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Till Bastian, Seelenleben. Eine Bedienungsanleitung für unsere Psyche.

Die Zahl psychischer oder psychosomatischer Erkrankungen steigt. Die Menschen werden mit den Anforderungen des modernen Lebens nicht mehr fertig. Die Folge: Ihre Seele streikt und der Körper leidet. Der Arzt und Psychotherapeut Bastian hat ein Buch geschrieben, wie wir gut für unsere Seele sorgen und sie besser „bedienen“.

„Bedienungsanleitungen“ scheinen im Moment „in“ zu sein. Jedenfalls hat schon Gerald Hüther mit Erfolg dieses Konzept in seiner „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ benutzt.

Das ist zwar verkaufstechnisch durchaus geschickt, verspricht es doch einen handlichen, leichten Umgang mit dem, was da angewandt werden soll. Doch es hat auch den Nachteil, dass mancher Leser – ich zum Beispiel 😉 – dann gewisse Erwartungen hat, die unter Umständen nicht erfüllt werden.

In diesem Fall wäre das, genau gesagt zu bekommen, wie meine Seele funktioniert und was ich für sie tun kann, damit ich sie besonders gut „bediene“. Immerhin hat Bastian mit seinem „Seelenleben“ diese Anforderung des „wie bediene ich etwas“ für mich schon besser getroffen als Hüther.

Worum geht es? Bastian ist Arzt und Psychotherapeut. Und als solcher beobachtet er: Die Anzahl seelischer Erkrankungen steigt seit Jahren permanent an. Längst haben psychische oder psychosomatische Krankheiten frühere „Top-Kandidaten“ wie Gelenk- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen überholt und hinter sich gelassen.

Das sei auch kein Wunder angesichts der Herausforderungen, die unser Leben zunehmend an uns stelle. Schlagworte wie sozialer Wandel, Informationsflut, der Schrei nach immer mehr – immer schneller – immer besser … Der Mensch und seine Psyche seien auf dieses permanente „hochtourige Fahren“ nicht eingerichtet. Die Folge: Die Gefahr, aus der Kurve zu fliegen und einen Unfall zu bauen, steigt.

Nur: Um unseren Wagen – um im Sprachbild und dem Vergleich mit einem Auto zu bleiben – kümmern wir uns wenigstens noch. Und wir gehen brav zur Fahrschule, um fahren zu lernen. Wer aber kümmert sich um seine Seele und lernt, wie er diese besser „fährt und bedient“?

Wohlgemerkt: Bastian richtet sich mit seinem Buch nicht an psychisch Kranke. Die brauchen andere Hilfe. Er hat den „seelischen Normalverbraucher“ vor Augen, der mit den Wechselfällen des Lebens besser umgehen will und muss.

Zum Inhalt:

Seele und Alltag: Bastian steigt hier mit einigen Betrachtungen zur heutigen Lage in das Thema ein. Zudem geht er auf einige Stärken der menschlichen Seele ein, die gleichzeitig zur Schwäche werden können. Das kann zum Beispiel unsere Fähigkeit sein, uns zu erinnern, die uns stärker in der Vergangenheit leben oder ihre Schmerzen deutlicher spüren lässt. Es kann auch unsere Fähigkeit sein, zu antizipieren und die Zukunft vorwegzunehmen, die uns in diverse Ängste, Sorgen und Panik ausbrechen lässt.

Seele und Tempo: Wir sind eine „Spaßgesellschaft“ geworden, die ihre Sterblichkeit verdrängt und stattdessen dem Kult des „immer mehr“ anhängt. Das führt dazu, dass viele sich mit der Frage, wie sie eigentlich ihr Leben verbringen wollen, nie beschäftigt haben. Wir müssen erst wieder lernen, uns zu entspannen, uns leere Räume zu schaffen, das Leben zu genießen.

Seele und Heimat: Ständige Bewegung tut uns nicht gut. Wir brauchen ebenfalls einen Ruhepol, eine Heimat, einen „sicheren Ort“. Doch viele soziale Strukturen und Bindungen brechen weg. Was uns früher Halt gegeben hat, verliert oft seinen Sinn. Wir müssen erst noch lernen, uns unsere „sicheren Orte“ auf andere Weise zu suchen. Ja, es muss noch nicht einmal ein „Ort“ im Wortsinn sein. Es kann zum Beispiel der eigene Körper, die eigene Identität oder die Natur sein.

Seele und Miteinander: Viele frühere soziale Bindungen fallen weg. Das befreit zwar, führt aber auch zu Vereinsamung und Angst. Stattdessen schaffen wir uns heute ein Netzwerk von „schwachen Beziehungen“, wir tummeln uns in sogenannten „sozialen Netzwerken“. Doch echte Bindungen entstehen dabei nicht.

Seele und „Kohärenz“: Wie stärken wir unsere Widerstandskraft? Wie erkennen und fördern wir unsere Ressourcen? Wie gehen wir mit Krisen oder Krankheiten um? Wie werden wir unabhängiger und „lebenstüchtiger“? Wie werden wir „eigen-sinniger“ und auf uns selbst bedachter?

Seele und Sinn: Wie das moderne Leben ist auch unser „innerer Navigator“ komplizierter geworden. Welchen Normen und Werten gilt es zu folgen? Wie bilden wir unsere eigenen Werte aus? Welche Ideale sind noch nützlich, und mit welchen schaden wir uns?

Seele und Stille: Wir sind nicht für den ständigen „Lärm“ geschaffen, in dem wir für gewöhnlich leben. Wir müssen erst wieder lernen, still zu werden, uns Muße zu gönnen und uns selbst zu hören.

Seele und Glück: Können wir je glücklich sein? Schließlich wissen wir als einziges Lebewesen um unseren Tod. Die Angst ist, als Folge unserer Vorstellungskraft, unser ständiger Begleiter. Wir müssen selbst den Sinn und das Ziel unseres Lebens definieren. Und wir müssen die Fähigkeit entwickeln, das wahre Glück zu sehen, statt äußeren Werten und Dingen hinterherzuhetzen.

Ein Anmerkungs-Apparat und ein Literaturverzeichnis schließen das Buch ab.

Ich finde den Inhalt von Till Bastians „Seelenleben“ sehr gut, wenn auch anspruchsvoll geschrieben. Der Leser sollte sich unbedingt auch für den psychologisch-philosophischen Unterbau interessieren, nicht nur Patentrezepte und schnelle Antworten haben wollen. Diese muss er sich nämlich – so wie ich es oben angedeutet habe – selbst rausziehen.

In diesem Sinne hätte ich die „Bedienungsanleitung für die Psyche“ noch stärker wie eine Anleitung geschrieben. Doch das ist, wie gesagt, ein Problem des Untertitels und der Erwartungen und Assoziationen, die er wecken kann.

Stellenweise hätte ich Fach-Vokabular herausgenommen oder besser erklärt. Und vor allem das Kapitel über die „Mentalisierung“ beim sozialen Miteinander finde ich zu kompliziert.

Fazit: Eine mitunter anspruchsvolle Kost für ein wichtiges Thema. Wer sich darauf einlässt, bekommt genug Futter, um über seine eigene Seele zu reflektieren und sie ganz praktisch zu warten und zu „bedienen“. 😉

© 2012 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 13.03.12

Till Bastian, Seelenleben. Eine Bedienungsanleitung für unsere Psyche, München 2010, 190 Seiten

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