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Karlheinz Geißler, Es muss in diesem Leben mehr als Eile geben

Viele wollen ihre Zeit besser managen, mehr Zeit gewinnen, noch mehr Aufgaben oder Aktivitäten in ihr unterbringen. Das ist nicht Karlheinz Geißlers Ansatz. Der bekannte Zeitforscher will stattdessen mit seinem Buch helfen, das Wesen von Zeit allgemein und der Zeit in unserer Gesellschaft besser zu verstehen. Ziel ist es, dass jeder seinen für ihn sinnvollen Umgang mit der Zeit entwickeln kann.

Dieses Buch habe ich vor Jahren eher durch Zufall bei einer Kunstausstellung entdeckt – im kleinen Buchverkauf eines religiös-spirituell geführten Seminargebäudes.

Und mit einer eher „philosophischen“ Einstellung sollte man auch an dieses Buch herangehen. Denn was der Leser hier nicht bekommt, sind schlaue Tipps, wie man mehr aus seiner Zeit herausholt oder seine Zeit besser managt. „Es muss in diesem Leben mehr als Eile geben“ will eher sozusagen das Bewusstsein für den allgemeinen und persönlichen Umgang mit der Zeit schulen.

Das gelingt dem Universitätsprofessor und bekannten Zeitforscher Karlheinz Geißler zum einen durch die Auswahl der Themen. Und zum anderen durch die Art selbst, wie er das Buch geschrieben hat.

Passend zu seiner These soll der Leser nicht linear von Tipp zu Tipp durch das Buch hasten. Er soll bruchstückhaft, in Schleifen durch das Thema Zeit geleitet werden – mit Geschichten, Gedichten, Zeitungsausschnitten, Zitaten und Auszügen bekannter Schriftsteller, eigener Aufarbeitungen, Gedanken und Hintergrundinformationen, und Ähnlichem mehr.

Man könnte das Buch vielleicht mit einer Collage von Fragmenten zum Thema Zeit vergleichen. Und wie bei einer Collage oder einem Kunstwerk kann der Leser mal hier und mal dort einen Happen näher begutachten.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Geißlers Buch planlos verläuft. Alle Fragmente sind bestimmten Oberthemen und Kapiteln zugeordnet.

Kurz zum Inhalt:

  • Im Reich der Zeit: Eine Einführung zum Thema
  • Die Auffassung von Zeit in anderen Zeiten und Kulturen
  • Das lineare, heute vorherrschende Zeitverständnis: Man macht etwas mit der Zeit. Man muss sie möglichst gut nutzen. Die Zeit wird immer schneller gelebt. Die freie Zeit wird zum Freizeitstress, und so fort.
  • Exkurs: Die Geschichte der Zeitmessung
  • Die früher vorherrschende Betrachtungsweise von der Zeit als Subjekt, die Mensch und Natur bestimmt. Die Zeit wird nicht beherrscht, sondern erfahren.
  • Exkurs: Zeitmessung ohne Uhr
  • Arbeiten und Lernen: Vom Umgang mit der Zeit in beiden Bereichen
  • Exkurs: Zeitrationalisierung im Betrieb
  • Bildungszeit: „Bildung“ als langsamer, nicht planbarer, wachsender Prozess. Ob beim Lernen, beim Umgang der Menschen miteinander, bei der persönlichen Entwicklung, oder Ähnlichem mehr.
  • Exkurs: Zeit und Schule
  • Leben und Sterben: Ein Lob auf Pausen, Langsamkeit, Wiederholungen und das Warten-Können. Ein Plädoyer für den souveränen Umgang mit der Zeit.

Ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis schließt das Buch ab.

Geißler erfüllt sich mit diesem Buch den Traum des staunenden Sechsjährigen, der er einmal war, die Zeit begreifen zu können.

Wer ihm folgt und sich auf sein ungewöhnliches Format einlässt, bekommt dafür viele Impulse.

Denn was wir seiner Meinung nach brauchen, sind keine übers Knie gebrochenen Tipps für mehr Zeit oder das optimale Zeitmanagement. Was wir brauchen, ist die Fähigkeit und die Möglichkeit, nach dem eigenen Rhythmus und Tempo zu leben und sich Zeit zu lassen – für sich selbst, und für die Menschen und Dinge, die einem wichtig sind.

Fazit: Wer wissen will, wie er mehr Zeit gewinnen oder seine Zeit managen kann, ist hier verkehrt. Doch wer mehr über die Zusammenhänge erfahren und die Fähigkeit ausbilden will, eigenverantwortlich mit seiner Zeit umzugehen, kann hier richtig sein.

© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 30.11.2010

Karlheinz A. Geißler, Es muss in diesem Leben mehr als Eile geben, Freiburg 2001, 185 Seiten

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