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Howard Gardner, So genial wie Einstein. Schlüssel zum kreativen Denken.

Was macht einen Menschen kreativ? Was macht kreative Menschen aus? Der Kreativitäts- und Intelligenzforscher Howard Gardner geht dieser Frage nach, indem er die Biografie sieben „kreativer Genies“ durchleuchtet. Eine spannende Sammlung von Biografien mit interessanten Ergebnissen aus der Kreativitätsforschung.

Was macht einen Menschen kreativ? Ist Kreativität angeboren? Kann man sie lernen? Was unterscheidet einen kreativen Menschen oder gar ein kreatives Genie von anderen, weniger kreativen Menschen?

Der Professor für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Neurologie Howard Gardner, ursprünglich bekannt geworden für sein Modell der verschiedenen „Intelligenzformen“, geht dieser Frage in diesem über 500 Seiten starken Wälzer nach.

Sein Ansatz ist etwas ungewöhnlich. Denn er verbindet in diesem Buch seine ursprüngliche Leidenschaft für das Biografische und Historische mit seiner späteren Tätigkeit in Sozial- und Verhaltensgeschichte sowie Entwicklungspsychologie. (Sein Lebenslauf kommt mir bekannt vor. Klingt, als ob er ähnlichen Windungen gefolgt ist wie ich. ;-))

Deshalb führt er auch keine Untersuchungen, Befragungen oder Ähnliches durch, wie es andere mit ähnlichem Forschungsansatz vielleicht tun würden. Nein, er bleibt seinem Hang zur Historiografie treu und beschäftigt sich mit der Lebensgeschichte von sieben kreativen Persönlichkeiten, klopft sie auf Bezüge zur Kreativität ab.

Das heißt, er untersucht die Vita dieser „kreativen Genies“ darauf, was in ihrem Leben gut für die Entwicklung von Kreativität gewesen ist und was nicht. Er vergleicht sie miteinander und sucht nach Mustern und Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschieden.

Er hofft, dass er dadurch besser versteht, wie Innovationsschübe zustande kommen. Sein Ziel ist es, Prinzipien abzuleiten, die der menschlichen Kreativität zugrunde liegen.

Jede Person stammt dabei aus einem anderen kreativen Bereich. Die Beispiele sind:

Die Wissenschaften mit

  •  Sigmund Freud (der neue Richtungen in der Psychologie einführte)
  • Albert Einstein (der das Gleiche für die Naturwissenschaften tat)

Die bildenden Künste mit

  • Pablo Picasso (Neuerungen auf dem Gebiet der Malerei)
  • Igor Strawinskiy (das Gleiche bei der Musik)
  • T.S. Eliot (die Dichtung)

Die darstellende Kunst bzw. die Zusammenarbeit mit anderen

  •  Martha Graham (die die Rolle der Frau im Tanz neu definierte)
  • Mahatma Gandhi (der „Beweger“ und „Politiker“)

Gardner leitet aus seinen Untersuchungen unter anderem folgende Erkenntnisse ab:

Kreative Menschen haben offenbar gemeinsam

  • dass sie Kindlichkeit (den kindlich kreativen Geist) und Reife (die Weisheit, das Wissen und das erwachsene Reflektieren) verbinden
  • dass sie sich mindestens zehn Jahre lang intensiv ihrem Handwerk widmen, bis sie es gut genug für einen kreativen Durchbruch auf diesem Gebiet beherrschen
  • dass sie gern ihre eigenen Wege gehen und ihnen ihre Unabhängigkeit wichtig ist
  • dass ihnen Materielles relativ egal ist und sie ganz in ihrer Kunst aufgehen
  • dass sie außerhalb der Konventionen und teilweise auch außerhalb der Gesellschaft stehen; dass sie diese Distanz auch bewusst in Kauf nehmen, um unabhängig genug für Neues zu sein
  • dass sie eine gewisse Unrast spüren, gern Neues in Angriff nehmen und sich in unbekannte Höhen wagen; dass sie sich dabei dem Risiko schmerzhafter Abstürze bewusst aussetzen und diese „Randerfahrung“ bewusst auf sich nehmen
  • dass sie trotzdem stets wichtige Menschen für „emotional-intellektuellen Beistand“ in ihrem engsten Umfeld haben, Freundschaften und menschliche Nähe schätzen, und dass ihnen andere Menschen eine „Brücke zum kreativen Erfolg“ sind
  • dass sie oft einen sogenannten „faustischen Pakt“ eingehen, das heißt, sie erbringen nur dadurch kreative Höchstleistungen, indem sie auf privates Glück verzichten und ganz in ihrer Arbeit aufgehen
  • dass sie gleichzeitig ein Bedürfnis nach Nähe und Distanz haben.

Und Ähnliches mehr. (Wobei ja, das kann ich aus eigener wie fremder Erfahrung bestätigen. Diese Tendenzen sind vorhanden.)

Ein bisschen verliert sich Gardner meiner Meinung nach zu sehr in seiner Leidenschaft fürs Biografische. Man hätte den Fokus noch mehr auf die Kreativität legen und noch mehr für diese herausziehen können. So kommen hier vor allem Fans der untersuchten „kreativen Genies“ auf ihre Kosten, die eine entsprechende Biografie lesen wollen.

Doch sonst ist es ein sehr interessanter Ansatz. Ein leicht und durchaus vergnüglich zu lesendes Buch, populärwissenschaftlich und doch „seriös“ (das heißt, mit ernsthaftem wissenschaftlichem Anliegen), ohne viel Fachjargon.

Ein schöner Wurf, wie man wissenschaftlich und doch für breitere Kreise schreiben kann.

Fazit: Was macht Kreative denn nun aus? Nun, Gardner findet zumindest einige „kreative Erfolgsfaktoren“. 😉

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 28.08.12

Howard Gardner, So genial wie Einstein. Schlüssel zum kreativen Denken. Stuttgart 1996 (am. Original 1993), 556 Seiten

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