Wie Sie Blockaden durch Verfremdung lösen
21. Januar 2010 von Heike Thormann
In meinem Kurs „Schreiben Sie die Geschichte Ihres Lebens“ setze ich gern Verfremdungen zur Perspektiverweiterung ein. Meine Teilnehmer sollen blinde Flecken leichter überwinden, indem sie die Perspektive wechseln und sich aus anderen, fremden Augen betrachten.
Schließlich gibt es, aller Anstrengungen zur Selbstwahrnehmung zum Trotz, genug Seiten an uns, die andere besser sehen als wir. Diese Seiten mögen durch die Interpretation der anderen von der „Wirklichkeit“ abweichen. Dennoch sind sie da. Und jenseits der Interpretation steckt oft ein wahrer Kern.
Natürlich wäre es möglich, andere Menschen einfach nach ihrer Beobachtung zu fragen, und sich seinen Teil rauszuziehen. Viele von uns haben aber ein Problem mit der „Kritik“ durch andere. Unsere Mitmenschen halten mit ihrer Meinung hinterm Berg, weil sie uns nicht verletzen oder gegen sich aufbringen wollen. Und manchmal ist schlicht keine zweite Meinung greifbar. In dem Fall helfen Verfremdungstechniken.
Mit Verfremdungen kann man aber auch Blockaden lösen. Wobei ich mich der Einfachheit halber auf die verbreiteten Schreibblockaden beziehe. Das Gleiche gilt auch für viele andere kreative Tätigkeiten. Ja, teilweise hilft es sogar bei anderen emotionalen oder mentalen Blockaden.
Nehmen wir an, Sie leiden an einer Schreibblockade. Sie wollen schreiben – aber nichts geht. Versuchen Sie dann folgendes:
A. Verfremden und zurücktreten von sich selbst
Mildern Sie den Druck, unter den Sie sich setzen oder gesetzt fühlen, indem Sie von sich selbst als Autor zurücktreten. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie würden unter einem Pseudonym schreiben. Oder stellen Sie sich vor, dass nicht Sie, sondern Ihr Alter Ego, Ihr Koch oder der Nachbarn schreiben. Wenn Sie für Ihr Schreiben nicht „haftbar“ gemacht werden können, kann das manche Blockade lösen.
Nebenbei, wer weiß, vielleicht profitieren Sie sogar doppelt von dieser Art der Verfremdung. Einmal durch die Auflösung der Blockade. Aber auch, indem Inhalt und Stil Ihrer Texte durch die „fremden Augen“ an Reichtum und Tiefe gewinnen. Schließlich wird Ihr Nachbar anders schreiben als Sie. Wenn Sie es schaffen, in seine Haut zu schlüpfen, wäre das ein Gewinn für Ihr Schreiben.
B. Verfremden und zurücktreten von der Tätigkeit
Auch hier geht es darum, Druck rauszunehmen und sich weniger hohen Anforderungen ausgesetzt zu sehen. (Und von ihnen blockiert zu werden.) Verfremden Sie einfach Ihre Tätigkeit. Sagen Sie sich zum Beispiel: Ich schreibe (zeichne, musiziere, beliebig zu ergänzen) ja gar nicht wirklich. Ich spiele nur. Das ist hier alles ein großes Spiel. Wenn’s nichts wird, ist das nicht schlimm, denn es war ja sowieso nur ein Spiel.
C. Verfremden und zurücktreten vom Publikum
Waren oder sind Sie fleißiger Tagebuchschreiber oder Briefeschreiber? Dann müssten Sie das Phänomen kennen, dass ein “freundlicher Ansprechpartner” das Schreiben ungemein erleichtern kann. Wenn Sie an einer Blockade leiden, dann stellen Sie sich vor, Sie würden an ein heißgeliebtes Tagebuch oder an einen Freund schreiben. Dieser Trick kann Ihnen übrigens auch helfen, wenn Sie in Angst und Schrecken vor Ihren Kritikern leben.
Denken Sie daran: Da draußen wartet kein Millionenpublikum auf Sie und Ihre Texte. (Bilder, Handlungen pp.) Es ist nur Ihre geduldige bessere Hälfte oder der neugierige Brieffreund.
D. Verfremden und zurücktreten vom Inhalt
Und noch ein letzter Verfremdungstrick. Stellen Sie sich vor, dass Sie nicht Text A schreiben, von dem vielleicht viel abhängt. Nein, Sie schreiben nur einen völlig harmlosen Text B. Und die Helden oder Protagonisten in Ihrem Text B erzählen oder schreiben den “eigentlichen” Text A. Beispiel gefällig? Denken Sie an die Märchen aus 1001 Nacht und die Rahmengeschichte der Scheherazade, die dem Kalifen Geschichten erzählt.
Lesetipp: Mehr zum Thema Selbsterkenntnis und Verfremdung lesen Sie zum Beispiel in meiner Übung Selbstbild und Fremdbild. Und weitere Hilfe gegen Schreibblockaden finden Sie in meinen 9 Tipps, wie Sie Ihre Schreibblockade überwinden.
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