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Susan Cain, Still. Die Kraft der Introvertierten.

In den USA, aber teils auch bei uns in Europa wird der selbstbewusst auftretende, redegewandte, risikofreudige, extrovertierte Selbstdarsteller geschätzt. Zurückhaltende, stille, introvertierte Naturen haben da einen schweren Stand. Für diese „Stillen“ will die Trainerin Susan Cain eine Lanze brechen. Ihr Buch ist ein „gewichtiges“ Plädoyer für die Bedeutung der „Intros“ in unserer Welt.

Susan Cain war Anwältin in einem Wall-Street-Unternehmen, wo sie diverse Geschäftsdeals begleitete, bevor sie sich als Trainerin für Verhandlungsführung selbstständig machte und eine eigene Beratungsfirma gründete.

Mehrere Jahre hat sie an dem vorliegenden Buch „Still. Die Kraft der Introvertierten.“ gearbeitet, dazu viele Interviews, Ortsbesichtigungen, Studien, Zeitungsartikel, Forenbeiträge und mehr ausgewertet. Dabei ist ein ziemlich „dichtes“, populärwissenschaftliches Buch herausgekommen, das auch von der Seitenzahl her recht umfangreich ist. Man sollte sich etwas Zeit dafür nehmen.

Mit ihrem Buch will sie eine Lanze für die Introvertierten brechen. Gerade in den USA (aber abgeschwächt auch hier in Europa) wird das Ideal der Extraversion exzessiv gepredigt. Der Typ des redegewandten, (vermeintlich) selbstbewussten Selbstdarstellers ist gefragt. Vieles in der modernen Welt ist auf dieses Ideal zugeschnitten. Die zurückhaltendere zweite Hälfte der Menschheit bleibt dabei auf der Strecke, versucht krampfhaft, sich in etwas zu verwandeln, was sie nicht ist, oder glaubt gar, mit ihr „stimme etwas nicht“.

Doch zurückhaltende, ruhige, eben „stille“ Menschen stellen nicht nur die zweite Hälfte der Menschheit. Viele unserer größten Ideen, Kunstwerke, Erfindungen, Unternehm(ung)en und mehr sind ohne sie nicht denkbar.

Diese Menschen sind die Zielgruppe von Susan Cain. Sie trainiert und coacht sie nicht nur in Verhandlungsführung. Sie arbeitet mit ihnen auch an ihrer Persönlichkeit, hilft ihnen, die eigenen Muster zu erkennen und das jeweils Beste daraus zu machen.

Es gibt viele Definitionen für Introvertiertheit und Extrovertiertheit. Doch beide unterscheiden sich vor allem in einem Grund-Merkmal: Der äußeren Stimulation, die sie brauchen, um zu „funktionieren“. Daraus resultieren dann unterschiedliche Vorlieben und Verhaltensweisen bei der Arbeit, im Kontakt mit anderen Menschen und mehr.

Die folgende kleine Aufzählung habe ich Susan Cains „Still“ entnommen, samt der darin enthaltenen leichten Wertung. 😉

Extrovertierte brauchen zum Beispiel den Kick, neue Menschen kennenzulernen, gefährliche Sportarten zu betreiben oder die Musikanlage voll aufzudrehen. Sie nehmen Aufgaben rasch in Angriff, treffen schnelle (auch übereilte) Entscheidungen, haben eine Vorliebe für Multitasking, sind relativ risikofreudig und genießen die Jagd nach Belohnungen wie Geld oder Status. Sie brauchen Aufmerksamkeit, Bestätigung und Lob von außen, wirken zumindest selbstbewusst, dominieren gern, reden gern (manchmal Unbedachtes), sind relativ konflikfreudig, gewinnen neue Energie durch die Gesellschaft anderer Menschen und haben Angst vor Einsamkeit.

Introvertierte pflegen lieber den Kontakt zu einigen wenigen guten Freunden, Kollegen und der Familie, lesen gern in Ruhe ein Buch und sehnen sich nach wenigen Stunden auf einer Party in die heimatliche Stille zurück. Sie arbeiten langsamer und gezielter, haben oft ein hohes Konzentrationsvermögen, gehen gern eine Aufgabe nach der nächsten an, sind sicherheitsorientierter und relativ immun gegenüber den Verlockungen von Reichtum und Ruhm. Sie ziehen Kooperation der Selbstdarstellung oder dem Konkurrenzverhalten von „Extros“ vor, hören mehr zu, als dass sie reden, denken nach, bevor sie sprechen, drücken sich oft besser schriftlich als mündlich aus, mögen keine Konflikte, verabscheuen Small Talk und belangloses Geplauder, sehnen sich nach tiefen, vertrauten Gesprächen, können gut mit sich selbst auskommen und brauchen das Alleinsein, um wieder aufzutanken.

Introvertiert zu sein hat übrigens nichts mit Schüchternheit zu tun. Diese kann für „Intros“ wie für „Extros“ gleichermaßen gelten. Natürlich gibt es diverse Mischungen und Abstufungen beider Persönlichkeitstypen. Zudem sind viele Introvertierte auch hochsensibel. Viele „Hochkreative“ sind introvertiert. Und viele Schriftsteller sind introvertierte Hochsensible. 😉

Gut, zum Buch.

Aus dem Inhalt

Teil 1: Das Ideal der Extraversion

1. Der Aufstieg des „wirklich netten Kerls“: Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde. // Cain erklärt den Wandel von der früheren Charakter- zu unserer heutigen Persönlichkeitskultur. In dieser Kultur ist es wichtiger, etwas darzustellen als jemand zu sein – was zum Ideal der Extrovertiertheit, aber auch zu gravierenden Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstwertproblemen führte, an denen mittlerweile fast jeder leidet.

