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Pessimismus ist nützlich und kann helfen, zu sichern und zu schützen. Doch er kann auch hilflos und handlungsunfähig machen oder sogar zur modernen „Volksseuche“ Depressionen führen. Der Psychologe und Motivationsforscher Seligman zeigt, wie Sie optimistischer werden.

Es gibt viele Formen, wie man eine Neigung zu Pessimismus oder gar eine Depression entwickeln kann. Bei manchen ist es angeboren. Bei anderen treten sie im Zusammenhang mit Krankheiten auf. Weitere haben eine entsprechende Denkhaltung in Kindheit und Jugend ausgebildet oder erlernt. Wieder andere geraten durch konkrete Erfahrungen in eine pessimistische Lebenshaltung hinein.

Zudem ist eine Depression oft noch etwas völlig anderes als Pessimismus. Doch beides scheint, zumindest in der westlichen Welt, immer mehr zu einer Art „Volksseuche“ zu werden.

Die Ursachen dafür sieht der Autor von „Pessimisten küsst man nicht“, Martin Seligman, zum Beispiel

  • in der Überbetonung des Individuums mit all den wachsenden Ansprüchen an uns, aber auch von uns (an uns selbst, an das Leben und an andere)
  • im Schwinden des Gemeinsinns mit seinem Verlust von Halt und Geborgenheit, aber auch von Identität
  • in der inneren Leere, die viele ausfüllt, die vergeblich auf der Suche nach mehr Sinn in und für ihr Leben sind.

Der Autor ist Psychologe und Professor für Sozialwissenschaft und laut Klappentext „eine Autorität auf dem Gebiet der Motivationsforschung“.

Sein Buch teilt sich in drei Abschnitte plus Anmerkungsapparat und Quellenverzeichnis.

Im ersten Teil erzählt Seligman von der persönlichen Motivation, die ihn zur Pessimismus-Forschung gebracht hat. Er erzählt vom Schlaganfall, den sein Vater erlitt, und von der erlernten Hilflosigkeit, die daraufhin die ganze Familie lähmte.

Er erzählt von den Erfahrungen und neuen Erkenntnissen, die er in Studium und Forschung gewann. Und er erzählt, wie in diesen aufregenden Jahren sich ein ganzer Zeitgeist wandelte und auch die Psychologie neue Richtungen einschlug.

Danach könnte man zum Beispiel folgende Gleichungen aufstellen:

Negative Erfahrungen, Misserfolge und so weiter gibt es immer. Doch ob man diese pessimistisch wertet und aufgibt oder nicht, hängt davon ab, wie man sich diese Misserfolge erklärt. Und diese Erklärungen hängen wieder vom eigenen Selbstwertgefühl ab.

Ein Beispiel:

Wer sich für eine Niete hält, wird nach jedem kleinen Rückschlag pessimistisch die Finger von etwas lassen. Warum sich noch mehr quälen, wenn man etwas offenbar sowieso nicht kann. 😉

In einem Interview bin ich gerade nach dem größten Rückschlag meiner Selbstständigkeit gefragt worden. Ganz ehrlich – ich konnte keinen nennen. Und das sicher nicht, weil ich nur rosige Zeiten erlebt habe. Im Gegenteil, die Zeiten waren teils hart. Doch der Unterschied ist: Ich habe sie nie so gesehen.

In anderen Bereichen habe dagegen auch ich meine Anwandlungen von Pessimismus. Und das hängt in der Tat damit zusammen, wo ich ein gutes Selbstwertgefühl habe und wo (noch) nicht (genug).

Oder ein anderes Beispiel:

Unsere Gefühle sind ein Ergebnis unserer Gedanken. Wer die Welt pessimistisch sieht und darüber ins Grübeln gerät und an sich zweifelt, entwickelt schneller eine Depression als andere, die das nicht tun.

Im zweiten Teil schlägt Seligman die Brücke von den Erkenntnissen der Forschung zu ihrer Anwendung in der Praxis.

Konkret nimmt er sich zum Beispiel Versicherungskonzerne vor, deren Vertreter angesichts ihrer Tätigkeit besonders von einer optimistischen Einstellung profitieren könnten. Immerhin müssen gerade sie mit Absagen und genervten Leuten umgehen können. (Haustürgeschäfte, Telefonmarketing und andere Formen aktiven Vertriebs lassen offenbar grüßen.)

Was macht also einen Versicherungsvertreter zu einem guten Vertreter? Begabung und Fachkenntnisse, ja. Aber ganz entscheidend auch Motivation und eine optimistische Grundeinstellung.

Im dritten Teil geht Seligman dann der Frage nach, wie man seinen Pessimismus in Optimismus verwandeln kann. Und er nennt dazu Techniken / Übungen wie etwa, eine Art kontrollierten (positiven) Dialog mit sich selbst zu führen; die eigene (negative) Interpretation von etwas ständig zu hinterfragen; einen Sachverhalt positiv umzuformen (Reframing) und mehr.

Wobei auch der Pessimismus seine Vorteile hat: Er hilft, die Realität ungeschönt zu sehen. Er ist gut, um keine unnötigen Risiken einzugehen und sich besser zu schützen. Ohne ihn gibt es keine (Qualitäts-) Kontrolle und konstruktive Kritik. Und so fort. Am besten ist es, zwischen Optimismus und Pessimismus wechseln zu können. (Also das zu entwickeln, was ich immer so schön das Urteilsvermögen nenne. ;-))

Nur wenn die Waagschale sich zu sehr in Richtung Pessimismus neigt, sind wir wieder bei der Hilflosigkeit, der Handlungsunfähigkeit, der negativen Weltsicht, der Depression, der „Volksseuche“ von oben.

Ich finde das Thema sehr wichtig, dieses Buch beziehungsweise sein Hintergrund war sicher bahnbrechend. Ich habe auch einige Aha-Momente aus ihm ziehen können. Doch aus Lesersicht gesehen hat das Buch für mich zu viel von einer Forschungsarbeit, die sich langatmig mit Dingen beschäftigt, die man auf erheblich weniger Seiten hätte zurechtstutzen können.

So werden diverse Erkenntnisse und Methoden immer wieder auf neue Anwendungsbereiche übertragen. Das macht Sinn, wenn man wissenschaftlich abklopfen will, ob sie auch wirklich überall gelten. In einer Schrift für den reinen Anwender sind das alles eher unnötige Wiederholungen.

Fazit: Wer sich auf eine eher wissenschaftlich anmutende Schrift einlassen möchte, findet hier die Quelle des Gedankenguts, das seit Seligman Eingang in viele Ratgeberbücher gefunden hat.

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 16.07.12

Martin Seligman, Pessimisten küsst man nicht. Optimismus kann man lernen. (München 2001, dt. Erstauflage 1991, am. Original von 1990), 480 Seiten

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