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Wilhelm Schmid, Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden.

Älter zu werden ist nicht leicht. Altern, Vergänglichkeit und nahender Tod werfen ihren Schatten auf diese Lebensphase. Gelassenheit kann helfen, sie leichter zu bestehen. Umgekehrt kann aber auch eine älter werdende Bevölkerung der Gesellschaft mehr Gelassenheit geben. Der Philosoph Schmid zeigt Wege zu mehr Gelassenheit im Alter.

Wilhelm Schmid ist freier Philosoph. Er lehrt Philosophie an der Uni Erfurt, war viele Jahre Gastdozent im Ausland, hält Vorträge und ist „philosophischer Seelsorger“ an einem Krankenhaus in der Nähe von Zürich.

Mit 50 hielt er einen Vortrag über das Älterwerden. Als Modell hatte er die Gelassenheit seiner Mutter vor Augen, mit der diese selbst älter wurde. Doch von seinen Zuhörern bekam er zu hören, dass das zwar ein netter Vortrag sei, er aber ja wohl kaum nachvollziehen könne, wovon er rede.

Als er 60 wurde, merkte er, dass das mit der Gelassenheit gar nicht so einfach ist. Alle gedankliche Vorbereitung könne die Erfahrung nicht vorwegnehmen, wie sich das anfühle, wenn es ernster wird. Mehr als je zuvor fühlte er sich mit der Vergänglichkeit konfrontiert, mit der Traurigkeit über den Abschied von den Jahren, die nicht mehr wiederkommen.

Mit dem eigenen Altern leben zu lernen wird heute zu einer neuen Lebensaufgabe. Was einst selbstverständlich war, müsse heute oft erst neu gelebt werden: Eine „art of aging“ statt eines „anti-aging“, also eine Kunst des Älterwerdens, statt dagegen anzuleben. Für ältere Menschen bedeute Lebenskunst immer mehr, mit den Herausforderungen dieser Lebensphase so zurechtzukommen, dass das Leben schön und bejahenswert bleibe.

Welchen Sinn hat überhaupt das Älterwerden? Schmid versucht, dem Altern mit der Sinnfrage einen Reiz abzugewinnen. Ein natürlicher Sinn könne es sein, sich allmählich an die Tatsache gewöhnen zu können, dass das Leben sich neigt. Das Leben zu feiern, die reife Fülle des Lebens zu erfahren, so lange es währt – und sich auf dessen zeitliche Grenze vorzubereiten. Ein natürlicher Sinn könne es auch sein, dem neuen heranwachsenden Leben beizustehen und Erfahrungen weiterzugeben. Ein kultureller Sinn könne es sein, Ressourcen zu entdecken, die das Leben leichter und reicher machen, wie etwa die Gelassenheit.

Diese Gelassenheit, in der Antike noch geschätzt, ist in der heutigen Welt oft in Vergessenheit geraten, Entwicklungen und Werte der Moderne laufen ihr zuwider. Doch gerade das Älterwerden könnte für sie wie geschaffen sein.

Zum einen wird Gelassenheit insbesondere beim Älterwerden gebraucht, wenn das Leben schwieriger und ärmer zu werden droht. Zum anderen ist sie Schmid zufolge vielleicht überhaupt erst im Laufe des Älterwerdens möglich: Wenn nicht mehr alles im Leben auf dem Spiel stehe, wenn die Hormone sich etwas beruhigt hätten, wenn der Schatz der Erfahrungen größer und die Einschätzung von Menschen und Dingen treffsicherer geworden sei.

Mit seinem Buch spürt Schmid Dingen nach, die einem mehr Gelassenheit bescheren und zwar vor allem mehr Gelassenheit im Alter bescheren.

Seine zehn Schritte zur Gelassenheit sind:

  • Den Zeiten oder Phasen des Lebens die Zeit zu geben, die sie sich ohnehin nehmen.
  • Um die Eigenheiten des Älterwerdens zu wissen, ihnen gegenüber aufgeschlossen zu sein.
  • Gewohnheiten zu pflegen, die das Leben leichter machen.
  • (Bescheidene) Lüste bewusst zu genießen, auf diese Weise Glück zu erfahren.
  • Seine Hinnahmefähigkeit zu stärken, um mit Schmerzen und Unglück besser umzugehen.
  • Berührungen zu suchen, um Nähe zu spüren.
  • Sich um berührende bejahende Beziehungen zu kümmern, Liebe und Freundschaft zu suchen, um in ein Netz eingebunden zu sein.
  • Besinnung, Sinn und Zusammenhang zu suchen, um heiter und gelassen zu sein.
  • Eine Haltung zum näherrückenden Tod zu finden, um mit ihm leben zu können.
  • Sich in einer Unendlichkeit geborgen zu wissen.

Wie gesagt, geht es Schmid nicht um eine allgemeine Gelassenheit, sondern um die Verknüpfung von Gelassenheit und Älterwerden. Seine Schritte für mehr Gelassenheit sind in hohem Maße Schritte für Älterwerdende, um beim Altern gelassener zu sein. Zumindest ich hatte beim Titel teils andere Assoziationen, verstand ihn als: Indem man älter und reifer wird, kann man auch gelassener werden. Doch das ist hier nur bedingt gemeint.

Diese Schritte haben auch kein übliches Tipp-Format à la „tun Sie dies, tun Sie das“, also etwa „pflegen Sie Ihr soziales Netz, um dem Alter gelassener gegenüber zu stehen“. Sie bestehen eher aus Schmids Gedanken plus gelegentlicher Einwürfe aus Philosophie und anderen Disziplinen. Darauf sollte der Leser sich einlassen können.

Wer das kann, bekommt ein schönes Buch mit klugen Gedanken. Vereinzelte persönliche Beispiele, die Bereitschaft zur Selbstkritik sowie ein nachdenklicher Ton machen den Autor für mich sympathisch und menschlich. Man merkt Schmid seine Auseinandersetzung mit sich selbst an. „Hau-Drauf-Durchhalte-Parolen“ sucht man hier glücklicherweise vergebens.

Ob man Schmids zehn Schritten nun zustimmt oder sie abwandeln beziehungsweise ergänzen wollen würde, bleibt, wie immer, jedem selbst überlassen.

Ein anspruchsvolles, aber verständlich geschriebenes Buch mit einem interessanten Ansatz.

Fazit: Eine älter werdende Bevölkerung kann der Gesellschaft mehr Gelassenheit geben. Und sie selbst kann von der Gelassenheit fürs Älterwerden profitieren.

© 2017 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 12.07.17

Wilhelm Schmid, Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Berlin 2015 (15. Auflage von 2014), 119 Seiten

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