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Unser Leben verläuft nicht im Gleichmaß. Wir wandern von Abschnitt zu Abschnitt: Biologisch von der Kindheit bis zum hohen Alter. Gesellschaftlich von Ausbildung und Beruf bis zum Eintritt in den Ruhestand. Oder bedingt durch unsere Erfahrungen wie Beginn und Ende von Partnerschaften, Aufbau von Neuem und Loslassen von Altem und anderes mehr. Jeder dieser Abschnitte hat seine Chancen und Risiken. Dieses Buch untersucht die Kraft, die von den „Übergängen“ ausgeht.

Das Leben ist ein Prozess, der Mensch entwickelt und verändert sich. Manchmal verläuft dieser Prozess schleichend, fast unmerklich. Manchmal kommt es zu krisenhaften Zuspitzungen. Oft genug sind solche Entwicklungen aber auch schon im Bauplan des menschlichen Lebens eingebaut – als Lebensabschnitte oder Lebensübergänge.

Säuglings- und Kleinkind-Alter, in dem Kinder sich von Tag zu Tag neue Fähigkeiten aneignen. Die berühmt-berüchtigte Pubertät. Der Eintritt in das Berufsleben. Die Lebensmitte, die oft zur sprichwörtlichen Krise werden kann. Der Wechsel in den Ruhestand. Das hohe Alter. Alle diese Abschnitte und Übergänge sind normal, keiner kann ihnen entkommen.

Dazu kommen dann noch Übergänge wie neue Elternschaft, das Ende von Partnerschaften, Verluste und Todesfälle, späte Beziehungen und reifes Glück. Diese Erfahrungen macht nicht jeder, doch sie liegen im Bereich des Möglichen.

Das Buch „Zeiten des Wandels“ von Luise Reddemann behauptet: Jeder dieser Übergänge setzt im guten Fall Kreativität frei und öffnet neue Horizonte.

Reddemann selbst ist unter anderem Professorin für medizinische Psychologie. Sie hat zwanzig Kollegen aus Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Philosophie, Theologie, Buddhismus, Therapie und Medizin um sich versammelt, die jeder mit einem kurzen Beitrag einen solchen „Lebensabschnitt“ oder „Übergang“ behandeln.

Reddemann sagt: „Übergänge sind Herausforderungen, denen sich jeder Mensch immer wieder stellen muss, ob er will oder nicht. Häufig werden hier auch Krisen erlebt.“ Mit ihrem Buch möchte sie den Menschen wie den sie betreuenden Therapeuten helfen, die Schwierigkeiten, aber auch die Chancen, die in diesen Phasen auftreten können, zu sehen und zu bewältigen.

Das Buch richtet sich daher sowohl an „interessierte Laien“ wie auch an die Kollegen aus Psychologie, Therapie, Medizin und Co.

Aus dem Inhalt:

Vom Zauber des Beginnens – Anfängergeist: Was ist ein Anfängergeist? Und wie kann man ihn fördern?

Den Glanz in den Augen der Eltern spiegeln: Erste Entwicklungsschritte von Säuglingen und Kleinkindern.

Aufbruch zur Eigenständigkeit – die Trotzphase als Individuationsprozess: Die Trotzphase als Unabhängigkeitserklärung der Kinder, Entwicklung von Autonomie und Eigenständigkeit.

Das Leben folgt keinem Lehrplan – Schulkinder und die Lust am Lernen: Kinder werden mit einer natürlichen Lernbegeisterung geboren, bis sie ihnen in den Schulen ausgetrieben wird. Wie kann man Schule so gestalten, dass sie ihren Aufgaben auch gerecht wird?

Von der Lust sich auszuprobieren – Mädchen in der Pubertät: Wie gehen Mädchen mit ihrem sich entwickelnden Körper um? Von provokanter Weiblichkeit bis zur intellektuellen „grauen Maus“.

Experimentieren mit Grenzen und Regeln – Jungen in der Pubertät: Vom Zwiespalt der Jungen zwischen dem Drang, sich auszuprobieren, herauszufinden, wer man ist, die Welt zu erobern gegenüber den familiären und schulischen Forderungen nach Anpassung sowie Erfüllung der Vorgaben und Erwartungen.

Die Entdeckung der Freiheit – junge Erwachsene und das Spiel mit den Möglichkeiten: Wer sich alle Möglichkeiten offen halten will, um sich das Gefühl von Freiheit zu bewahren, kollidiert oft mit der Wirklichkeit.

Die bedrohte Sicherheit – junge Erwachsene auf der Suche nach Orientierung: Viele, auch wegweisende, Neu-Orientierungen geschehen zu Beginn des Erwachsenenalters. Menschen ringen hier um Autonomie und Unabhängigkeit, sind aber auch gleichzeitig damit beschäftigt, sich äußere Sicherheiten zu verschaffen.

Ein neues Glück erleben – Mutter sein: Die Mutterrolle gibt die Möglichkeit, sich selbst neu zu begegnen, zu reflektieren und zu relativieren.

Die Geburt des Vaters – der Beginn von etwas radikal Neuem: Die gesellschaftliche Realität zwingt Väter nach wie vor oft in traditionelle Rollenmuster. Viele versuchen, zwischen Nähe, Grenzen und Werten zu balancieren.

