver mit diesem Leben beschäftigen und was wir für uns in diesem Leben wollen. Wir sollten uns nicht mit dem Gedanken an das nächste (oder jenseitige) Leben trösten. Denn wir haben nur dieses eine.

(Nebenbei: Eine – früher zumindest – revolutionäre Ansicht für einen “Kirchenmann”. Doch de Mello sprengt auch noch in manch anderer Hinsicht eher konservative religiöse Einstellungen.)

Dafür müssten wir uns zunächst selbst beobachten und hinterfragen, zwischen dem “ich” und dem “mich” unterscheiden. Denn nur das “mich” irrt, macht Fehler, testet aus und entwickelt sich. Das “ich” dagegen beobachtet sich so, als ob es jemand anderem zusehen würde: Ohne sich kritisiert zu fühlen oder gekränkt zu reagieren. Es ist ja nicht betroffen.

Wenn wir ein solches “ich” ausbilden beziehungsweise wenn wir zwischen solchen Betrachtungsweisen wechseln könnten, könnten wir erheblich leichter an uns und dem, was wir wirklich für unser Glück brauchen, arbeiten. Denn nicht wir werden ja aufgefordert, uns zu ändern. Nicht wir “sind nicht in Ordnung”. Sondern ausschließlich das “mich”, der gegenwärtige Zustand, das aktuelle Verhalten, die jeweilige Person.

Das wäre für de Mello zum Beispiel eine Frage der erwähnten Bewusstheit. Zudem nennt er weitere Bereiche, in denen wir Bewusstheit entwickeln können und sollten.

Das können Gedanken und Gefühle sein. Falsche Vorstellungen und Illusionen im Gegensatz zu Wirklichkeit und Realität. Menschliche Beziehungen und ihre Muster. Sogar Gott. Denn wir wissen nichts von ihm, auch wenn wir das zu glauben meinen.

(Wie gesagt, de Mello äußert sich immer sehr frei und unkonventionell über religiöse Fragen. Das finde ich geradezu erfrischend. ;-) Er zieht dazu sehr oft mittelalterliche Autoren heran, die den “klassisch-kanonischen Vorgaben” oft widersprechen.)

Dazu provoziert er auch gern und versucht, seine Leser aufzurütteln, sie “wach zu machen”.

Also etwa: Alle wollen glücklich werden. Doch den schmerzhaften Weg dorthin wollen sie nicht zurücklegen. Sie wollen “Linderung und Trost, denn eine Heilung ist schmerzhaft. Sie wollen ihr Spielzeug zurück, nicht aufwachen”.

Es gilt, vom Leben durchdrungen zu sein, von jeder vergehenden Minute Abschied zu nehmen und so bewusst zu leben. “Der Weg zum wahren Leben ist Sterben.”

Ich stimme in vielen Dingen mit de Mello überein, in diversen Punkten allerdings auch nicht – was normal sein dürfte. ;-)

An vielen Stellen schlägt überdies sein östlich-buddhistischer Hintergrund durch (er kam aus Bombay) – und der beißt sich mit vielen westlich-christlichen Traditionen. Mit anderen Worten: Hiesige Leser dürften auf interessante, aufrüttelnd-provozierende Einstellungen stoßen. ;-)

Der mitunter zudem bewusst provozierende Ton dürfte ebenfalls nicht jedermanns Sache sein. Ich selbst ziehe zum Beispiel einfühlsame Autoren vor, die nicht gleich wie biblische “Rufer in der Wüste” daherkommen. Geschmacksfrage, wie so vieles.

Und ich finde de Mellos Stil mitunter eher schwerfällig. Er wiederholt sich oft, bewegt sich sozusagen in (argumentativen und inhaltlichen) Schleifen durch das Buch. Es ist manchmal nicht leicht, ihm zu folgen. Man könnte hier noch um einiges verdichten, strukturieren und besser auf den Punkt kommen – auch, wenn das Buch ursprünglich auf ein Redemanuskript zurückgeht.

Fazit: De Mello erinnert mich in der Tat in mancher Hinsicht an einen alten Propheten aus der Bibel – und wie diese teils mit geradezu revolutionären Ansichten. Er wird die Leser ganz sicher spalten, aber er wird sie nicht unberührt lassen. Soviel steht fest.

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 12.09.12

Anthony de Mello, Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein. Freiburg 2011 (Neuausgabe von 2002, engl. Original von 1990), 220 Seiten

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