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Die Angst vor dem Scheitern

Die Angst vor dem Scheitern kann jeden treffen: Ob Selbstständige, Kreative oder „ganz Normale“. Aber wer nicht schreibt, zeichnet, musiziert oder handelt, um nur nicht zu versagen, zahlt mitunter einen hohen Preis. Lesen Sie fünf Tipps, was Sie gegen Ihre Angst, zu scheitern, tun können.

Vor Jahren habe ich für ein Magazin einmal etwas über das Wort von der „german angst“ geschrieben, das unter unseren Nachbarstaaten kursiert. Und ich habe die Frage gestellt, ob wir Deutsche ein Volk von Ängstlichen sind. Ob das etwas ist, was uns vor anderen kennzeichnet.

Nun, eine definitive Antwort kann ich Ihnen nicht geben. Aber eines scheint in der Tat ein „deutsches (das heißt, hier überproportional hoch vertretenes) Problem“ zu sein: Die Angst vor dem Scheitern.

Dazu muss man sich nur zum Beispiel Untersuchungen zum Thema Unternehmensgründung ansehen. In kaum einem anderen Land lassen sich so viele Menschen durch die „Angst zu scheitern“ davon abhalten, sich selbstständig zu machen, wie hier.

Dieses extrem hohe Sicherheitsdenken ist teilweise historisch bedingt. Es sagt aber auch etwas über die Werte unserer Gesellschaft aus. Denn während man sich in anderen Ländern nach einer Bauchlandung aufrappelt und es von neuem versucht, ist man hier als Versager stigmatisiert. Kein Wunder, dass sich das kaum jemand freiwillig antun will.

Es scheint weniger der Versuch wichtig zu sein, als vielmehr der Erfolg. Und Erfolg wird offenbar als etwas gesehen, was makellos und ohne Blessuren zu sein hat. Kein Wunder auch, dass kaum jemand freiwillig über seine Angst spricht. Misserfolg und Angst sind tabu. Sie passen nicht zum Bild des erfolgreichen, strahlenden „Gewinners“.

Umso mehr ehrt es mich, wenn meine Teilnehmer offen über ihre Ängste reden. Über die Angst, als Selbstständige zu scheitern, als Schriftsteller zu versagen, als Kreative nicht zu genügen.

Sie wiegen sich in Sicherheit, indem sie dem, was ihnen Angst einjagt, aus dem Weg gehen. Sie ziehen den (fatalen) Schluss: Solange ich etwas nicht tue, kann ich noch hoffen, damit erfolgreich zu sein. Erst wenn ich es tue, riskiere ich es, zu scheitern.

Und ja, wer zum Beispiel nicht schreibt, ist zunächst in Sicherheit. Aber der Preis, den wir dafür zahlen, ist hoch.

Meistens hilft es meinen Teilnehmern dann schon, wenn sie von anderen Teilnehmern oder mir selbst erfahren, dass wir alle ebenfalls an Ängsten leiden. Warum sollte man sich schließlich für etwas schämen, was völlig normal ist?

(Unter uns, ich würde ja eher denjenigen für einen pathologischen Fall halten, der „ausziehen muss, um das Fürchten zu lernen“, wie es ein Märchen so schön nennt. ;-))

Die Frage ist allenfalls, ob ich mich von meiner Angst aufhalten lasse oder nicht. Deshalb habe ich hier ein paar Tipps für Sie, wie Sie besser mit Ihrer Angst vor dem Scheitern umgehen können. Mein Dank gilt den Teilnehmern meines Selbstmotivationskurses, die mit ihren Erfahrungen und Ideen dazu beigetragen haben.

1. Vorbeugen und Kraft schöpfen

Das ist sozusagen die handlungsorientierte Art, mit der Angst vor dem Scheitern umzugehen.