2. Der Mythos der charismatischen Führung: Die Persönlichkeitskultur heute. // Cain beschäftigt sich ein wenig mit charismatischen Erfolgs- und Motivationstrainern, untersucht die extrovertierte Ausbildung von jungem Führungs-Nachwuchs und trifft sich mit Introvertierten in der stark extrovertierten evangelikalen Bewegung der USA.

3. Eine Überdosis an kreativer Zusammenarbeit: Die Entstehung des neuen Gruppendenkens und die Kraft des Alleinarbeitens. // Viele sehr kreative Menschen sind introvertiert. Cain untersucht, warum Introvertiertheit und Alleinsein gut für die Kreativität sind und warum extrovertierte Gepflogenheiten wie Brainstorming, Gruppendruck oder Teamarbeit dieser schaden.

Teil II: Unsere Biologie, unser Selbst

4. Ist Temperament Schicksal? Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese // Wie hängen Introvertiertheit und Extrovertiertheit mit unserem Nervensystem zusammen? Und warum ist ein „gering reaktiver“, extrovertierter Mensch automatisch zum Beispiel risikofreudiger als der „hoch reaktive“, introvertierte Mensch mit seiner Aversion gegen Neues?

5. Jenseits des Temperaments: Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede für Introvertierte // Wir werden in erheblichem Maße durch unser Gehirn und unsere Gene geprägt. Diese Eigenschaften von sich selbst muss man einfach kennen und akzeptieren. Doch bis zu einem gewissen Grad können wir unsere Persönlichkeit auch „dehnen“ und an angeborenen Mustern arbeiten. (Sogenannte Gummiband-Theorie.)

6. Franklin und Eleanor: die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen // Hier fügt Cain einen größeren Passus über Hochsensibilität ein. Sie bespricht die Vorteile von „Extros“ und „Intros“ und plädiert für eine Mischung oder Balance beider Naturen.

7. Warum die Wall Street zusammenbricht, während Warren Buffett immer reicher wird: Und warum Introvertierte anders denken als Extrovertierte. // Oder: Was die Finanzkrise mit unbesonnenen, belohnungssensitiven, Dopamin- und Euphorie-gefluteten „Glücksjäger-Extros“ zu tun hatte. (Und mit Intros, die sich von ihnen anstecken ließen. ;-))

8. Die Macht der Sanftmut: Das Extravertierten-Ideal in anderen Gesellschaften // Ein Vergleich der Kulturen und ihrer jeweiligen Ausprägung an Introvertiertheit und Extrovertiertheit.

Teil III: Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte

9. Introvertiert in einer extrovertierten Welt: Wann man sich anpassen sollte – und wann nicht // Cain warnt sowohl vor introvertierten wie extrovertierten Extremen. Lieber solle man seine Persönlichkeit ein wenig „dehnen“, sich einen größeren Spielraum an Mustern zulegen und sein Verhalten der jeweiligen Situation anpassen.

10. Die Kommunikationslücke: Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet // Hier gibt es einiges zur Begegnung und Konfliktbehandlung beider Persönlichkeitstypen sowie zu intro- / extro-gemischten Paaren.

11. Über Schuster und Generäle: Wie man stille Kinder in einer Welt erzieht, die sie nicht hören kann // Für viele „Intros“ ist die Jugend der große Stolperstein von geringem Selbstwert und „sozialem Unwohlsein“. Wie Jugendliche damit besser umgehen und wie man die eigene Jugendzeit im Rückblick besser bewertet.

Teil IV: Ergänzung zur Taschenbuchausgabe

12. Die Bedeutung der Introvertierten in einer lauten Welt

13. Tipps für introvertierte Leser: Wenn Sie eine Rede halten müssen

14. Tipps für Eltern eines introvertierten Kindes

15. Tipps für Pädagogen

16. Ein kurzes Interview mit Susan Cain über ihre Leidenschaft für stille Menschen

17. Introvertierte Charaktere in der Literatur

Schluss: Wunderland

Ein relativ umfangreicher Anhang mit einer Begriffs-Definition von Introvertiertheit und Extrovertiertheit, Anmerkungen, Quellenangaben, der üblichen Danksagung und einem Register schließt das Buch ab.

Wie gesagt, „Still. Die Kraft der Introvertierten.“ ist eher eine populärwissenschaftliche Abhandlung, kein Ratgeber im eigentlichen Sinn. Es gibt zwar (vor allem zum Schluss) auch ein paar praxisbezogene Tipps und Handlungs-Ideen, doch das ist die Ausnahme. Ich finde das Buch flott geschrieben, es bringt viele veranschaulichende Beispiele. Ein gelungenes Exemplar des typisch amerikanischen „erzählenden Stils“, wie man ihn auch in vielen anderen Büchern dieser Art findet.

Ich denke, es ist Cain gut gelungen, die anvisierte „Lanze für die Introvertierten“ zu brechen. Mehr noch: Dieses Buch hilft „Intros“ wie „Extros“, sich selbst und den anderen besser zu verstehen und wertzuschätzen. Das Gewicht liegt leicht auf der positiven Herausstellung der Introvertierten – aber das versteht sich bei dem Schreibziel von selbst. 😉

Fazit: Eine schöne Einführung in die Welt der „Stillen“ und ein Plädoyer für ihre Bedeutung.

© 2014 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 09.03.14

Susan Cain, Still. Die Kraft der Introvertierten. München 2013 (am. Original 2011), 464 Seiten

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