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Ap Dijksterhuis, Das kluge Unbewusste. Denken mit Gefühl und Intuition.

Lange Zeit wurden Verstand und Vernunft für wichtiger gehalten als „der Bauch“, Intuition oder Gefühl. Doch es ist unser Unbewusstes, das uns steuert und uns viele Fähigkeiten schenkt. Der Psychologe Dijksterhuis bricht eine Lanze für unsere lange verkannte „innere Stimme“.

Spätestens seit dem Philosophen Descartes wissen wir: „Ich denke, also bin ich.“ Mit anderen Worten: Wir setzen unser Wesen, unsere Identität mit unserem Verstand, unserer Vernunft, mit unserem Bewusstsein gleich.

Der Professor für Sozialpsychologie Ap Dijksterhuis bestreitet in seinem Buch „Das kluge Unbewusste“ diese herausragende Bedeutung des Bewusstseins.

Für ihn kamen mit Descartes zwei Fehler auf:

a) Die Annahme, dass Geist und Körper getrennt seien. Beziehungsweise der Glaube, dass der Geist entscheide und der Körper gehorche.

b) Die Annahme, dass jede Geistesaktivität bewusst sei. Wobei Bewusstsein mit Ratio und Verstand gleichgesetzt wird.

Die Aufwertung des Unbewussten

Erst in den letzten Jahren kam es hier zu einem „Gesinnungswandel“. Das kann man auch schön an den diversen Büchern zum Thema „Denken mit dem Bauch“ oder „Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft“ sehen.

Zum einen ist das Unbewusste dem Bewusstsein an „Leistungsvermögen“ deutlich überlegen.

Das Bewusstsein denkt zum Beispiel nacheinander, Multitasking kann es nicht. Es muss erst mit etwas aufhören, bevor es mit etwas anderem anfangen kann. Das Unbewusste arbeitet dagegen parallel, es kann mehrere Dinge gleichzeitig verfolgen.

Das Bewusstsein ist zwar präzise und zielgerichtet, aber langsam. Das Unbewusste assoziiert dagegen, es „springt“ blitzschnell von Sache zu Sache.

Zum anderen ist das Unbewusste in vielen Dingen aber auch „wichtiger“ als das Bewusstsein.

Nach Dijksterhuis sind das zum Beispiel:

  • Unsere unbewusste Wahrnehmung ist viel sensibler und feinfühliger als die bewusste; sie bekommt erheblich mehr mit. Deshalb handeln wir eben auch „(instinkt)sicherer“, wenn wir unseren Impulsen folgen, statt intensiv über etwas nachzudenken. Nachdenken verunsichert stärker.
  • Auch unsere unbewusste soziale Wahrnehmung ist sensibler – und überlebenswichtig. Der Mensch ist ein „soziales Tier“. Und die Fähigkeit dazu hat er nicht zuletzt deshalb, weil er sich mühelos und unbewusst (an andere) anpassen kann.
  • Wir imitieren unbewusst – und lernen durch Nachahmen. Erst wenn wir, genau, bewusst nicht nachahmen wollen, brauchen wir dazu zusätzliche Gehirnaktivität.
  • Ein solcher Verzicht auf Nachahmung ist zum Beispiel bei Kreativität der Fall. Kreativität bedeutet, etwas neu zu erschaffen; nicht, es (1:1) zu imitieren. Doch selbst, ja mehr noch vor allem bei der Kreativität braucht es das Unbewusste. Das Bewusstsein sammelt zwar „Material“, Informationen und so fort. Und es ist auch stark bei der anschließenden Umsetzung. Doch wirklich kreativ, schöpferisch ist nur das Unbewusste.
  • Wir glauben zwar, bewusst, rational zu handeln. Doch unser Verhalten beginnt nicht im Bewusstsein, sondern wir handeln immer auf der Grundlage unbewusster Prozesse. Dijksterhuis geht sogar so weit, zu behaupten, dass der freie Wille und die bewusste Handlung eine „Fiktion“ seien.
  • Entscheidungen treffen wir besser spontan, nach Gefühl, statt nach langem Abwägen. Gute Entscheidungen gehen auf das Unbewusste, das Bauchgefühl zurück.
  • Ja selbst unsere bewusste und unbewusste Meinung, also das, was wir glauben, stimmen oft nicht überein. Wir haben oft keinen Zugang zu unserer unbewussten – und damit wirklichen – Meinung. Es ist aber die unbewusste Meinung, die unser Verhalten beeinflusst; nicht das, was wir – geschönt oder sonstwie geprägt – bewusst glauben.

Probleme mit dem Unbewussten

Das Problem ist: So talentiert und wichtig unser Unbewusstes auch ist, es arbeitet nicht auf Kommando. Wir haben keinen bewussten Zugriff darauf. Und mehr noch: Unser Bewusstsein bremst unser Unterbewusstsein oft aus. Es „würgt es ab“. 😉 Und das arme Unbewusste kann sich nur dann zu Wort melden, wenn das Bewusste gerade ausgeschaltet oder zumindest abgelenkt ist. Das sind dann die berühmten Einfälle unter der Dusche oder im Park.

Die Ehrenrettung des Bewussten

Doch so ganz will der Autor das Bewusstsein nicht verdammen. Zur Ehrenrettung widmet er ihm ein letztes, knappes Kapitel. 😉 Denn es ist das Bewusstsein, das uns etwas „subjektiv“ spüren und erleben lässt. Und diese Erlebnisse geben dem Leben seinen Glanz, ob wir uns gebannt der Skyline von Manhattan nähern oder uns von einer schönen Musik berühren lassen.

Man hätte meines Erachtens noch stärker der Frage nachgehen können, wie wir nun besser auf unser Unbewusstes hören und es wahrnehmen. Die oben erwähnten Tipps zur Dusche sind da recht schwach gesät. Doch Dijksterhuis wollte wohl eher herausstreichen, wie wichtig unser Unbewusstes ist, nicht, wie wir damit umgehen.

Fazit: Dijksterhuis bricht eine Lanze für das Unbewusste. Wer sich mit Descartes an Verstand und Vernunft klammert, wird hier eines Besseren belehrt. 😉

© 2013 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 05.01.13

Ap Dijksterhuis, Das kluge Unbewusste. Denken mit Gefühl und Intuition. Stuttgart 2010 (niederländ. Original 2007), 251 Seiten

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