Schätze in den Trümmern finden – vom Ende der Liebe: Mit einer Trennung bricht die private Säule des Lebens zusammen. Es kann eine existenzielle Krise und „länger anhaltende instabile Phase emotionaler Not“ folgen. Gleichzeitig hat man die Chance, mehr bei sich selbst anzukommen, bisher Ungelebtes oder wenig Beachtetes auszuleben.

Halt im Loslassen finden – wenn der Partner stirbt: Auch hier kann man in einen Abgrund fallen, den Boden unter den Füßen und seinen Lebenswillen verlieren. Aber auch hier hat man die Chance, sich nicht mehr (an den anderen) anzupassen, sondern in guter Weise egoistisch zu sein, herauszufinden, wer man ist und was man will.

Im Lebensfluss bleiben – die Kunst des Genießens und Verzichtens: Eine Phase, etwas bewusst „zu opfern“ – überholte Standpunkte, schal gewordene Beziehungen, schädlich gewordene Gewohnheiten, und und. Dadurch winken neue Erfahrungen, neue Horizonte und womöglich ein ganz neues Leben.

Mythos Wechseljahre – Männer in der Mitte des Lebens: Die Möglichkeiten werden geringer, der Blick für das ungelebte Leben wird schärfer, Ende und Tod lassen sich nicht mehr leugnen und ins Unbewusste verdrängen.

Gefühle neu entdecken – die Kraft der weiblichen Lebensmitte: Kostbare Jahre des Wandels, in denen sich viel verändert und die es zu gestalten gilt. Viele Frauen machen tiefe emotionale Erfahrungen, werden nachdenklicher, stiller, empfindsamer, dünnhäutiger oder ängstlicher. Aber sie finden auch einen stärkeren Zugang zu sich selbst, hinterfragen ihr Leben, ziehen die Konsequenzen und handeln stärker im eigenen Sinne. Sie lernen, gut zu sich zu sein und zu entdecken, was wirklich für sie zählt.

Die Liebe der jungen Alten – wenn Paare älter werden: Eingespielte Beziehungsmuster geraten durcheinander, das kann Krise und Chance bedeuten. Es kann ein gemeinsames Drittes wachsen, wenn es gelingt, Altlasten und alte Verletzungen zu heilen. Es winkt die Chance auf eine reife Beziehung mit Freiheit und Distanz für den anderen.

Wer allein lebt, lebt noch lang nicht allein – Verbundenheit im Alter: Viele Menschen leben im hohen Alter gern allein, schätzen die Freiheit in der Lebensgestaltung, pflegen freie und zugleich verbindliche Freundschaften.

In Offenheit leben – Entwicklungsaufgaben im Alter: Welchen Beitrag will man über das eigene Leben hinaus leisten? Von welchem Nebensächlichem kann und sollte man sich lösen? Es geht darum, die eigene Entwicklung anzunehmen, den Augenblick zu nutzen und den Neubeginn zu wagen.

Den letzten Weg gehen – Mythen und Bilder des Sterbens: Gedanken zur Perspektive des Trauernden wie des Sterbenden.

Loslassen und neu beginnen – die Kunst des Beendens: Wir müssen im Leben nicht das Halten, sondern das Loslassen lernen. Wer beginnen und beenden kann, hat es leichter, anzunehmen, was ist. Loslassen macht die Hände frei, danach beginnt etwas Neues. Es gilt, die Bälle aufzufangen, die einem das Leben zuspielt. Es gilt, Liebe und Vertrauen zu sich selbst und zum Leben zu entwickeln.

Ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis mit diversen Buchempfehlungen für jedes einzelne Kapitel schließt das Buch ab. Zum Schluss werden kurz die beteiligten Autoren vorgestellt.

Wie schon oben erwähnt, richtet sich das Buch an „interessierte Laien“ wie auch an Fachpublikum. Stil und Sprache sind deshalb wissenschaftlich, aber gut verständlich.

Das Buch schlägt einen Bogen von der Geburt bis zum Tod und untersucht typische Lebensabschnitte und -übergänge. Es ist kein Ratgeber und will auch keiner sein. Deshalb gibt es hier auch keine Tipps „tun Sie dies, tun Sie das“.

Die Autoren liefern Hintergrund-Informationen und Gedanken. Sie wollen informieren, aber auch das Wichtige und Positive an einem Lebensübergang herausstellen. Der Tonfall ist zwar meist optimistisch, doch es gibt keinen „Zwangs-Optimismus“, Leid und Schmerz im Leben einzelner wie im Leben insgesamt werden nicht ausgeklammert.

Dennoch könnte man es als „Mut-mach-Buch“ bezeichnen. Seine wichtigste Aussage lautet vielleicht: Wir sitzen alle im selben Boot, wir machen alle dasselbe durch. Das ist das, was uns erwartet und was zum Menschsein gehört. Es ist aber auch der Stoff, aus dem wir unser Leben und unsere Träume gestalten können. Mit der „kreativen Kraft der Lebensübergänge“, wie der Untertitel schon sagt.

Fazit: Ein etwas anderer Blick auf das Leben des Menschen. Jeder einzelne Abschnitt bekommt so seine Möglichkeiten und seinen Wert.

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 18.01.14

Luise Reddemann (Hrsg.), Zeiten des Wandels. Die kreative Kraft der Lebensübergänge. Freiburg 2013, 207 Seiten

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