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In der Stille könnte es geschehen, dass wir von uns hören

Warum können wir nicht mit uns allein sein? Warum können wir die Stille so wenig ertragen, dass wir sie mundtot machen müssen? Lesen Sie, wie Sie Stille und Alleinsein nutzen, um sich selbst besser zu erkennen.

In der Stille könnte es geschehen, dass wir von uns hören.
(Anke Maggauer-Kirsche, dt. Lyrikerin)

Montagmorgen im Büro. Das letzte Wochenende wird analysiert. Das nächste geplant. Der Kalender gezückt. Wer auf sich hält, ist mindestens drei Monate im voraus ausgebucht. (Nebenbei: Wer nicht auf sich hält, hält sich lieber bedeckt.) Hektischer Aktionismus ist angesagt, bis auch die letzte freie Zeile getilgt ist. Erst dann hört man kollektives Aufatmen. Das Wochenende ist gerettet.

Ist es das?

Ist das Wochenende gerettet oder ist man vor dem Wochenende gerettet? Vor der freien Zeit und der Frage, was man mit ihr anfangen soll. Vor allem aber vor der Frage, was man mit sich selbst anfangen soll.

Wer keine Kinder und Familie hat, die er in den Park schleppen kann (oder zu diesem Zweck ausleihen kann), wer nicht bei den Altherren spielt oder zu den Kegelbrüdern gehört, wer nicht über einen Gewehr-bei-Fuß stehenden Freundeskreis verfügt oder sich für sein nächstes Dating rührt, der hat ein Problem.

Wenn es ganz dicke kommt, ist so jemand allein. Allein mit sich und seinen Gedanken. Und das geht nun wirklich nicht. Man könnte sie ja hören.

Also ist wieder Aktionismus angesagt. Werden Filme ausgeliehen, sich durch TV-Sender gezappt, Bücherstapel gewälzt oder im Internet gesurft. Wenn die Medien für eines gut sind, dann dafür, Zeit zu verlieren. Die Inhalte spielen da gar keine Rolle.

Warum können wir eigentlich nicht mit uns allein sein? Warum können wir die Stille so wenig ertragen, dass wir sie mundtot machen müssen?

Haben Sie mal darüber nachgedacht? Wenn nicht, dann tun Sie es jetzt.

Stopp! Lesen Sie nicht weiter. Denken Sie. Tun Sie etwas für Ihr Geld.

(Ach nee, falscher Film. Das kostet hier ja nichts. ;-))

Also, schnappen Sie sich Stift und Papier und überlegen Sie:

1. Was fällt mir zu dem Wort Stille ein?

2. Was hat das mit mir zu tun?

3. Wie fühle ich mich dabei?

Mir ist dazu folgendes eingefallen:

Wenn wir unter Menschen, Freunden, Partnern sind, sind wir eingebettet in die Gesellschaft. Wir fühlen uns sicher, akzeptiert. Wir kennen unsere Rollen.

In der Stille sind wir vor allem eines: Auf uns selbst gestellt. Da gibt es niemanden, der uns sagt, wer wir sind und was wir tun sollen. Niemanden, der unsere Gedanken füllt. Niemanden, über den wir uns identifizieren und als Teil der Welt sehen.

In der Stille und im Alleinsein werden wir auf uns selbst zurückgeworfen. Auf den Kern unserer selbst. Und das ist für viele ein Problem.

  • Wir haben nicht gelernt, auf uns zu hören, denn wir sind viel zu beschäftigt damit, auf andere zu hören.
  • Wir haben nicht gelernt, uns selbst zu sehen, denn wir sind viel zu beschäftigt damit, uns in anderen zu sehen.
  • Wir wissen nicht, wer wir sind und was wir wollen, denn wir sind viel zu beschäftigt damit, das zu tun, was andere (vermeintlich) von uns wollen.

Kein Wunder, dass wir überfordert sind, wenn wir plötzlich mit uns selbst konfrontiert werden.

Da kann sogar ein harmloser Samstagabend zur Herausforderung werden. Keine vertraute Routine, die Sie durchlaufen können. Statt dessen lästige kleine Stimmen im Kopf, die Sie unverschämterweise mit Fragen heimsuchen:

Wer bin ich? Was will ich? Was mache ich hier? Was ist das für ein Leben? Bin ich zufrieden mit meinem Leben? Was habe ich erreicht in meinem Leben? Ist das alles oder kommt da noch mehr? Und so weiter, und so fort.

Mit anderen Worten: In der Stille schaltet Ihr Verstand einen Gang höher (oder tiefer, je nach Sichtweise :-)) und begibt sich in Regionen, die Sie im Alltag nur selten aufsuchen. Die Stille stellt Ihnen Fragen, die Sie ansonsten mitunter tunlichst meiden.

Besonders perfide: Die Antworten und Lösungen müssen aus Ihnen selbst kommen. Das Vertrauen muss aus Ihnen selbst kommen. Niemand hält Ihnen einen Spiegel vor, wenn nicht Sie selbst.

Und doch:

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Weisheit. Selbstvertrauen ist die Quelle unserer Kraft.

Sie müssen ja nicht gleich in die Wüste gehen. Ein Abend pro Woche, den Sie mit sich selbst verbringen, eine Woche im Monat, die Sie ohne Fernsehen verbringen, ein Monat im Jahr, den Sie ohne irgendwelche Medien verbringen.

Die Methode ist egal. Wichtig ist nur, dass Sie die Stille suchen, um sich selbst zu finden. Sie wissen schon: Wer hören will, muss fühlen. Ach nee, schon wieder falscher Film. 😉

© 2006 Heike Thormann, Erstveröffentlichung Juni 2006

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