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Nutzen Sie Flussdiagramme, um fiktive Figuren zu charakterisieren

Eine der schwierigsten Aufgaben beim Schreiben ist es, Menschen und ihre Marotten glaubwürdig zu zeichnen.  Deshalb schlug ich einer Teilnehmerin aus dem IT-Bereich vor, es mit einem Ablauf- oder Flussdiagramm zu versuchen, um sich die Abfolgen und „Verzahnungen“ besser vor Augen zu führen.

Charakterstudien = Merkmale und Eigenschaften von fiktiven Figuren

Eine der schwierigsten Aufgaben beim Schreiben ist es, Menschen und ihre Marotten glaubwürdig zu zeichnen.

Natürlich können Sie schreiben: xx war ein entsetzlicher Choleriker. Oder: yy war in einer schweren Schaffenskrise.

Und das ist ja auch ganz nett bis informativ. Aber es nimmt den Leser nicht wirklich gefangen. Was Sie brauchen, damit Ihr Leser Anteil am Geschehen nimmt, sind farbige, nachvollziehbare Beispiele und Details. Damit jeder selbst sehen kann, warum yy in einer schweren Schaffenskrise ist.

Charakterisieren = Zeigen, nicht beschreiben

Die Kunst ist es, Einzelheiten dieser Charakterstudien („ist ein Choleriker, ist in einer Schaffenskrise“) im Text so mit den farbigen Details zu verklammern, dass im Kopf des Lesers ein Bild entsteht. (Oder natürlich auch ein ganzer „Film“, wenn es sich um Szenen handelt.)

Zeigen Sie dem Leser, wie xx seine Mitmenschen terrorisiert, so dass er von selbst zu dem Schluss kommt: Mit dem Mann ist nicht gut Kirschen essen. 😉

Aber, wie gesagt, so etwas zu zeigen, ist nicht leicht. Meine Teilnehmer stolpern immer wieder darüber, beim „xx war ein junger Mann Ende 20 und schon in einer Schaffenskrise“ stehen zu bleiben.

Oder wenn sie Details bringen, dann verzahnen sie sie nicht. Dann schreiben sie vielleicht (grob wiedergegeben): „xx war in einer schweren Schaffenskrise. Früher ging er noch raus und unter Leute. Heute kreisten alle seine Gedanken nur um sein Problem.“

Aber auch dabei entsteht kein Bild.

Deshalb schlug ich einer Teilnehmerin aus dem IT-Bereich vor, es mit einem Ablauf- oder Flussdiagramm zu versuchen, um sich die Abfolgen und „Verzahnungen“ besser vor Augen zu führen.

Was ist ein Ablaufdiagramm oder Flussdiagramm?

Ein Ablaufdiagramm oder Flussdiagramm wird unter anderem von Programmierern verwandt, um Programmabläufe grafisch zu veranschaulichen. Man findet sie aber auch in Management und Organisation, um beispielsweise wiederzugeben, wie man Schritt für Schritt zu einer Entscheidung kommt oder eine Organisation aufbaut.

Hier mal ein sehr einfaches Beispiel für ein Flussdiagramm:

 

Sehr einfaches Schema eines Flussdiagramms

 

Mit einem Ablaufdiagramm oder Flussdiagramm charakterisieren

Und so gehen Sie vor, wenn Sie mit einem Ablauf- oder Flussdiagramm eine Figur charakterisieren wollen.

Fragen Sie sich als erstes:

„Was will ich sagen oder zeigen?“

Antwort: Meine Figur ist in einer Schaffenskrise. Die Gedanken meines Helden kreisen nur noch um sein Problem. Selbst den Kontakt zu Freunden hat er abgebrochen. Und so weiter, und so fort.

Die logische Abfolge (so wie sie auch „in real life“ stattfindet) wäre also:

A) Der Mann hat ein Problem. –> B) Daraus folgt Krise und Fixiertheit auf Problem. –> C) Daraus folgt kein Kontakt mehr zu Freunden, Vernachlässigung von Hobbies und so weiter.

Logische Abfolge mit Flussdiagramm

Nur sollen Sie das ja jetzt nicht so schreiben. Sonst erklären Sie Ihrem Leser („sagen“), was er erst noch sehen sollen („zeigen“).

Um ein solches „Bild“ zu erzeugen, wäre eine bildliche Abfolge besser wie:

A) Der Mann spielt kein Badminton mehr. –> B) Früher hat er das noch getan, und zwar konkret mit seinem Freund Mickey. –> C) Er kann sich dazu nicht aufraffen, weil … (Seine Gedanken nur noch um das Problem kreisen. Weil er sich für seine Blamage schämt. Und und.)

Bildliche Abfolge mit Flussdiagramm

Garnieren Sie das Ganze noch mit ein, zwei Einzelheiten, die ein Bild oder eine Szene erzeugen. Also etwa: Der Telefonanruf des vernachlässigten Freundes. Oder: Der Blick auf den in der Ecke vor sich hinstaubenden (und lange nicht mehr gebrauchten) Badminton-Schläger. Oder: Die Badminton-Schuhe, über die Ihr Held beim Putzen stolpert.

Und geben Sie mit diesem Aufhänger die bildliche Abfolge von oben wieder.

Beispiel: „Das Telefon läutete hartnäckig. Wahrscheinlich Mickey, der mit ihm zum Badminton wollte. Sollte es läuten. Er hatte weiß Gott andere Sorgen.“ Und so weiter, und so fort.

Diese Art zu denken (und damit zu schreiben) hört sich zwar erst einmal sehr aufwändig an. Aber wenn Sie sie genug geübt haben und beherrschen, ist sie längst nicht so arbeitsintensiv wie befürchtet.

Versuchen Sie’s.

© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 28.01.10

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