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Corinne Frottier, So wie du bist. Der buddhistische Weg zur Selbstannahme.

Viele Menschen denken bewusst oder unbewusst nicht allzu gut von sich, halten sich für weniger wert als andere, können sich nicht so annehmen, wie sie sind. Die Psychologie spricht hier von einem geringen oder gestörten Selbstwert. Die Zen-Lehrerin Corinne Frottier zeigt, wie und warum der Buddhismus und seine Lehren helfen können, ein besseres Bild von sich zu bekommen und sich liebevoller anzunehmen.

Corinne Frottier ist studierte Filmwissenschaftlerin, Autorin und Hörspielregisseurin. Nach eigener Zen-Ausbildung gründete sie eine Zen-Sangha in Hamburg und lehrt mittlerweile Zen in mehreren europäischen Ländern.

Sehr viele Menschen haben das, was man heute Selbstwertprobleme oder einen gestörten Selbstwert nennt. Sie halten sich bewusst oder unbewusst für weniger wert als andere und können sich nicht so annehmen, wie sie sind.

Für die Autorin hängt dies stark mit der christlichen Kultur zusammen, mit der Lehre von einem perfekten göttlichen Überwesen und menschlicher Unvollkommenheit, der christlichen Schuldthematik, der Erbsünde des Menschen und natürlich vor allem der Erbsünde der Frau.

Auch die Autorin hatte lange Zeit Probleme, sich anzunehmen. Erst durch Zen und ihre Zen-Lehrerinnen konnte sie zu sich selbst finden.

Mit diesem Buch möchte sie einen Ausweg aus dem Selbstwert-Dilemma über den Buddhismus präsentieren: Denn nach dessen Lehre haben Menschen gar kein Ich und damit auch kein mangelhaftes, weniger wertvolles Ich.

Aus dem Inhalt:

Vorwort

Teil 1: Selbst-Bild

In diesem ersten größeren Buchteil steigt die Autorin ins Thema ein. Sie erklärt, worum es ihr mit ihrem Buch geht und wo sie Zusammenhänge sieht. Sie verknüpft Lehren des Buddhismus mit der modernen Psychologie und Neurobiologie und nutzt beides, um ihre Aussage zu untermauern: Dass wir uns und unserem Selbstwert mit unserem Selbstkonzept Schaden zufügen, dass dies aber nichts mit der Realität zu tun hat.

Für Frottier hängt, wie gesagt, das geringe Selbstwertgefühl vieler Menschen vor allem der westlichen Gesellschaften stark mit der christlichen Kultur und ihren Lehren zusammen. Von der Unvollkommenheit und Schuld des Menschen gebe es eine direkte Verbindung bis zu heutigen Vollkommenheitsanforderungen und Optimierungswahn. Aus völlig überzogenen Perfektionsansprüchen und dem ewigen Wettstreit mit sich selbst resultiere eine heutige „Müdigkeits-Gesellschaft“ mit Volkskrankheiten wie Burnout, Depression und Angststörung.

Im Streben nach der Verwirklichung eines Idealbilds von uns werden eigentliche Talente und Fähigkeiten missachtet oder geringgeschätzt. Unvollkommenes gewöhnliches Menschsein kann nicht angenommen werden.

Durch soziale Konditionierung und die Reaktionen unserer Umwelt lernen wir, was wir zu tun und zu lassen haben. Die Ur-Angst des Menschen, ausgegrenzt zu werden, ist der Antrieb dafür, sich auch so zu verhalten.

Dieses negative Selbstkonzept, diese bewusste oder unbewusste Überzeugung, mangelhaft zu sein, kann zu so großer innerer Not führen, dass unser Handeln für uns und andere destruktiv wird, oder es kann sogar zu psychischen Erkrankungen führen. Frottier spricht hier von der „Tyrannei des Selbstbildes“.

Doch nicht nur der Buddhismus, auch die moderne Psychologie und Neurobiologie lehren unter anderem, dass wir in Wirklichkeit gar keinen festen Kern und kein Ich haben – und dass dieser und dieses deshalb auch nicht mangelhaft sein können.

Außerhalb von uns gibt es keine konsistente, unabhängige Realität. Alles ist geistiges Abbilden, keine Realität an sich. Das bedeutet, alles ist so, wie wir es wahrnehmen. Wir sind der Erzähler unserer eigenen Geschichte, wir selbst erschaffen unsere Erinnerungen und wir schaffen uns auch einen Kern und eine Identität – und dies können wir beeinflussen.

