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Die meisten Menschen dürften in ihrem Leben Krisen und Schicksalsschläge erfahren. Doch bei allem Leid steckt darin auch viel Positives. Denn es sind unsere Probleme und Verluste, die uns den Weg zu einem lebenswerten Leben ebnen – wenn wir mit ihnen umgehen können. Der Berater für Persönlichkeitsentwicklung Mary erklärt, wie und warum.

Ich habe in den letzten Jahren schon zwei Bücher des Beraters für Persönlichkeitsentwicklung Michael Mary besprochen. Das liegt daran, dass ich Bücher von Autoren, die mir gefallen, gleich in einem großen Schwung bestelle. 😉

Hier folgt ein weiteres Buch aus diesem „Packen“, das dem Buch „Change. Lust auf Veränderung“ recht ähnlich ist.

Der Klappentext zu „Das Leben lässt fragen, wo du bleibst“ verkündet provokant: „Scheitern macht glücklich – denn es ist die Voraussetzung für Veränderung. Ohne Krisen und Probleme kommen wir nicht weiter.“

Wie schon in „Change“ vertritt Mary hier wieder die These, dass Krisen, Schicksalsschläge, Verluste trotz aller Schmerzen durchaus nützlich sind. Mehr noch, sie seien sogar zwingend notwendig, um Veränderungen, die in uns selbst begründet sind, zu ermöglichen und zu erlauben, sowie mit Veränderungen, die von außen auf uns zukommen, besser fertig zu werden.

Die Kernaussagen von „Das Leben lässt fragen, wo du bleibst“ lauten unter anderem:

  • Ohne Krisen und Probleme gibt es keine Veränderungen und vor allem keine Bereitschaft zur Veränderung. Schließlich ist es einfacher und erträglicher, alles beim Alten zu lassen. Sie sind die Voraussetzung dafür, um sich zu verändern.

(Mary nennt das, etwas werbemäßig formuliert: „Scheitern bringt den Erfolg“. Das ist zwar jetzt nicht ganz passend, denn in seinem Buch geht es eher um „Irritationen“ und die Anpassung daran, weniger ums Scheitern. Doch es trifft den Kern.

Zudem ist Scheitern wertvoll, denn man lernt nur durch Fehler, schwierige Situationen und Probleme. Ohne diese gibt es keine (kaum) Weiterentwicklung.)

  • Dann bezieht Mary sich stark auf die Systemtheorie. Er spricht davon, dass Menschen immer verschiedenen Systemen angehören beziehungsweise Systeme aufweisen. Das können psychische Systeme sein, aber auch Systeme von Beziehungen oder Systeme der Lebensumwelt und ihrer Bedingungen.

    Innerhalb dieser Systeme kommt es immer wieder von selbst zu Veränderungen, man will sie nur nicht wahrhaben. So verändern sich Menschen und wachsen über ihre alten Lebensbedingungen hinaus. „Beziehungssysteme“ (Freundschaften, Partnerschaften und so fort) verändern sich. Und mehr.

    Wenn diese Systeme weiterleben sollen, braucht man eine Krise. Es gibt einen großen Knall, es kommt zu schmerzhaften Verlusten, man „scheitert“. Doch nur so entwickelt man sich, verändert sich und passt sich den Bedingungen an, die sich sowieso schon verändert haben, ob das jetzt eigene oder fremde sind.

(Mary vergleicht das zum Beispiel mit einem Waldboden. Einfach sich selbst überlassen, würde dieser im Laufe der Zeit unfruchtbar werden. Erst Katastrophen wie Sandstürme, Lavaflüsse, Waldbrände und mehr erhalten seine Lebensfähigkeit.)

  • Wenn man aus Krisen lernen will, muss man Folgendes tun:

1) Die „Störung“ (Krise und Co.) wahrnehmen und vor sich zugeben

2) In dieser Störung / Krise einen Sinn für sich finden.

3) Seine Identität wandeln.

4) Sein Verhalten ändern.

