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Keri Smith, Mach Mist. Kleines Handbuch für großes Chaos.

Nur wenige von uns lassen sich freiwillig auf das Risiko ein, Fehler zu machen, zu improvisieren, die Kontrolle abzugeben und sich fallenzulassen. Doch so kommt es auch nicht zu Neuem, so entfaltet man nicht sein volles Potenzial. Mehr noch: Das Leben ist selbst ein Chaos, es hat seine Höhen und Tiefen. Wir könnten es entspannter genießen, wenn wir lernen, uns am Chaos zu erfreuen. Die Künstlerin und Bestseller-Autorin Smith hat dafür ein ungewöhnliches „Mitmach-Buch“ erfunden.

Früher waren Bücher für mich noch „heilige Kulturgüter“, unantastbar. Dann warf ich den farbigen Hochglanz-Umschlag von allen gebundenen Büchern weg. (Mir war das einfach zu viel „schreiende Farbe“ in meinem Bücherregal, eine Belastung für die Augen.) Dann fing ich an, nach Herzenslust in meinen Büchern herumzukritzeln und wichtige Punkte am Seitenrand zu notieren. (Das ist gut fürs Exzerpieren.)

Mittlerweile werfe ich hemmungslos jedes Buch weg beziehungsweise sortiere es aus, das ich nicht gut genug finde, um es zu lesen oder aufzuheben.

Viele Menschen haben hier schon ihre Schwierigkeiten. So geht man doch nicht mit Büchern um. Für diese Zeitgenossen dürfte deshalb Keri Smiths Buch „Mach Mist. Kleines Handbuch für großes Chaos.“ eine Herausforderung mittleren Grades sein. (Wobei ich gern zugebe, dass ich am Anfang selbst schlucken musste. ;-))

Denn dieses Buch ist ungewöhnlich, sehr ungewöhnlich. Und genau das will die Künstlerin und Bestseller-Autorin Smith auch sein. Sie bürstet mit ihren Büchern sozusagen ganz bewusst gegen den Strich.

Worum geht es?

Ihre These und ihr Ziel mit diesem Buch sind folgende:

Wir werden von klein auf „indoktriniert“, immer alles richtig oder perfekt zu machen, immer schön ordentlich zu sein oder alles unter Kontrolle zu behalten. Wir werden von klein auf mit einem immensen inneren Zensor gefüttert.

Das hat zweifellos seine Vorteile, eine Welt im Chaos ist nicht sonderlich erstrebenswert. Doch es hat auch massive Nachteile. Es fesselt, verunsichert, bremst aus.

Keri Smith will mit ihrem Buch dazu animieren, loszulassen, die Kontrolle aufzugeben, sich bewusst fallenzulassen. Sie will das, was die meisten nur unfreiwillig tun, bewusst fördern: Fehler zu machen, Neues zu versuchen, alles hinter sich zu lassen, sich zu öffnen und ins Unbekannte zu stürzen – mit all den Verletzlichkeiten, die damit einhergehen.

Denn nur so kann man in Regionen vorstoßen, in die man normalerweise nicht kommt. Nur so hat man die Möglichkeit, etwas vollkommen Neues zu erschaffen, anders als alles, was man vorher getan hat.

Warum sollte man das wollen? Nun, das Leben ist nicht ordentlich, es ist nicht aufgeräumt und es lässt sich nicht kontrollieren. Doch in all seinen Widersprüchlichkeiten, Höhen und Tiefen liegt auch Schönheit. In ihnen kommt es zu neuen Verbindungen, neuen Ideen, Entdeckungen, Kombinationen, Lösungen.

Wer sich mit dem Chaos anfreunden kann, kann auch das Auf und Ab des Lebens entspannter genießen.

Keri Smith vergleicht das Ganze mit einem kreativen Prozess: Es kommt nicht auf das Ergebnis an. Es muss nicht schön, ordentlich, sinnvoll oder richtig sein. Es kommt auf den Weg oder den Prozess selbst an. Hier ist in der Tat einmal der Weg das Ziel. Es kommt darauf an, wie ein Künstler zu erkunden, auszuprobieren, wenig oder gar keine Kontrolle über das Ergebnis zu haben.

Das ist allerdings etwas, was wir in der Regel nicht lernen. Deshalb will Smith mit ihrem Buch sozusagen ein kontrolliertes Chaos auf kleinem Raum entfesseln. 😉

Sie will buchstäblich dazu ermuntern, in und mit diesem Buch „Mist“ zu machen, viele Materialien zu erkunden und zu verwenden.

Und dann kommen sie, die Ideen, wie man in und mit diesem Buch für Chaos sorgen kann. Dazu gehören zum Beispiel: Ein Bild mit Klebeband malen. Mit verschiedenen Materialien klecksen und die Kleckse weiter bearbeiten. Knüllen. Zeichnen. Malen. Reißen. Schreiben. Worte schütteln und neu kombinieren. Seiten auseinanderschneiden und neu kombinieren. Und vieles andere mehr.

Auf jeweils einer Doppelseite stellt Smith die Idee oder Methode vor und lässt Platz, um sie gleich an Ort und Stelle auszuprobieren.

Teils finde ich diese Übungen sehr anregend. Teils sprechen sie mich nicht an. (Was aber normal ist, niemandem kann alles gefallen.) Teils werden sie anderswo sogar als ausgefeilte Kreativtechniken teuer verkauft. 😉 (Wie etwa die Methode, Worte oder Sätze auseinander zu schneiden, nach dem Zufallsprinzip neu zusammenzulegen und so neu zu kombinieren.)

Einziges Manko: Ab einem gewissen Punkt wiederholen sich die Übungen leider. Dieses Buch hat ziemlich viele Seiten. (Auch wenn die Seitenzahl nicht gezählt wird. ;-)) Da bleibt es wohl nicht aus, dass die Ideen sich irgendwann ähneln.

Grundsätzlich finde ich die Zielsetzung von Keri Smith sehr gut. Man muss sich allerdings darauf einlassen können. Wie gesagt, ich habe das Buch auch erst mal eine ganze Weile im Schrank stehen gehabt und nicht für voll genommen. 😉

Fazit: Ein Buch, das herrlich den kindlich-kreativen anarchischen Geist trainiert.

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 09.11.12

Keri Smith, Mach Mist. Kleines Handbuch für großes Chaos. München 2012 (am. Original 2010), Seitenzahl nicht aufgeführt

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