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Wir Menschen haben ein Talent dafür, uns das Leben selbst schwer zu machen. Wir machen immer dieselben Fehler und tragen zu einem guten Teil Verantwortung für unsere Probleme, Krankheiten und Depressionen. Doch wir haben auch die Fähigkeit, zu ändern, zu lernen, zu hoffen und zu heilen. Der Arzt, Psychiater und Autor Gordon Livingston will mit seinen „unbequemen Wahrheiten“ die Menschen aufrütteln und zum Nachdenken bewegen.

Gordon Livingston ist seit mehreren Jahrzehnten als Arzt und Psychiater tätig. Er ist Autor mehrerer Bücher und veröffentlicht regelmäßig Beiträge in diversen amerikanischen Zeitschriften und Zeitungen.

Er hat in kurzer Zeit zwei Söhne durch Krankheit verloren. Der eine starb als Kind an Leukämie, der andere brachte sich als junger Erwachsener angesichts einer unheilbaren Krankheit selbst um. Beides hat ihn tief geprägt, dieser „pessimistische Zug“ bricht immer wieder in seinen Texten durch. (Falls Livingston nicht selbst eine entsprechende Veranlagung mitbringt, die durch seine Erfahrungen verstärkt wurde.)

Sein Buch „Zu früh alt und zu spät weise?“ ist eine Zusammenstellung von 30 Kolumnen, die er für die erwähnten Zeitschriften schrieb. Es geht um übliche „große“ Themen und Fragen der Menschen: Liebe, Beziehungen, Familie, Kinder, Alter, Krankheit, Tod, genauso wie Glück und die Freude am Leben. Und es geht um diverse Probleme und Eigenheiten, mit denen wir uns selbst das Leben schwer machen: Probleme in der Partnerschaft, persönliche Macken, ein verfehlter Sicherheitstrieb, Ängste, die unser Leben beengen, und anderes mehr.

Dem Autor geht es darum, seine Leser aufzurütteln, ihnen „die Wahrheit“ zu sagen, wie es im deutschen Untertitel heißt. Er will ihnen Hilfen und Impulse mitgeben, wie sie sich weniger Probleme im Leben machen, die sie dann zum Therapeuten oder Psychiater führen.

Dazu erzählt er auch immer wieder aus seiner eigenen Lebenserfahrung beziehungsweise aus Erfahrungen mit seinen Patienten, geht auch gelegentlich stärker auf Ablauf und Hintergrund einer Therapie ein.

Wie gesagt, der Grundton ist eher „pessimistisch“, manchmal müde angesichts der Tatsachen des Lebens und der „Beschränktheiten“ der Menschen. Doch das mindert den Wahrheitsgehalt der „unbequemen Wahrheiten“ nicht. Und man kann sehen, dass der Autor trotz allem nie aufhört zu versuchen, den Menschen zu helfen und dem Leben das Positive abzugewinnen.

Zum Inhalt

Unter anderem geht es in seinem Buch um folgende Themen:

Die innere Landkarte: Entspricht das, was man über die Welt, das Leben und bestimmte Menschen denkt, auch tatsächlich der Realität? Oder neigt man zu Wunschdenken, Wahrnehmungsfehlern, einem zu positiven oder zu negativen Denken, mit denen man sich das Leben schwer macht? (Vgl. auch mein Artikel: „Alles liegt im Auge des Betrachters. Wahrnehmung und Denken schulen.“)

Worte und Verhalten: Eine Erinnerung daran, auf das Verhalten der Menschen zu achten, nicht auf ihre Worte. Worte können ungeschickt oder auch bewusst geschönt sein. Nur das Verhalten gibt halbwegs „die Wahrheit“ wieder.

Der Kontrollwahn: Über die Sehnsucht nach Sicherheit und Vollkommenheit, die bis zu ungesundem Perfektionismus und Kontrollwahn führen kann.

Das Unbewusste: Wie wir handeln und leben, wird durch unser Unbewusstes gesteuert. Wer das nicht beachtet, macht schnell immer wieder die gleichen Fehler. Es gilt, sich und seine Denk- und Verhaltensmuster besser zu erkennen.

Stärken und Schwächen: Unsere Stärken können gleichzeitig auch Schwächen sein – und umgekehrt. Egal, ob man sich zum Beispiel mit eigentlichen Stärken wie Perfektionismus oder (dann: zu großer) Freundlichkeit selbst Schaden zufügt. Oder ob man die Stärken hinter den Schwächen nicht erkennt.

Wandel und Veränderungen: Nur mit Geduld für sich selbst und einer guten Portion Vorstellungsvermögen lässt sich beides gut bewältigen. Es gilt, sich vor ungesunder Risikoscheu und falschen Illusionen in acht zu nehmen.

Das Alter: Hier bezieht Livingston Stellung gegen die Verdrängung und Entwertung alter Menschen, denen man in unserer Gesellschaft oft begegnet. Er spricht aber auch die Selbstbezogenheit, permanenten Klagen und die selbst gewählte Absonderung alter Menschen an, mit denen sie sich das Leben wieder selbst schwer machen.

Krankheiten: Unbequem legt Livingston auch den Finger auf den „Gewinn“ von Krankheiten, um dessentwillen sich viele Menschen selbst „krank halten“. Auch die Pharma-Industrie trage ihren Teil dazu bei, indem sie helfe, die eigene Verantwortung bei Krankheiten und Problemen an andere / an Medikamente abzugeben.

