Wenn man etwas finden, bekommen, erreichen will, ist es hilfreich, sein Ziel vor Augen zu haben und sich auf die Suche zu machen. Oft genug ist es aber gar nicht nötig, zu suchen. Man findet einfach so. Egal, ob Ideen, Lösungen, Texte, Produkte oder Architekturgiebel.
Üben Sie selbst und lassen Sie sich inspirieren.
Vor Jahren schrieb ich einmal für einen Auftraggeber etwas darüber, dass man zunächst einmal suchen muss, bevor man finden kann. Denn wer Sterntaler spiele und darauf warte, dass ihm das, was er finden will, in den Schoß falle, der käme nicht mehr zum Suchen – und würde folglich auch nichts finden.
Damit wollte ich darauf hinaus, dass man Ziele bräuchte. Man müsse wissen, was man finden wolle. Und dann müsse man suchen. Sonst würde kein Schuh draus.
Dazu stehe ich auch heute noch. Aber nicht nur.
Denn wie ich mir letztens mit einer Teilnehmerin schrieb: Man kann auch einfach nur finden, statt zu suchen.
Kleines Beispiel gefällig?
Ich war zwei Stunden lang durch die Stadt gelaufen und frustriert wieder zurückgekommen, weil ich die neuen Sommersachen, die ich haben wollte, nicht gefunden hatte.
Meine Teilnehmerin konnte das überhaupt nicht verstehen. Sie geht einfach los und findet etwas. Zuletzt beispielsweise ein paar funky-gestreifte Ballerinas.
Des Rätsels Lösung: Mein Frust rührt daher, dass ich bei solchen Aktionen immer etwas gezielt finden möchte. Und dann habe ich oft Pech, dass ich es nicht finde. Wenn ich einfach nur bummeln würde, so wie sie das tut, würde ich auch etwas finden. Vielleicht nicht das, was ich gesucht habe, aber dafür etwas anderes Schönes.
Ich nahm ihre Predigt zum Thema „loslassen und lockerer angehen“ reumütig an und versprach ihr, einen Artikel darüber zu schreiben.
Nun, hier ist er.
Ich hatte zuerst etwas Hoch-Philosophisches im Sinn. Aber dann fiel mir auf, dass man es auch prima als Tipp nehmen könne, wie man seine Inspiration und Kreativität ankurbelt.
Denn oft gehen wir zu geradlinig vor und blockieren uns damit selbst. Wir haben bestimmte Erwartungen und Muster im Kopf, die aber dazu führen, dass wir nur bestimmte Lösungen sehen. Oder eben auch nicht sehen. (Beziehungsweise finden.)
Diverse Kreativitätstechniken wie etwa die Lexikonmethode bringen bewusst den Zufall mit ins Spiel, um unseren Blick auch für Lösungen, die wir nicht gesucht haben, zu schärfen. Statt zielstrebig und vielleicht verbissen und mit verengter Wahrnehmung zu suchen, geht es hier darum, etwas zufällig zu finden und dann seinen Wert erkennen zu lernen.
Wie kann man also etwas finden, ohne zu suchen?
1. Das Ziellose, Zufällige fördern
Nun, Sie können zum einen das „ziellose Finden“ herausfordern.
- Bummeln Sie zum Beispiel ziellos durch die Stadt.
- Räumen Sie den Dachboden auf und stolpern Sie über alten Plunder.
- Stöbern Sie in diversen Unterlagen und Texten, bis Ihr Auge an etwas hängenbleibt.
- Spielen Sie mit den Details Ihres angedachten Produkts herum, bis es klick macht.
- Ziehen Sie durch die Straßen und lassen Sie Ihr Architekten-Auge schweifen.
Und, und.
Wichtig ist immer: Sie können ruhig professionell denken und sich zum Beispiel als Architekt fragen, wie Sie den seltenen, schmiedeeisernen Giebel vom Haus links als Anregung für sich selbst nutzen können. Gehen Sie aber nicht professionell vor und suchen Sie diverse Häuser nach Giebeltypen ab, die Sie für sich nutzen können.
Geben Sie dem Ziellosen, Zufälligen eine Chance.
2.Bei zufälligem Fund innehalten
Oder folgen Sie einfach Ihren Neigungen, ohne zu wissen, ob und was dabei herauskommen kann. Saugen Sie sich an etwas fest und lassen Sie sich begeistern.
So wie ich mich von einem ehemaligen Anbieter von Online-Kursen habe begeistern lassen, auf den ich zufällig gestoßen war. Meine Faszination war so groß, dass ich meine ursprünglichen Pläne in den Wind geschossen habe und es nie bereut habe.
Sollten Sie also gezielt suchen, halten Sie bei der Suche inne, wenn Sie zufällig etwas finden, und geben Sie diesem Zufälligen eine Chance.
3. Erwartungen und Muster ändern
Oder lassen Sie der Zeit und ihren Entwicklungen ihren Lauf. Seien Sie offen für die Haken, die das Leben so schlägt, und die Begegnungen, die es einem beschert.
Statt zum Beispiel ein fixes Bild vor Augen zu haben, wie Ihre Freunde aussehen sollten, lassen Sie das zu, was das Leben Ihnen stattdessen “an den Strand spült”.
Dabei fällt mir eine Schulfreundin ein, die beharrlich Listen führte, wie ihr zukünftiger Freund sein solle. Und genommen hat sie dann einen, der diesen Listen in so gut wie keiner Weise entsprach. Was haben wir herzlich gelacht.
Seien Sie bereit, Ihre Erwartungen und Muster zu ändern, und geben Sie diesem Unerwarteten eine Chance.
Wie findet man heraus, was man mit dem Gefundenen machen kann?
Tja, das ist Ihre Aufgabe und meine Übung für Sie. Überlegen Sie immer selbst: Was kann ich mit dem, was mir ins Auge springt, machen?
Sind Sie von der schreibenden Zunft? Dann überlegen Sie, was Sie aus dem Blättern in alten Texten für sich nutzen können. Vielleicht wollen Sie etwas umschreiben oder neu ansetzen. Oder vielleicht bringt auch nur eine Formulierung eine Saite in Ihnen zum Klingen.
Sind Sie selbstständig oder kommen Sie aus Marketing und Vertrieb? Dann überlegen Sie, was Ihnen Ihr zufälliger Fund für Ihr Business an Anregungen geben kann. Oder was würden Sie tun, wenn Sie den seltsamen, schmiedeeisernen Giebel verkaufen wollen würden?
Und so weiter, und so fort.
Übertragen und sich inspirieren lassen müssen Sie schon selbst. Ich kann Ihnen nur den Tipp geben, dass man nicht nur suchen muss, um zu finden. Manchmal findet man auch einfach so.
Das Maß macht’s eben. Wie üblich im Leben. Mmh?
© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 03.05.10
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