Wunschlos glücklich: Weg mit den Zielen, her mit der Leidenschaft
1. Februar 2010 von Heike Thormann
So könnte man den Kommentar einer Leserin in etwa zusammenfassen: Sie sei eigentlich zufrieden. Nur leider sei das ja so gar nicht angesagt. Und das mache sie wieder unzufrieden. Ziele haben zu müssen und zu wissen, „was will ich“, belaste sie. Lieber wolle sie mehr Leidenschaft entwickeln.
Und da hat sie meiner Meinung nach völlig Recht. Oder genauer: Das eine ist ohne das andere nicht viel wert.
Dazu fällt mir eine Studienkollegin ein, die mit über 30 eine sichere Anwaltskarriere in Daddys Kanzlei hinwarf, in ein Studenten-Wohnheim zog und noch mal von vorn anfing, um ihrer großen Leidenschaft zu frönen: Als schlecht bezahlte Archäologin mit der Schüppe in der Hand auf Grabungsstätten zu buddeln.
Denn das Problem ist, dass Ziele ohne Leidenschaft oft Vernunftziele sind. Es sind Dinge, die wir wollen, ohne sie wirklich zu wollen. Wie etwa die Anwaltskarriere in Daddys Kanzlei. Wenn man diese dann anvisiert, befriedigen sie einen nicht. Sie hinterlassen ein schales Gefühl. Egal, wie sehr man damit auch dem folgt, was „angesagt“ ist.
Andererseits hat man in dieser Gesellschaft Ziele zu haben und etwas erreichen zu wollen. Einfach wunschlos glücklich vor sich hin zu leben, gilt nicht in einer Welt, die einen schon aus Konsumgründen glauben macht, dass man immer mehr haben müsse.
Nun bin ich zwar durchaus auch für den Ehrgeiz, etwas erreichen zu wollen. Aber die Frage ist, wo und wie ich diesen Ehrgeiz nutze. Gieße ich ihn in das „ich muss Ziele haben“ und das Mehr? Oder gieße ich ihn in das „ich will meiner Leidenschaft frönen, und wenn das bedeutet, ich will das, was ich mache, schlicht bewusster und intensiver tun“?
Ziele sollten weder mit der falschen Motivation gewählt werden. Noch sollten sie um ihrer selbst willen gewählt werden. Es kann nicht unser Ziel sein, Daddys Kanzlei zu übernehmen, wenn wir das gar nicht wollen. Und es kann nicht unser Ziel sein, etwas erreichen zu wollen, nur um uns mit immer mehr Federn schmücken zu können.
Ziele sind für mich eine Umsetzungshilfe. Mehr nicht. Sie sollten erst an zweiter Stelle in der Reihenfolge kommen. Vor jedem Ziel steht zunächst einmal der Wunsch. Und wenn der Wunsch Ausdruck einer Leidenschaft ist, läuft man auch erheblich weniger Gefahr, die falschen Ziele zu wählen.
Mit anderen Worten: Wenn es Ihr Wunsch ist, so weiterzumachen wie bisher, nur zu. Dann ist das auch Ihr Ziel. Was gibt es daran auszusetzen?
Und falls Sie noch ein wenig auf der Suche nach Ihrer kreativen Leidenschaft sein sollten, habe ich hier ein paar Fragen für Sie. Beantworten Sie sie ehrlich und selbstkritisch, und Sie dürften Ihren Wünschen ein Stück näher sein.
Sich über Prioritäten klarwerden
Für was wäre ich bereit, Verzicht zu üben? Oder einen Preis zu bezahlen? Für was würde ich beispielsweise den sicheren, gutbezahlten Posten in Daddys Kanzlei sausen lassen?
Sich über die eigene Motivation klarwerden
Würde ich das, was ich tue, auch tun, wenn ich damit nicht den Erwartungen und dem Vorbild von x folge? Wenn ich diesen Erwartungen vielleicht sogar zuwiderhandle? (Wobei x beliebig zu ersetzen ist durch Eltern, Großeltern, Freunde, Partner, und und.)