Depressionen: Noch mehr unbequeme Wahrheiten – auch eine Depression habe ihre Vorteile, viele depressive Menschen würden deshalb nicht gern von ihrer Depression lassen, sich also wieder selbst in einem Zustand der Krankheit halten. Zudem kann eine ganze Gesellschaft depressiv und krank machen, indem sie Risikoscheu, Sicherheitsdenken und Angst vor der Angst schürt, statt den Menschen zu vermitteln, wie man neue Hoffnung wecken und sich selbst heilen kann.

Die Liebe: Eine Erinnerung daran, sich seine Partner und Freunde sorgfältig zu wählen, denn zu ungute Versuche sind sonst – für alle Beteiligten – zu kostspielig. Zudem warnt Livingston vor den Gefahren der „unsterblichen Liebe“, in die sich viele Menschen stürzen, sei es nun eine unerfüllte oder schmerzhafte, schädigende Liebe. Beides gehe eher in Richtung Masochismus.

Geduld lernen: Noch einmal eine Erinnerung daran, sich Zeit zu lassen für Veränderungen im Leben oder um eigene Denk- und Verhaltensmuster zu ändern. Nach Livingston ist unsere Gesellschaft zu ungeduldig für solche Dinge geworden und sucht ihr Glück stattdessen in der schnellen Befriedigung durch materielle Güter und Konsum.

Umwege gehen: Der Autor ruft dazu auf, von der linearen, zielorientierten, immer alles „richtig“ machen wollenden Art abzuweichen, mit der wir heute groß werden. Oft würden wir erst durch Umwege zu dem finden, was wir sind. Es gilt, Hoffnung, Intuition und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, zu fördern.

Die Selbsterkenntnis: Auch hier geht Livingston noch einmal auf die Tatsache ein, dass wir zu großen Teilen von unseren unbewussten Wünschen, Bedürfnissen und so weiter gesteuert werden, die wiederum oft mit früheren (Kindheits-) Erfahrungen zusammenhängen. Es gilt, sich selbst besser zu verstehen, um nicht immer wieder dieselben Fehler zu machen. Es gilt, den Mut zu solchen Veränderungen aufzubringen und uns vor dem Selbstbetrug zu hüten, mit dem wir uns nur selbst Schaden zufügen.

Nostalgie und Verklärung: Sich selbst belügt man auch, wenn man in selektiven Erinnerungen an eine schöne, romantisch verklärte Zeit schwelgt, statt zu lernen, wie man in einer unvollkommenen Welt glücklich sein kann. Es gilt, nicht an einer idealisierten Vergangenheit festzuhalten, sondern in der Gegenwart nach Freude und Sinn zu suchen.

Veränderung wagen: Wir sind eine Gesellschaft, die Ängste und Sicherheitsdenken schürt. Angst leiste zwar wertvolle Dienste, wenn sie uns vor Schaden bewahrt. Doch es gilt, sich von ihr nicht den Mut und die Freude des Augenblicks nehmen zu lassen, sich von ihr nicht in seiner Entscheidungsfreiheit beschneiden zu lassen.

Loslassen und verzeihen: Es fällt uns Menschen schwer, Vergangenes loszulassen und Gewohnheiten fallenzulassen. Unser früheres Ich dient als Stabilisierung für uns und für andere. Doch unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir dieser begegnen und unsere Verluste in unser Leben integrieren. Und nur über Verzeihen und Loslassen können wir mit der Vergangenheit ins Reine kommen.

Lachen und Humor: Lachen macht gesund und Humor heilt. Es gilt, beides zu suchen.

Wie gesagt, der Grundton von „Zu früh alt und zu spät weise?“ ist eher von „ernüchtert-pessimistischer Art“: Die meisten Ehen werden geschieden, die Leute machen immer dieselben Fehler, wie kann man angesichts von Alter und Vergänglichkeit / Sterblichkeit überhaupt noch glücklich sein … Doch es zieht sich auch ein positiver roter Faden durch das Buch: Es gilt, die schönen Seiten des Lebens bewusst zu genießen, für die Zukunft zu lernen, Mut zu haben, zu hoffen, optimistisch zu sein, dem Tod mit Gleichmut entgegenzublicken und für das Geschenk des Lebens dankbar zu sein.

Livingston ist genau das, was er sein wollte: Unbequem. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und schont weder andere Menschen noch unsere Gesellschaft. Doch der Ton ist wertschätzend und man merkt ihm immer die tiefe Verbundenheit zur Menschheit, seinen Drang zu helfen und zu heilen an.

Die Kolumnen sind thematisch nicht allzu sehr geordnet. Ich habe in meiner Übersicht schon leicht strukturierend eingegriffen und hätte mir als Strukturfan noch mehr in dieser Hinsicht gewünscht. Doch das ist, wie üblich, Geschmackssache.

Beim ersten Lesen vor einigen Jahren dachte ich: Starker Tobak, wenn der Mann so weitermacht, ist er ziemlich vielen Leuten auf die Füße getreten. Die vielen Depressiven und unsere Pharma-Industrie inbegriffen. Doch mittlerweile denke ich: Er hat in vielem Recht.

Fazit: Wer den Mut aufbringt, „unbequemen Wahrheiten“ ins Auge zu sehen, um selbst ein besseres Leben zu führen, darf hier gern zugreifen. 😉

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 07.04.14

Gordon Livingston, Zu früh alt und zu spät weise? 30 unbequeme Wahrheiten, um aus dem Leben klug zu werden. München 2009 (5. Auflage von 2004, am. Original von 2004), 240 Seiten

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