Teil 2: Selbst-Annahme

Im zweiten Teil stellt Frottier Lehren und Übungen des Buddhismus vor, die helfen sollen, sich selbst besser anzunehmen. Dies sind zum Beispiel:

  • Tipps zur Meditation und Meditations-Übungen wie die, mit einer Geh-Meditation „ja“ zu sich und zum gelebten Augenblick zu sagen
  • Achtsamkeit und „geheiligte Pausen“, um aus physischer Betriebsamkeit und geistiger Daueraktivität herauszukommen, selbstverurteilende Haltung, Feindseligkeit und mangelnden Respekt sich selbst gegenüber zu bemerken
  • Mit Selbstvergebung aus einer Spirale von Selbstvorwürfen, Selbstermahnungen und Schuldgefühlen herauszukommen
  • Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, ohne sich in Selbstmitleid und Selbstvorwürfen zu verstricken und sich wie hilflose Opfer zu verhalten
  • Sich mit unbestechlicher Aufrichtigkeit zu begegnen und zu erkennen, wozu man fähig ist und fähig wäre, die Konsequenzen seines Handelns zu sehen und sich entschuldigen zu können
  • Nicht verbissen einem Bild göttlicher Vollkommenheit entsprechen zu wollen, sein unperfektes Menschsein liebevoll annehmen und seinen „Ich“-Panzer zugunsten einer offenherzigen und mitfühlenden Haltung aufgeben zu können
  • „Den Dämonen Nahrung zu geben“, also die ungeliebten Eigenschaften oder Gefühlsregungen in sich anzunehmen und ihnen symbolisch Respekt zu erweisen
  • Un-bedingtes Gewahr-Sein zu üben, bedingungslos anzunehmen, was ist, also nicht zwischem Angenehmem und Unangenehmem zu unterscheiden und nur nach dem Angenehmen zu streben, in diesem Sinne auch sich selbst bedingungslos anzunehmen, statt nur die „guten“ Teile an einem zu dulden
  • Den Mut zu haben, sich dem buddhistischen „Nicht-Wissen“ anzuvertrauen und alle Vorstellungen fallen zu lassen; das Ziel ist dabei nicht völlige Gedankenleere, sondern die so häufig vorherrschenden kritisierenden und spekulierenden, vorwurfsvollen und selbstverurteilenden Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen und sich und andere mit den Augen des Nicht-Wissens zu betrachten
  • Sich von der buddhistischen Lehre des Unpersönlichen inspirieren zu lassen und sich nicht zu bemühen, ein Bild abzugeben, das man für vorteilhaft hält und mit dem man anderen erscheinen möchte
  • Sich mit der buddhistischen Lehre der Interdependenz anzufreunden, nach der sich alles gegenseitig bedingt und wir keine isolierten Einzelwesen sind, sich im anderen zu erkennen
  • Mitgefühl füreinander zu empfinden, sich gegenseitig beizustehen und mit allem verbunden zu fühlen
  • Und nicht zuletzt sich selbst die Zuwendung und Akzeptanz zu geben, die wir von anderen erwarten, aber so oft uns selbst nicht geben können.

Teil 3: Übungen

Nach dem überwiegend theoretischen zweiten Teil folgen hier noch einige weitere praktische Übungen: Eine Sutra, eine Metta-Meditation der liebevollen Zuwendung zu sich und anderen, ein Körper-Scan, um sich besser wahrzunehmen, und eine Gruppenübung. Zusätzliche Tipps für Meditationen und eine Erklärung, was ein, im Buch häufiger vorkommender, Koan ist, schließen das Buch zusammen mit Literaturhinweisen und Anmerkungen ab.

Diese Koans, „kurze Anekdoten aus der buddhistischen Tradition des alten China“, wollen helfen, gewohnte Denkmuster aufzugeben. Auch einige Zen- und Weisheits-Geschichten wollen zum Nachdenken anregen. Beide sind Geschmacksfrage, man muss sich mit ihnen beschäftigen wollen – oder natürlich einfach weiterblättern.

Der Text ist nicht allzu durchstrukturiert, auch wenn es Zuordnungen zu Oberpunkten gibt. Vieles wiederholt sich und geht ineinander über. Vielleicht könnte man den Text mit einem Fluss vergleichen, der dahinfließt, immer einmal neue Steine und Impulse aufnimmt, weiter dahinfließt. Auch damit muss man umgehen können.

Doch grundsätzlich finde ich das Buch verständlich geschrieben. Selbst Laien müssten eigentlich den theoretischen Konzepten gut folgen können, zumindest, wenn sie eine gewisse Bereitschaft mitbringen, sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Fazit: Ein nicht ganz einfaches, aber überzeugendes Buch mit einer klaren Botschaft – es gibt kein Ich, somit auch kein mangelhaftes, weniger wertvolles Ich. Schaden fügt vielmehr der Glaube zu, ein solches zu haben, zusammen mit den daraus folgenden Handlungen und Verhaltensweisen.

© 2017 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 15.08.17

Corinne Frottier, So wie du bist. Der buddhistische Weg zur Selbstannahme. München 2016, 207 Seiten

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