Gehen Sie zum Beispiel im Kopf alle Möglichkeiten durch. Halten Sie fest, was getan werden muss, aber auch getan werden kann. Beugen Sie eventuellen Katastrophen vor, indem Sie Ihre Möglichkeiten, darauf zu reagieren, durchspielen. Das ist zwar ein bisschen umständlich, aber dafür kann man dann einigermaßen ruhig schlafen.

(Und nebenbei: Das ist auch ein Grund, warum ich Pläne so sehr liebe. Denn Pläne geben einem Sicherheit und Halt. Sie müssen nur flexibel genug sein, sie auch wieder umzustoßen oder anzupassen, wenn es Not tut. ;-))

Sorgen Sie für einen gut bestückten Handwerkskoffer an Techniken und Methoden. Wissen ist nicht nur Macht. Wissen und Know-how helfen auch aus der (gefühlten) Ohnmacht heraus und versetzen einen in die Lage, zu handeln.

Halten Sie sich auch ähnliche Situationen vor Augen, die Sie in der Vergangenheit bereits erfolgreich bewältigt haben. Das motiviert und gibt Selbstvertrauen.

Und wechseln Sie die Brille: Starren Sie nicht gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange auf Ihr eventuelles Versagen. Malen Sie sich lieber in allen Farben aus, was Sie gewinnen, wenn Sie doch noch in die Puschen kommen. Das treibt an.

2. Rekapitulieren und Lernen

Okay, es ist passiert: Sie sind gescheitert. Das ist nicht schön und kann sogar ausgesprochen hässlich sein, ich weiß. Trotzdem, gehen Sie jetzt bitte nicht in Deckung, kasteien sich selbst und versuchen es nie wieder.

Sehen Sie Ihr Scheitern auch als Chance. Lernen Sie aus Ihren Fehlern. Sowohl fachlich als auch persönlich. Verbessern Sie Ihr Know-how, entwickeln Sie mehr „Fehlertoleranz“ und Gelassenheit, schrauben Sie Ihre oft unmenschlich hohen Ansprüche an sich selbst zurück.

Und wer weiß, manches Scheitern bringt Sie vielleicht erst auf die „eigentliche“, die „richtige“ Idee, stellt die Weichen für den „richtigen“ Weg.

Wenn Ihre humoristischen Einlagen niemanden zum Lachen bringen, aber Sie gut darin sind, große Gefühle auszudrücken – warum dann nicht das Fach wechseln und weitermachen?

So gesehen würden Sie sich auch um solche Chancen bringen, wenn Sie aus Angst vor dem Scheitern gar nicht erst losgehen.

3. Anzweifeln und Hinterfragen

Die Angst zu versagen sitzt oft schon von Kindesbeinen an in uns. Vielleicht haben wir gelernt, dass wir nicht scheitern dürfen, weil wir dann nicht liebenswert sind.

Oder wir zweifeln an unserem Wert und sehnen uns nach Bestätigung durch andere Menschen und äußeren Erfolg. Gleichzeitig führt diese Sucht nach Anerkennung aber dazu, Ablehnung und Misserfolge zu fürchten. Und weil wir ein solches Scheitern fürchten, fangen wir gar nicht erst an oder hören bei den kleinsten Schwierigkeiten wieder auf. Ein Teufelskreis.

Besser wäre es, den Glaubenssatz „wer ein Versager ist, ist nicht liebenswert“ anzugehen. Oder an der fixen Idee zu arbeiten, minderwertig zu sein. Dann ist ein Scheitern auch kein Urteil über einen selbst, sondern nur eine Phase im Lauf der Dinge.

Schlimmer noch: Oft genug reden wir es uns schlicht selbst ein, dass andere Menschen uns nicht mehr lieben, wenn wir versagen. Ob diese Überzeugung stimmt, wissen wir aber nicht, denn wir haben es nie ausprobiert. So dass auch diese Idee letzten Endes eine fixe Idee ist.

