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Natürlich texten: So schreiben Sie, wie man spricht

Viele driften beim Schreiben in eine gehobene Schriftsprache ab. Ihre Texte klingen hölzern und unnatürlich. Es ist mühsam, sie zu lesen. Wenn Sie dagegen schreiben, wie man spricht, folgt Ihnen der Leser so leicht, als ob Sie einen kleinen Schwatz mit ihm halten würden. Einfacher gesagt, als getan? Na, hier habe ich vier Ideen für Sie.

Der Tipp ist nicht neu, man liest ihn immer wieder: „Wenn du natürlich, ungekünstelt, verständlich schreiben willst, dann schreib’ so, wie man spricht.“

Also kein Amtsdeutsch und keine Behördensprache. Kein „Bezug nehmend auf“ und „in Erwartung von“. Keine steifen Formulierungen und kein Schrauben in verstaubte Höhen.

Einfach schreiben, so wie man spricht. Locker, freundlich, so dass der Text beim Lesen nur so flutscht und man glaubt, einen Schwatz mit der netten Nachbarin zu halten. So macht das Lesen Spaß. Schließlich schwatzen wir alle viel lieber, als uns durch tote Texte und frustrierende Amtssprache zu quälen.

Nur, ahm, wie schreibt man eigentlich, wie man spricht?

Denn ich muss Sie enttäuschen: Wenn wir wirklich schreiben würden, wie wir sprechen, würde das ganz furchtbare Texte ergeben.

Da würde es von „ähms“ und „öhms“ und anderen Verlegenheitswörtern nur so wimmeln. Von Nuscheleien, Dialekt oder Jargon, fragwürdiger Grammatik, halben Sätzen, Rücksprüngen und Wiederholungen.

Im Gespräch fällt uns das kaum auf. Auf Papier sieht es grausam aus.

Das Ziel lautet deshalb nicht: „Schreibe, wie du sprichst.“

Das Ziel lautet wohl eher: „Schreibe, wie sich ein ideales, wohlklingendes Gespräch anhören würde.“

Und was können Sie tun, wenn Sie so einen bereinigten Schwatz mit Ihren Lesern halten wollen, ohne wieder in Ihre Schriftsprache zu verfallen?

1. Einen Text erzählen und verbessern

Das wäre die einfachste, buchstäbliche Variante: Reden Sie mit der Wand, dem Spiegel, dem Aufnahme-Gerät. Erzählen Sie, was Sie schreiben wollen. Nehmen Sie es auf und tippen Sie es dann ab. Oder greifen Sie schnell zum Stift, um die Worte festzuhalten, während sie Ihnen noch in den Ohren klingen. Beseitigen Sie alle sprachlichen Unzulänglichkeiten. Fertig.

Manchmal kann das allerdings umständlich und zeitaufwändig sein. Und mancher stellt vielleicht fest, dass ihm unter dem Druck, etwas frei formulieren zu müssen, erst recht nichts einfällt.

2. Die Schriftsprache loswerden

Einfacher kann es sein, die unnatürliche Schriftsprache loszuwerden.

Aufwärmen: Machen Sie dazu zum Beispiel ein kleines Free Writing. Das heißt, schreiben Sie einfach drauflos, ohne abzusetzen, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Lassen Sie es fließen.

Schreiben Sie sich warm, schreiben Sie Nonsense, egal. Hauptsache, Sie kommen nicht in Versuchung, angesichts des weißen Blatts vor Ihnen offiziell und verschraubt werden zu wollen. Haben Sie sich warmgeschrieben, geht es mit Schwung an Ihrem „eigentlichen“ Text weiter.

Ansprechen: Stellen Sie sich vor, mit Ihrem Blatt Papier (oder Ihrer Datei) zu reden. Das ist kein leeres Blatt. Da sitzt die nette Nachbarin, der Sie doch noch x und y und z erzählen wollten. Einen konkreten Adressaten vor Augen zu haben, hilft Ihnen, konkreter und lebendiger zu schreiben.

Tilgen: Wie gesagt, wir können – oder sollten – nicht genau so schreiben, wie wir reden. Aber wir können zumindest alles meiden, was wir nicht sagen würden. Würden Sie zur Nachbarin etwas sagen wie „bezugnehmend auf“? Sehen Sie? Was Ihnen nicht über die Lippen kommt, sollte auch nicht aus Ihrer Feder fließen. Streichen Sie’s.

3. Auf Melodie und Klang achten

Schriftsprache klingt nicht natürlich, weil ihr die Melodie eines solchen natürlichen Gesprächs fehlt. Wir waren zunächst Menschen der Sprache und des Ohrs, bevor wir zu Tinte und Feder griffen. Deshalb „hört“ unser Gehirn den Text. Oder genauer: Es möchte ihn gern hören.

Es möchte ihn wie Sprache hören, wie etwas, was ihm seine Ohren erzählen. Es hat Melodien und Rhythmen gespeichert, die es wiedererkennen möchte. Ein guter, natürlicher Text wird für uns deshalb auch immer gut klingen. Worte und Sätze, die kein Mensch spricht, wie „bezugnehmend auf“, tut das nicht.

Achten Sie darauf, wenn Sie schreiben. Lesen Sie sich Ihre Texte laut vor. Was sagen Ihre Ohren? Klingt er gut? Oder stolpern Sie noch über Unebenheiten? Verknotet sich Ihre Zunge? Dann bitte die entsprechende Passage schleunigst abändern. 😉

4. Trauen Sie sich einfach mal

Wie, Sie meinen, dass ein Text sich auf gar keinen Fall anhören darf „wie man spricht“? Sie befürchten, dass Sie sich lächerlich machen, wenn Sie auf dem Papier mit der Nachbarin schwatzen? In Ihrem Hinterkopf sitzt die Überzeugung, dass Schreiben ein gehobenes Kulturgut sei und auch so behandelt werden sollte?

Dann trauen Sie sich und schneiden Sie diese alten Zöpfe ab. Sonst werden Sie nie von Ihren Floskeln und Ihrem Holz-Stil wegkommen. Schreiben ist auch eine Einstellungs- und Mut-Frage. Brechen Sie mit solchen Überzeugungen und Konventionen. Machen Sie den Test – und lassen Sie sich überraschen: Von natürlichen, melodischen Texten, die einfach Spaß machen, zu lesen.

© 2010 Heike Thormann, Erstveröffentlichung 25.06.10

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