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Wie Sie besser schreiben, indem Sie Bücher und Texte kritisch lesen

Schreiben lernt man unter anderem durch? Na? Genau, durch Lesen. Bei vielen passiert das sozusagen im Vorbeigehen. Ungesteuert und unreflektiert. Sie können es aber auch gezielt angehen. Indem Sie Bücher und Texte kritisch, mit den Augen eines Schriftstellers lesen.

Wenn meine Teilnehmer mir Feedback zu meinen Schreibkursen geben, fällt auch oft der Satz: „Ich lese jetzt viel bewusster.“

Sie erkennen das, was sie gelernt haben, in Büchern und Texten wieder. Und sie bringen es in Verbindung mit den unterschwelligen Gefühlen, die sie beim Lesen verspürt haben und die sie sich nun besser erklären können. Gefühle wie: Das gefiel mir aber gar nicht. Oder: Das Buch langweilt mich. Oder: Himmel, ich kann diesen Text kaum aus den Fingern legen.

Das ist natürlich der ideale Lernerfolg.

Sie können diesen Lernerfolg aber auch ein wenig imitieren, indem Sie ebenfalls bewusster lesen. Lesen Sie sozusagen mit den Augen eines Schriftstellers. 😉

In einem früheren Beitrag hatte ich Ihnen dazu geraten, die Werke Ihrer Vorbilder kritisch zu lesen. Fragen Sie sich zum Beispiel, warum Sie Buch x oder Text y Ihres Lieblingsautors gut finden. Lernen Sie von anderen und verbessern Sie so Ihre eigene Handschrift.

Das gilt aber nicht nur für Lieblingsbücher. Das gilt grundsätzlich für alles, was Sie lesen.

Genießen Sie Ihr Lesevergnügen. Ich will es Ihnen nicht nehmen. Aber schalten Sie zugleich noch einen kleinen Spürhund ein und lassen Sie ihn die Ergüsse anderer kritisch lesen.

Wenn Sie wollen, können Sie sich zum Beispiel eine kleine Checkliste mit vorgegebenen Fragen anlegen. Diese Checkliste dient Ihnen als Blaupause, worauf Sie beim Lesen achten wollen. Gehen Sie die Liste entweder mental im Kopf durch oder füllen Sie sie beim oder nach dem Lesen aus.

Oder machen Sie sich beim oder nach dem Lesen grobe Aufzeichnungen. Halten Sie Stellen fest, die Ihnen irgendwie aufgefallen sind, ob positiv oder negativ. Vielleicht auch Beobachtungen, Fragen oder Erkenntnisse.

Fragen, an denen Sie sich orientieren könnten, sind zum Beispiel:

  • Mag ich diesen Text? Gefällt er mir? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
  • Welche Textstellen mag ich nur bedingt oder gar nicht? Woran liegt das? Was würde ich anders machen wollen oder besser finden?
  • Woran erinnere ich mich gut? Welche Textstellen kann ich klar vor Augen sehen? Und warum? (Besonders gut, besonders schlecht, interessante Sprachmittel und so weiter.)
  • Welchen Stil bevorzugt der Autor? Eher akademisch-sachlich-nüchtern, eher bürokratisch-formelhaft, eher farbig-flott? Wie unterscheidet sich dieser Stil von meinem eigenen?
  • Setzt der Autor bewusst bestimmte Gestaltungsmittel ein? Wenn ja, welche? Kann ich Marotten, wiederkehrende Floskeln oder Sprachmuster erkennen? Will ich sie für mich übernehmen?

Was mir ebenfalls wichtig ist, und worauf meines Erachtens viel zu wenig geachtet wird:

  • Passt der Inhalt zum Thema oder hätte ich etwas anderes dahinter vermutet?
  • Hat das Buch oder der Text einen roten Faden? Ist die Argumentation schlüssig?
  • Gibt es Brüche im Text? Wenn ja: Sind sie beabsichtigt? (Zum Beispiel, um die Spannung zu erhöhen?) Oder sind es Schwächen des Autors?
  • Ist der Text leicht verständlich und eingängig geschrieben? Wenn ja, wie könnte der Autor das erreicht haben?
  • Macht es Spaß, den Text zu lesen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
  • Und Ähnliches mehr.

Wenn Sie noch neu darin sind, „wie ein Schriftsteller zu lesen“, können Sie mit diesen Fragen Ihren Text ein zweites Mal durchgehen und nach Antworten suchen.

Haben Sie sich also zum Beispiel aufgeschrieben „ich weiß nicht, warum, aber ich komme ständig aus dem Lesefluß raus“? Dann könnte Ihnen beim zweiten Durchgang klarwerden, dass die ständigen Nebenthemen und zusammenhanglosen Szenen schuld sein könnten.

Haben Sie auf Ihrer Checkliste stehen, dass Sie neue Bücher auf ihren Schreibstil prüfen wollen? Dann könnten Sie zunächst das Buch in einem Rutsch runterlesen. Sie würden so wissen, worum es geht, und würden nicht ständig durch Ihre Neugier vom kritischen Lesen abgehalten werden. Nehmen Sie anschließend in einem zweiten Durchgang den Stil des Autors auseinander.

Sind Sie vertrauter damit, Texte zu analysieren, können Sie sich einen zweiten Durchgang sparen. Halten Sie lediglich ein halbes Ohr darauf gerichtet, was Sie durch das Lesen dieses Textes für Ihr Schreiben gewinnen können.

Extratipp 1: Kennen Sie Marotten oder Schwächen, die Sie gern tilgen wollen? Schreiben Sie zum Beispiel immer ellenlange Sätze, die erst nach einer halben Seite enden? (Kein Witz, das war eine meiner eigenen „Jugendsünden“.) Dann achten Sie beim Lesen gezielt darauf, wie andere Autoren Ihr Problem gelöst haben. Welche Strategien haben sie beispielsweise gefunden, einen Satz unter 15 Zeilen zu beenden? 😉

Extratipp 2: Schreiben Sie Rezensionen. Auch das hilft, ein Buch oder einen Text „mit den Augen eines Autors“ zu lesen. Vor allem, wenn Sie nicht nur „ablästern“, sondern konstruktiv sagen, was der Autor Ihrer Meinung nach auf welche Weise hätte besser machen können.

Und wie steht es mit Ihnen? Lesen Sie bewusst und kritisch? Was fällt Ihnen auf, was nicht? Konnten Sie Ihre Schreibkenntnisse damit schon verbessern?

© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 13.01.10

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