Und selbst wenn einzelne Menschen tatsächlich ein Versagen mit einem Liebesentzug bestrafen sollten: Wer zwingt uns, uns diese Menschen zum Vorbild und Maßstab zu nehmen? Wer zwingt uns, ausgerechnet auf diese Menschen zu hören?

Und wenn Sie schon beim Hinterfragen sind: Machen Sie gleich bei den gesellschaftlichen Werten weiter, die wir mit der Muttermilch aufgesogen haben oder die uns von Medien und Nachbarn in unsere Wohnzimmer getragen werden, und die wir nur allzu oft kritiklos übernehmen.

Machen Sie beispielsweise bei den oben erwähnten Tabus weiter, gegen die sich kaum jemand wehrt und die doch nur beliebig sind. Denn, wie gesagt, während ein Scheitern hier einem Stigma gleichkommt, ist es in anderen Ländern ein Ansporn, sich aufzurappeln und es neu zu versuchen.

4. Wachsen und Gedeihen

Apropos Denkmuster: Vergessen Sie auch nicht, an sich selbst zu arbeiten. Erlauben Sie sich, zu wachsen und zu gedeihen.

Wie gesagt, Angst vor dem Scheitern beruht nicht zuletzt auf unseren unmenschlich hohen, überzogenen Ansprüchen an uns selbst.

Es ist meines Erachtens nichts dagegen einzuwenden, ehrgeizig zu sein, seine Fehler und Schwächen ausmerzen und besser werden zu wollen.

Aber gefährlich wird es, wenn wir uns nicht als Wachsende begreifen, sondern nur als Vollendete akzeptieren.

Wenn man so will, ist die Angst vor dem Scheitern auch eine Frage des Bildes von mir selbst: Erlaube ich mir, zu wachsen? Erfreue ich mich daran? Sehe ich das als Teil meiner Kunst?

Oder will ich eine statische, perfekte Größe sein? Wo aber ist dann die Kunst? Was ist kunstvoll daran, statisch und perfekt zu sein? 😉

5. Umdeuten und Lösen

Nicht zuletzt möchte ich provozierend fragen, ob es überhaupt ein Scheitern gibt.

Und damit meine ich gar nicht mal „Passungs-Probleme“, Missverständnisse und so weiter, die, sagen wir, einen Auftrag oder Artikel zu einem „Fiasko“ werden lassen. Ein Briefing war vielleicht nicht konkret genug, so dass der Kunde jetzt unzufrieden ist. Die Geschmäcker sind verschieden, so dass der Artikel gar nicht gefallen kann. Und Ähnliches mehr. Für all das gibt es Lösungen für die Zukunft.

Nein, ich meinte eher, dass es ein Scheitern nicht gibt, weil alles dazu beiträgt, dass ich das bin, was ich bin, dass ich lerne und wachse. (Jedenfalls, solange ich auch daraus lerne.) Die Herausforderung wäre wohl, sich all die Dinge bewusst zu machen, die man immer aus etwas für sich mitnehmen kann.

Scheitern und Versagen sind Einstellungsfrage. Sie beruhen auf dem, was ich glaube. Halte ich etwas für einen Misserfolg, dann ist es auch einer. Sehe ich stattdessen seinen Beitrag für meine persönliche Entwicklung, kann ich ihn unter den Aktiva verbuchen und weitergehen. Ich selbst bestimme, ob ich mich für einen Gewinner halte oder nicht.

Vielleicht kennen Sie die Geschichte von der Glühbirne und den vielen Versuchen und Verbesserungen, die es gekostet hat, bis sie das war, was sie heute ist?

Die Glühbirne zeigt, dass es kein Scheitern gibt, lediglich ein ständiges Weitergehen und Entwickeln. Nur anfangen, das müsste man halt schon. 😉

Ich wünsche Ihnen ein schönes, gutes, gesundes Jahr 2010. Ein Jahr voll Hoffnung und Mut für all Ihre Ideen und Projekte. Denn noch einmal, ein Scheitern gibt es nicht. Mmh? 😉

© 2009 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 28.12.09

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