Sich über die Stärke von Leidenschaft und Ziel klarwerden
Würde ich das, was ich tue, auch tun, wenn ich mich damit von meiner sogenannten „peer-group“, meinem sozialen Umfeld, den Menschen in meinem Leben unterscheide? Wenn ich etwas ganz anderes mache als sie, und deshalb vielleicht das Gefühl habe, am Rand zu stehen und nicht mitreden zu können?
Sich über das Ergebnis klarwerden
Was würde ich nicht aufgeben wollen? Was würde ich um seiner selbst willen behalten wollen, auch wenn man mir etwas ganz anderes bietet? Was würde ich vermissen?
Natürlich sind auch noch etliche andere Fragen denkbar. Und auf manche Ihrer Wünsche werden sie vielleicht nicht zutreffen. Formulieren Sie in dem Fall einfach Ihre eigenen Fragen.
Denn egal, ob Sie sich als zukünftigen Bestseller-Autoren sehen oder doch lieber die Kanzlei übernehmen wollen: Wenn Sie es mit Leidenschaft tun und zur Not auch gegen Hindernisse und Widerstände, werden Sie immer bessere Karten haben, Ihre Ziele (genau
) auch zu erreichen.
Und was ist mit Ihren Zielen und Ihrer kreativen Leidenschaft? Stimmen beide überein?
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2 Kommentare zu “Wunschlos glücklich: Weg mit den Zielen, her mit der Leidenschaft”
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In meinen Büro hängt ein Ausspruch von Einstein, der da lautet: “Wer ein glückliches Leben führen möchte, muss sich Ziele setzen”. Grundsätzlich – also fürs Lebensziel – stimme ich dem zu, um die gewünschte Richtung stets in Peilung zu haben.
Allerdings bemerkte ich bei mir Unwohlsein, wenn ich für mich Ziele definieren wollte. Seit ich nach einem Jahres-Motto (beschrieben mit allen Sinnen) statt nach einem Jahres-Ziel (beschrieben mit Zeit, Größen, Mengen udg.) lebe, erfahre ich mehr Freude, Begeisterung, Hingabe, ja eben Leidenschaft auf meinem Weg.
Zu dem hilft mir das Motto enorm bei den vielen kleinen Entscheidungen, die alltäglich beruflich und privat zu treffen sind. Passt es zum Motto wird es gemacht, passt es nicht, dann fällt es weg.
Hallo Jackie,
Allerdings bemerkte ich bei mir Unwohlsein,
wenn ich für mich Ziele definieren wollte.
vielleicht auch, weil Du (ich bleibe mal beim “internetten Du”) …
stimme ich dem zu, um die
gewünschte Richtung stets in Peilung zu haben.
… unbewusst Ziele mit Richtung gleichsetzt?
Während ein Ziel ja durchaus auch …
Seit ich nach einem Jahres-Motto
(beschrieben mit allen Sinnen)
… ein sinnhaft erfahrener und vorgestellter Wunsch sein kann?
Und ja, ich weiß, standardmäßig sollten Ziele SMART sein. Messbar, terminiert, und so weiter, und so fort. Nach der einen Begriffsdefinition.
Aber wenn man Ziele auch definiert als etwas, was man haben möchte / was einem etwas gibt? Als Blaupause (”Motto”), vor dessen Hintergrund man alles andere abwägt und beurteilt?
Wenn ein Ziel also schlicht zum Beispiel bedeutet “ich möchte mehr Zeit für mich haben, das ist mein Ziel für dieses Jahr”. Und wenn man dieses “Ober-Ziel” dann in SMART-greifbare und umsetzbare kleine (Teil-) Ziele herunterbricht?
Passt es zum Motto wird es gemacht,
passt es nicht, dann fällt es weg.
Genau, so sehe ich das auch. Ich denke, wir meinen beide das Gleiche. Und wer weiß, ob Einstein das nicht auch meinte. Das ist das Problem mit Definitionen.
Dir noch viel Begeisterung und Erfüllung mit Deinem Jahres-Motto.
LG Heike