Oder am Beispiel eines Extremsportlers, der durch einen Unfall körperlich eingeschränkt ist und seinen Sport nicht mehr betreiben kann:

1) Die Störung zugeben: Die Verluste wahrhaben und zugeben, um Verlorengegangenes trauern.

2) Einen Sinn finden: Das Erlebte nicht nur negativ, sondern auch positiv sehen. (Dem Rollstuhl knapp entronnen zu sein, zu gedankenlos mit seinem Körper umgegangen zu sein, doch es hätte auch noch schlimmer kommen können.)

3) Identitätswandel: Aus einem Draufgänger wird ein Achtsamer, der seine körperliche Unversehrtheit nicht selbstverständlich nimmt.

4) Verhaltensänderung: Der Achtsame braucht den „Kick“ des Extremsportlers nicht mehr. Er geht keine unnötigen Risiken mehr ein; er lebt bewusster, weniger spektakulär.

Beziehungsweise an einem eigenen Beispiel: Ich war früher unter anderem eine viel zu selbstlose Frau. Nach Krankheit und Krise wurde ich eine Frau, die darauf achtet, dass ihre Bedürfnisse besser erfüllt werden oder zumindest nicht dagegen verstoßen wird. Entsprechend habe ich mein Verhalten und mein Leben geändert.

Diesen Ansatz erläutert Mary das ganze Buch hindurch immer wieder an praktischen Beispielen. Dazu beschäftigt er sich mit

  • Veränderungen bei sich selbst
  • Veränderungen in Partnerschaften und Beziehungen
  • Veränderungen in der Gesellschaft und im (Lebens-) Umfeld

Dadurch wird seine Theorie zwar sehr eingängig, bis man sie sozusagen im Schlaf beherrscht. 😉 Aus Lesersicht betrachtet könnte man das Ganze jedoch um einiges kürzen. Auch den anfänglichen Teil zur Systemtheorie finde ich etwas „langatmig“.

Das letzte Kapitel finde ich dann noch einmal sehr schön, um aus seiner Komfortzone und seinen Ängsten vor „Irritationen“, Scheitern, Veränderungen herauszukommen. Denn

  • das Leben ist Unruhe
  • das Leben ist ständig in Bewegung und Veränderung
  • das Leben ist spannend, solange es gefährlich ist (Gefahr bringt Lebendigkeit)
  • der Motor des Lebendigen scheint im Konflikt zwischen Ordnung und Chaos zu liegen
  • die Ängste und Krisen, die sich daraus ergeben, sind der Preis, wenn man ein „lebendiges Leben“ führen will.

Achtung: Das ist kein „locker-flockig“ lesbarer Ratgeber, wie der Titel vermuten lässt. Mary stellt hier eine Theorie vor, die er (zusammen mit seiner Partnerin) erarbeitet hat, und erläutert sie an diversen Beispielen.

Und ganz sicher ist das kein flapsiger Aufruf, Probleme, Krisen und Verluste „cool“ zu nehmen, weil schließlich alles seinen Sinn und Nutzen hat. Doch es hilft umgekehrt, das Leid besser zu ertragen, wenn man seinen Nutzen sieht.

Fazit: Das Leben ist eine fortwährende Kette von „Krisen und Katastrophen“. Das ist normal. Und das ist in gewissem Sinn sogar gut so. Denn nur so bleibt es ein „lebendiges Leben“, ein lebenswertes Leben.

Oder um Rezensionen zu dem Buch zu zitieren: Ein Buch, das mit dem Machbarkeitswahn der heutigen Zeit aufräumt, nach dem man nur positiv denken muss und alles wird möglich. Denn Grenzen und Scheitern sind keine Fehlkonstruktion. Sie sind absolut notwendig für die weitere Entwicklung.

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 14.08.12

Michael Mary, Das Leben lässt fragen, wo du bleibst. Wer etwas ändern will, braucht ein Problem, Bergisch Gladbach 2005, 250 Seiten

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